UK Hardcore – Britischer Hype der frühen Neunziger

Der Begriff Hardcore in der elektronischen Musik ist mehrdeutig, stellen sich viele darunter etwas anderes vor … im schlimmsten Fall die Dancefloor-Band Scooter. Aber mit Hardcore ist hier weder „Hyper Hyper“ noch hartes Techno-Geknatter aus Rotterdam gemeint. Es geht zu den Britischen Inseln, zu den Wurzeln des Drum ’n‘ Bass vor gut 25 Jahren.

UK Hardcore – Britischer Hype der frühen Neunziger

UK Hardcore – Britischer Hype der frühen Neunziger

1991: Breakbeat statt Techno

Die Briten tanzen ja gerne aus der Reihe. Zumindest, was Geschmack und Lifestyle angeht. Und wenn dem nicht so wäre, hätten viele Innovationen in der Musik nie stattgefunden. So ähnlich war es auch beim Rave. Während bei uns die frühen Raver mit Staubsauger, Trillerpfeife und Gasmaske bewaffnet zu monotonem Techno abfeierten, entstand auf der Insel musikalisch etwas anderes. Dort hatte man den Rhythmus wortwörtlich gebrochen, indem man Breaks von alten Funk-Platten sampelte, loopte und sie auf mindestens 135 BPM hochpitchte. Dieses Grundrezept ließ sich beliebig mit Effekten, Synths und weiteren Samples garnieren. Geboren war Breakbeat, oder eben die UK-Variante des Hardcore.

Hintergrund dieser Entwicklung, so lässt sich vermuten, war die ausgeprägte britische Hip-Hop-Kultur der späten Achtziger. Dementsprechend hatten viele Hardcore-DJs diesen Background und folglich einen völlig anderen Mix-Stil als ihre Techno-Kollegen. Schnelle Crossfader-Überblendungen, Spinbacks und Scratches waren typische Elemente vieler Hardcore-Mixes, zu denen sich oft auch ein MC gesellte.

Vielen Tracks des frühen Hardcore war noch deutlich der Einfluss des Rave anzumerken. Aber wenn man nicht gerade oft in London unterwegs war, bekam man als Festland-Europäer davon nicht viel mit. Den Durchbruch in unsere Clubs hatte UK Hardcore nie wirklich gefunden. Dafür gab es Anfang 1993 einen kurzen Gastauftritt in unseren Charts. „Out of Space“ von The Prodigy wurde ein internationaler Hit. Und niemand wusste so richtig, wo man das Teil musikalisch einordnen sollte. Und gleichzeitig war bereits 1993 das Ende des frühen Hardcore besiegelt, da die Szene sich in zwei neue Strömungen aufteilte.

Introducing: 4-Beat and Jungle

Bereits ab 1992 verschwand der Rave-Einfluss immer mehr und zwei völlig individuelle Genres entstanden um den Schmelztiegel London herum. Dancehall-Einflüsse formten Jungle. Und daneben entsprang die etwas fröhlichere Variante 4-beat aus Hardcore heraus. Diese wird bei uns meist als Happy Hardcore bezeichnet, wobei auch dieser Begriff wieder mehrdeutig ist. Nicht zu verwechseln mit der Kirmesmusik, die es noch heute gibt – dem Soundtrack für Menschen mit musikalischer Ageusie. Wie dem auch sei, das Gegenteil von Happy Hardcore hieß Darkside oder auch Darkcore, ist aber nur eine Randbemerkung wert, da im Grunde nur die Piano-Samples durch düstere Flächen und Samples ersetzt wurden. Mit der Weiterentwicklung der Musik stieg auch die Geschwindigkeit rasant an. Pendelte der frühe Hardcore zwischen 135 und 145 BPM, so war er inzwischen bei 150 bis 165 BPM angelangt.

Neben diesen beiden Sprösslingen keimte noch etwas anderes, das anfangs mehr ein Nischendasein fristete und später im Drum ’n‘ Bass weiterlebte. Pioniere wie LTJ Bukem erschufen bereits 1992 eine Art „intelligenten“ Breakbeat – viel weniger brachial, teilweise atmosphärischer Natur, mit komplexeren Strukturen und Rhythmen. Diesen als Artcore bezeichneten Stil brachte z. B. LTJ Bukem’s Label „Good Looking Records“ ebenso wie Rob Playford’s „Moving Shadow“-Label hervor, die ihrer Zeit weit voraus waren. Lange bevor Ausnahme-Produzenten wie Photek zeigten, dass hochkomplexe Drum-Pattern nicht nur den Geist ansprechen, sondern auch gut tanzbar sind.

Der UK-Hype aus deutscher Sicht

Bei uns machte der Hardcore-Hype dann doch noch halt. Es muss Anfang 1994 gewesen sein und einer der Kumpels, der eigentlich nur auf Techno abfeierte, zauberte aus dem Hut ein Breakbeat-Mixtape und verkündete überzeugt, dass Techno ab jetzt total out ist. Anfangs noch skeptisch zum schrägen Sound mit den gepitchten Vocals und schweren Bässen, ließ auch ich mich schnell anfixen – und die ersten Breakbeat- und Jungle-Tapes füllten meine Sammlung. Und dann ging auch alles recht schnell. Lokale Techno-Clubs veranstalteten Breakbeat- und Jungle-Partys und der Kleidungsstil mit den weiten Hosen, Hoodies und den Vintage-Sneakern wurde in der Szene populär.

Camden Market

Camden Market (Quelle: Grim23@commons.wikimedia.org)

Dann ging es im Sommer 1994 auch für ein paar Tage direkt ins Zentrum des Basses nach London, wo wir paar jugendlichen Deutschen abends mit Ghettoblaster am Piccadilly Circus saßen und mit Breakbeat-Mixtapes dem Verkehrslärm trotzten. Unser Mekka hieß Camden Market, wo unzählige Plattenlabels ihren Stand hatten und in jeder Seitenstraße mindestens ein Vinyl Shop lockte. Hier konnte man die Kultur und den Underground hautnah spüren. Spät am Abend ging es dann in die Clubs – vorher auf der Straße beim Rastamann natürlich noch die obligatorischen Pillen und Gras gekauft.

„Drum and Bass“ schluckte alles

Mit Begriffen wie Jungle, Early Hardcore oder 4-Beat kann die heutige Jugend wahrscheinlich nicht viel anfangen. Klar, starben diese Genres doch spätestens um 1995 aus. Ein neues Schlagwort machte bereits seit 1993 die Runde und wurde später zum alleinigen Oberbegriff für Breakbeat-basierte Sounds. Dabei ist die Phrase Drum and Bass deutlich älter und wurde bereits Ende der Achtziger bei Londoner Piratensendern gebraucht, um den einzigartigen Groove zu bezeichnen. Mit fortscheitender Kommerzialisierung des Hardcore kam dieser Begriff wohl ziemlich gelegen, auch klang Breakbeat ab Mitte der Neunziger auch anders. Großes Novum war, dass immer weniger geloopte Break-Samples als Basis dienten und man dazu überging, die Drum-Pattern mit Drummachines selber zu bauen.

Drum and Bass betrat offiziell die Bühne und brachte in den folgenden Jahren bis hin zur Gegenwart etliche Subgenres hervor. Darunter kurze Intermezzos wie Techstep, das um 1998 besonders durch Makai, Photek, Lemon D und dem Renegade Hardware Label gut in Erinnerung geblieben ist. Aber auch prominente Subgenres wie Hardstep mit viel minimaleren Strukturen, dafür harten Beats und wuchtigen Bässen.

Und so hat Drum ’n‘ Bass längst den Untergrund verlassen, wurde allgemein populär und teilweise auch kommerziell. So ist es auch nicht verwunderlich, dass sich ein kitschiger Trend namens „Melodic Drum and Bass“ wie Japanischer Staudenknöterich unkontrolliert ausbreitet. Vielleicht liegt es an unserer doch recht unsicheren Zeit, dass sich viele so sehr nach kitschiger Heile-Welt-Musik sehnen? Oder ist der Musikgeschmack durch Umweltverschmutzung, DSDS und Gen-Food inzwischen so degeneriert, dass man diese Entwicklung einfach hinnehmen muss?

In the mix: „Paul Presents Hardware“

Um diesen Rückblick wie üblich auch musikalisch abzurunden, folgt mein passender Retro-Mix. Kantig, roh und zwischen 145 bis 165 BPM alles andere als weichgespült. Jungle, 4-beat und ein paar frühe Hardcore-Klassiker satte 52 Minuten in the Mix.

  1. Badman – War In ’94 [IQ 1994]
  2. Sunshine Productions – Above the Clouds (Vibes Mix) [Just Another Label 1992]
  3. A Zone – Calling the People [White House 1994]
  4. Deep Blue – Helicopter Tune [Moving Shadow 1993]
  5. Dubscientist – Dubscientist Part 1 [Gash 1995]
  6. D.J. Fallout – Storm Warning [Rough Tone 1994]
  7. Berty B & Dillinja – Lionheart [Lionheart 1994]
  8. DJ Dextrous – King Of The Jungle (VIP Mix) [Breakdown 1994]
  9. DJ Nexusottpotential – The Nex’d Ardsteppa [Cookie Jar 1995]
  10. Red One – Alive ‚N‘ Kickin‘ [Liftin‘ Spirit 1994]
  11. First Project – Right Before [Fokus U.K. 1992]
  12. Mystery Man – D.J. Business [Fokus U.K. 1992]
  13. Audio Assault – The Experiment [Rising High 1992]
  14. Orca – Alive & Kickin [Lucky Spin 1993]
  15. Da Captains Of Phuture – Legendary Fight [Riot Beats 1994]
  16. Orca – 4am (Remix) [Lucky Spin 1993]

Autorenbild

Paul Katz

Paul Katz schreibt über alles, was mit elektronischer Musik von gestern zu tun hat. Die Jugend in den frühen Neunzigern verbracht, kaufte er sich damals zwei Turntables plus Mixer, allerlei Techno- und Trance-Vinyl und experimentierte fleißig herum. Mangels Zeit und Erfolg hing er sein Hobby wenige Jahre später an den Nagel, verkaufte das gesamte Equipment und widmete sich den Beats vorerst nur als Zuhörer. Bis ihn 2013 das Retropie-Fieber packte ...

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Ein Kommentar

  • Bernhard
    04.02.2019, 23:23 Uhr.

    Wow !
    Beim hören der Hardware (Breakbeat) kommen einfach nur tolle Erinnerungen hoch.
    Danke für die Zusammenstellung dieser abgefahrenen Beats.
    Manchmal wünscht man sich doch, die Zeit für einen Tag und eine Nacht zurück drehen zu können :-).