Atari Lynx – der „Knochen“, den kaum jemand kannte

Die Mutter aller Handhelds, der Nintendo Game Boy, kam in Europa kaum früher als der Atari Lynx auf den Markt. Und obwohl er in Sachen Leistung, Grafik und Sound dem Lynx unterlegen war, feierte der Game Boy seinen Siegeszug. Jeder kannte ihn, viele hatten ihn. Den Lynx hingegen kannte kaum jemand. Ein schlecht vermarkteter Exot, zum Launch mit einem Preis von DM 399,- gut doppelt so teuer wie der Game Boy, das Spieleangebot überschaubar und keines der Spiele wirklich herausragend. Eigentlich kein Grund, diesem Flop nachzuweinen, oder?

Atari Lynx

Atari Lynx – erste Generation

Die Zukunft hieß „Lynx“

Ich lies mich vom Preis nicht abschrecken. Das Taschengeld über Monate gespart, kaufte ich mir 1990 den Lynx. Mit California Games als einzigem Spiel war ich erst einmal glücklich. Spielen in Farbe, kräftiger Sound und ein beeindruckendes und im Dunkeln beleuchtetes LC-Display. Hinzu kam, dass man das Ding fast überall hin mitnehmen konnte. Die sechs Mignon-Batterien waren allerdings schnell leer gespielt, da die Beleuchtung des Displays reichlich Strom fraß. Aber das störte mich nicht, und wenn irgendwo eine Steckdose vorhanden war, habe ich einfach das Netzteil mitgenommen. Im Schrebergarten, bei Verwandten, selbst im Klassenzimmer wurde gezockt. Ich kaufte mir weitere Spiele und hoffte, dass dem Lynx die Zukunft gehört – und noch viele gute Games erscheinen.

Erste Handvoll an Lynx-Spielen

Obwohl keines der Spiele überwältigend war, waren Sie alle solide und brauchbar. Besonders hervorzuheben sind Chip’s Challenge und Blue Lightning. Ebenso die beiden Shooter Zarlor Mercenary und Gates of Zendocon. Das bis dato einzige Jump’n’Run Scrapyard Dog hat mir ebenso gut gefallen, obwohl es kein Vergleich mit Super Mario war.

Desillusion

Ich wartete weiterhin auf den Durchbruch des Lynx. Natürlich kam es anders. Atari hatte das Marketing verbockt, und nur wenige wurden auf den „Highend-Hundeknochen“ aufmerksam. Und die, die aufmerksam wurden, ließen sich vom Preis oder dem mangelnden Spieleangebot abschrecken. Vielleicht war es gar nicht so sehr die geringe Menge an Spielen – es fehlte einfach ein herausragender Titel. Das, was Mario für Nintendo und Sonic für Sega war. Ein Zugpferd beim Lynx? … leider Fehlanzeige. Folglich waren die Absätze schleppend und der Bekanntheitsgrad gering.

1991 brachte Atari mit dem Lynx II einen verbesserten Nachfolger heraus. Geringerer Stromverbrauch, etwas handlicher und preislich günstiger. Aber es gab nicht mehr viel zu retten. Hinzu kam, dass Sega mit dem Game Gear ein technisch vergleichbares Gerät herausbrachte. Handlich, mit optionalem TV-Tuner und weitaus besser vermarktet. Mit ca. 11 Millionen verkauften Geräten lag der Game Gear zwar immer noch deutlich hinter dem Game Boy (ca. 119 Mio.), hatte dafür aber für die weltweit ca. 500.000 verkauften Lynx-Konsolen nur ein müdes Grinsen übrig.

Halten wir also fest: der Lynx war ein finanzieller Flop und das Angebot an guten Spielen überschaubar. Dennoch erreichte diese Konsole in der Fangemeinde Kultstatus. Selbst heute werden noch hin und wieder „Homebrew“-Lynx-Spiele entwickelt. Und das Gerät hat auch bei mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Es war einfach eine geile Zeit, in der Jugend zum ersten Mal mobil spielen zu können. Sicher hätte es auch ein Game Boy irgendwie getan, aber mal ehrlich: diese fürchterlichen Grautöne und dieses Gepiepse …

Links

Tutorial, um selber Lynx-Spiele zu entwickeln
Atari Lynx – Rarity Guide
Reviews der meisten Lynx Games

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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Ein Kommentar

  • John Down
    04.10.2014, 9:40 Uhr.

    Der Lynx war schon ziemlich geil 🙂