Babylon 5 – Blick in eine andere Zukunft

Die Science-Fiction-Serie Babylon 5, die in der Zeit von 1995 bis 1999 in Deutschland ausgestrahlt wurde, gab uns sowohl einen ungewöhnlichen Blick in die Zukunft des Fernsehens, als auch auf die der Menschheit. In die Zukunft des Fernsehens, weil hier zum ersten Mal ein gutes Dutzend verschiedener Handlungsstränge aus persönlichen Lastern, intergalaktischen Epen und planetaren Konflikten über fünf Staffeln gespannt wurden. Das gab es in der Form für Science-Fiction-Serien noch nicht.

Babylon 5 - Blick in die Zukunft

Babylon 5 – Blick in die Zukunft

Babylon 5 gewährte einen Einblick in die Zukunft der Menschheit, den wir in den Neunzigern so  noch nicht kannten. Im Gegensatz zu Star Trek zeigte Babylon 5 eine Menschheit, bei der nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen war. Es wurde eine Menschheit mit all ihren Fehlern gezeigt; angefangen vom drogensüchtigen Personal, über gelebten Rassismus (gegen Außerirdische), über Unterdrückung von Menschen in entfernten Kolonien bis hin zum Wandel einer demokratischen Erdregierung zu einer Diktatur.

Die Menschen […] sind besser, als sie glauben, und edler, als sie wissen. Sie tragen die Fähigkeit in sich, zwischen den Sternen wie Giganten zu gehen.

Delenn

Dazu gab es vielschichtige Charaktere, die sich im Lauf der Serie entwickeln. Es gab Raumschlachten mit sich gegenseitig rammenden Raumschiffen und einen großartigen Soundtrack auf 28 CDs. Und es gab Internetforen, in denen der Autor selbst mit seinen Fans kommunizierte. Das war anders, das war neu.

Und so beginnt es …

Die Handlung der Serie beginnt zehn Jahre nach dem Ende des Kriegs zwischen den Menschen und den Minbari. Die Beteiligten haben eine neutrale Raumstation namens Babylon 5 aufgebaut, um zukünftige militärische Konflikte zu vermeiden und um Handel zu treiben. Jede wichtige Rasse hat einen Botschafter auf Babylon 5. Die Raumstation bildet den Mittelpunkt der Serie.

Jede der fünf Staffeln umfasst den Handlungsstrang von circa einem Jahr in der Serie, wobei gelegentliche Ausflüge in die Vergangenheit oder die Zukunft auch ein Bestandteil der Serie sind. Babylon 5 ist eine Space Opera. Und ab der dritten Staffel sind die Handlungsstränge so verwoben, dass die Folgen nicht losgelöst aus dem Ganzen geschaut werden sollten.

Kriegsrat der G'Kar

Kriegsrat der G’Kar

Es gibt Dinge im Universum, die sind Milliarden Jahre älter als irgendeine unserer Rassen. Sie sind riesig, zeitlos.

G’Kar

Der umspannende Epos

Den äußeren Handlungsrahmen der Serie bildet ein uralter Konflikt; der Konflikt zwischen Chaos auf der einen und Ordnung auf der anderen Seite. Die Seiten werden durch die uralten Rassen der Schatten und Vorlonen repräsentiert. Beide Seiten bekriegen sich alle paar tausend Jahre, und dabei werden die sogenannten jungen Rassen im Universum mit eingespannt. Dieser Handlungsstrang wird in kleinen und mystisch verpackten Häppchen über drei Staffeln aufgebaut und entlädt sich in der vierten Staffel, wenn die Vorlonen ihre Planetenzerstörer (die machen genau das, was der Name sagt) zum Einsatz bringen.

Niemand auf Babylon 5 ist genau das, was er zu sein scheint.

G’Kar

Die anderen Geschichten

Wie es sich für eine Space Opera gehört, gibt es dutzende weitere Handlungsstränge. Auf Seiten der Menschen bilden Captain John Sheridan, Susan Ivanova, Michael Garibaldi und Dr. Franklin den inneren Kern des Stationspersonals, mit all ihren persönlichen Konflikten und Geschichten. Die Botschafter der Minbari (Delenn), der Narn (G’Kar) und der Centauri (Londo Mollari) mit ihren Attachés erweitern diesen Kern und bringen dann auch die Konflikte ihrer Heimatplaneten und Kolonien mit. Es gibt viele weitere Protagonisten, die neue Konflikte, Intrigen und im Regelfall Leid auf die Station bringen.

Verstehen ist ein dreischneidiges Schwert.

Vorlonisches Sprichwort

Rassen, Raumschiffe und viel Fantasie

Zahlreiche Rassen bevölkern das Babylon 5-Universum. Diese Rassen haben optisch alle diesen schönen Neunziger-Charme, denn bis auf zwei der rund 30 Rassen wird hier nichts animiert. Es gibt entweder aufwendiges Make-up, Gesichtsmasken oder Schutzanzüge. Jede Rasse hat eine Geschichte, ein eigenes soziales Gefüge und fantasiereiche Kleidung.

Die Vergangenheit prägt uns, die Gegenwart verwirrt uns und die Zukunft ängstigt uns.

Imperator Turhan

So vielfältig wie die Rassen sind die Raumschiffe, die sie benutzen. Besonders ausgefallen sind die Raumschiffe der Minbari, die riesigen graziösen Fischen ähneln. Die Vorlonenraumschiffe sind ein Mischung aus Blüten und Tintenfisch. Demgegenüber sehen Raumschiffe der Menschen wie zweckmäßige Metallbüchsen aus. Ein schöner Nebeneffekt bei den Raumschiffen der Menschen sind die rotierenden Mittelbereiche, die für die Erzeugung von künstlicher Schwerkraft benötigt werden. Auch das ist mal etwas Neues im Fernsehen der Neunziger.

Ständiger Wandel, Krieg und Tod

Wenn es eine Konstante im Babylon 5-Universum gibt, dann ist das Veränderung. Das gilt besonders für die Charaktere. Stereotypen sind hier rar gesät und tauchen in der Regel nur für eine Episode auf. Die anderen Charaktere befinden sich mal langsamer und auch mal schneller im Fluss. Die einen werden von Kriegern zu religiösen Führern, die anderen vom Soldaten zum Anführer eine interstellaren Allianz, und wieder andere sterben einfach. Es gibt auch einen optischen Wandel, denn einige der Protagonisten durchlaufen Metamorphosen, an deren Ende etwas optisch Neues entsteht.

Ebenfalls ungewöhnlich für eine TV Serie dieser Zeit war, dass bei all den Raumschlachten das Leid der Zivilbevölkerung und der einfachen Soldaten nicht vergessen wurde. Ganz im Gegenteil: in den ersten beiden Staffeln wird immer wieder das Leid des Einzelnen gezeigt. Sei es Soldat, Zivilist oder verwirrter Kriegsveteran. Und in der Hochphase der kriegerischen Auseinandersetzungen, in der vierten Staffel, wird das Thema Kriegsflüchtlinge zum wichtigen Thema.

Da die dunklen Seiten von Konflikten nur wenig geschönt werden, wird man in Babylon 5 gleich zwei Mal Zeuge von Folter (nicht auf dem Niveau von Homeland oder 24), von mehreren aussterbenden Rassen und von einen mit Massenvernichtungswaffen durchgeführten Genozid. Das ist recht harter Tobak für Sci-Fi.

Ivanova: „Haben Sie einen Plan?“

Sheridan: „Wir versuchen zu überleben, das ist alles.“

Ivanova: „Brilliant!“

Humor und Soundtrack

Trotz all dieser düsteren Themen existiert, wenn auch schwer vorstellbar, eine humoristische Leichtigkeit, die man in heutigen allzu ernsten Sci-Fi-Serien vermisst. Der Humor macht die düsteren Themen erträglich und die Protagnisten so angenehm menschlich (auch die Außerirdischen). So treffen sich die Attachés des Minbari- und Centauri-Botschafters zur gegenseitigen Psychohygiene wortlos an der Bar. Die Menschen, und dort besonders die Russin Ivanova, nutzen Sarkasmus bzw. Klischees zum Auflockern des trüben Stationslebens. Und es fehlen auch nicht die Running Gags, wie die kryptischen Antworten des Vorlonenbotschafters. Und wir sehen, wie sich das Leitungspersonal auf dem Gemeinschaftsklo über Politik unterhält.

Außergewöhnlich für die Neunziger und eigentlich auch noch für die heutige Zeit ist der Soundtrack. Christopher Franke (Tangerine Dream) komponierte die Musik für alle Episoden der ersten vier Staffeln. Obwohl es wiederkehrende Melodien gibt, entstand für viele Episoden ein individueller Soundtrack. Dieser Soundtrack wurde auf 28 (!) CDs veröffentlicht und macht durch seinen neunziger Jahre typischen elektronischen Ambient-Sound Babylon 5 zu einem besonderen Hörerlebnis.

Sie können nach Z’Ha’Dum gehen, aber sie werden sterben …

Kosh

Das Ende nach 110 Episoden

Nach 110 Episoden war dann Schluss. Aber diese 110. Episode trieb auch dem hartgesottensten Sci-Fi-Fan die Tränen in die Augen. Der Hauptprotagonist Sheridan bricht auf um zu sterben, verabschiedet sich von den überlebenden Freunden, von seiner Frau und von Babylon 5. Das alles mit wunderschöner und trauriger Musik, vielen Rückblenden und tiefgründigen Reden. Dann ist es vorbei, 110 Episoden, der Held ist tot, Babylon 5 explodiert und man könnte nur noch heulen – auch das war neu in den Neunzigern.

Nar-Wache mit Centauri Frau - Erbfeinde

Nar-Wache mit Centauri Frau – Erbfeinde

Was bleibt

Trotz zahlreicher Versuche konnte das Babylon 5 Universum nach dem Ende der Serie nicht wiederbelebt werden. Der Nachfolger Crusade wurde nach 13 Folgen eingestellt, und ein weiterer Spin-Off namens Legend of the Rangers schaffte es nicht einmal über den Pilotfilm hinaus. Für Fans der Serie sind die fünf separaten Babylon 5-Filme, deren Qualität zwischen großartig und okay schwankt, zumindest ein kleiner Wehmutstropfen.

Diese Serie war ihrer Zeit weit voraus und trotzdem mit Sound und Optik so typisch für Sci-Fi der Neunziger. Ein langfristig ausgelegter Plot über mehrere Staffeln ist heute normal, damals war es eine Innovation. Vielschichtige Charaktere und finstere Visionen der Zukunft in Serien sind beliebter denn je, damals waren sie jedoch in Serien gänzlich unbekannt. Babylon 5 wird sich dem ewigen Vergleich mit Star Trek: Deep Space 9 gefallen lassen müssen und braucht sich dabei nicht verstecken. Story, Charaktere, Soundtrack und der Humor machen Babylon 5 immer noch zu etwas ganz besonderem.

Links

Goldkanal
Babylon 5 Lurkers Guide Deutsch
Christopher Franke

Autorenbild

Lars Händler

Nerd, Jahrgang 78. Lars wurde mit Star Trek, Babylon 5 und Star Wars sozialisiert. Bis heute ist bekennender Sci-Fi Fan mit einem Babylon 5 Raumstationmodell und zahlreichen Kotobukiya Figuren auf dem Schreibtisch. Seine Brötchen verdient er als Softwareentwickler und er liebt Open Source fast genauso wie seine Acid Techno / Trance Plattensammlung.

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