Videotheken – aussterbendes Relikt der Achtziger

Man kannte sie als mittelgroße Läden mit vielen Regalen voller Filmen. Die Rede ist von Videotheken. In den Achtzigern schossen sie wie Pilze aus dem Boden, hatten bis in die späten Neunziger ihre Blütezeit und begannen dann langsam aber sicher zu sterben. Für kommende Generationen wird eine Videothek genauso ein kryptischer Begriff sein wie für die aktuelle Generation eine Telefonzelle. Zeit für ein paar Erinnerungen an die Zeit von VHS und nörgelnden Videothekaren, wenn die zurückgebrachte Kassette mal wieder nicht zurückgespult wurde.

Aufgegebene Videothek

Videomax – eine von vielen aufgegebenen Videotheken

Achtziger: Als Videotheken noch Neuland waren

Meine ersten Erinnerungen an die kleinen Lädchen mit der bunten Leuchtreklame und den Filmplakaten im Schaufenster gehen bis in die Achtziger zurück. Und es waren wirklich kleine Läden, kaum größer als ein Bäcker. Da noch nicht volljährig, durfte ich offiziell nicht hinein und musste draußen auf die Erwachsenen warten, die irgendwann mit einem Stapel an Kassetten wieder raus kamen. Familien-Videotheken mit abgetrenntem Bereich für Gewalt- und Schmuddelfilme gab es zu dieser Zeit noch nicht. Und so presste ich meine Nase dicht ans Schaufenster, um zu erspähen, was da drinnen wohl vor sich ging. Im kalten Winter erbarmte sich manchmal der Videothekar (das war die offizielle Berufsbezeichnung des Filmverleihers) und ließ die frierenden Kinder vor der Tür ausnahmsweise rein. Dann wurde neugierig die Lage gecheckt und der Blick ging verstohlen in Richtung der Zombie- und Tittenfilme.

Ein alter, muffiger Teppich zierte die meisten Videotheken und es roch nach abgestandenem Tabak. Überhaupt roch es dort sehr eigenwillig – ein typischer Videotheken-Geruch, analog zum U-Bahn-Geruch, den man auch sofort identifiziert. Der Rest des Ladens bestand aus Tresen und den Regalen mit VHS-Filmhüllen, unter denen als Schlüsselanhänger die Anzahl an gerade verfügbaren Filmen hing. Der Formatkrieg wurde damals gerade zu Gunsten von VHS (Video Home System) entschieden. Letzte Reserven an Betamax- und Video-2000-Kassetten fanden sich noch hier und dort in den Ecken.

Neunziger: Blütezeit der Videotheken

In den Neunzigern war ich im Umgang mit Videotheken durchaus erfahren. Als Volljähriger kannte ich das typische Procedere: Schlüsselanhänger greifen, Kundenkarte vorzeigen und mit einem Stapel Videokassetten ins Wochenende verschwinden. Am Montag den ganzen Haufen zurückgebracht, um sich vom Personal erst einmal anpflaumen zu lassen: „Die sind nicht zurückgespult. Das kostet ‘ne Mark!“ Natürlich pro Kassette, und so zahlte ich meist noch drei Münzen auf die eh schon happige Leihgebühr von fast 20 Mark drauf. Mit meinen drei Wochenend-Filmen war ich noch relativ harmlos dabei. Kam nicht selten vor, dass man Zeitgenossen mit zwei vollen Einkaufstüten an Filmen den Laden verlassen sah. Es gab ja auch noch kein Internet, was sollte man auch sonst am Wochenende schon groß machen?  

Videotheken hatten Hochkonjunktur, und nicht nur optisch hatten sie sich seit den Achtzigern deutlich verändert. Die Läden wurden inzwischen fast alle von größeren Ketten geführt. Einzelunternehmer konnten sich gegen die geballte Kapitalmacht nur selten durchsetzen und gaben auf. Einige Ketten besaßen schon die Fläche eines kleineren Supermarktes. Ein wahres Labyrinth an Regalen und Filmhüllen. Beim genauen Hinsehen fiel aber auf, dass viele aktuelle Filme in dutzendfacher Ausführung als Hülle im Regal standen. Da hätte man auch mehrere Häkchen für die Schlüsselanhänger anbringen können, aber dann wären viele Regale nur halbvoll gewesen.

Auch neu war das erweiterte Angebot. Neben Filmen gab es nun auch Videospiele zum Ausleihen. Sich für sechs Mark ein SNES-Spiel übers Wochenende auszuleihen und durchzuspielen. Das war mal eine Marktlücke. Einige Videotheken mutierten regelrecht zum Kiosk. Neben Popcorn und Kaugummi wurden nun auch Spirituosen verkauft. Das zog auch gleich die passende Klientel mit an – am Tresen herumlungerndes Völkchen, das irgendwann mit zum Inventar der Videothek gehörte, man zum Glück aber nicht auch noch ausleihen konnte.

Neues Jahrtausend:  der Anfang vom Ende

Das erste Anzeichen von Veränderung im neuen Jahrtausend war der Durchbruch der DVD. Die gute VHS-Kassette war plötzlich tot. Zu umständlich, zu klobig und diese verhassten Streifen im Bild, wenn die Kassette bereits mehrmals durchgenudelt wurde. So eine DVD war da schon moderner, handlicher und das Bild war um Längen besser. Folglich begannen die Videotheken damit, ihre Bestände an VHS-Kassetten zu verramschen und die Regale mit frischen DVDs zu bestücken.

Zur gleichen Zeit setzte sich das Internet immer mehr durch. Und es hatte sich herumgesprochen, dass man auf zwielichtigen Webseiten Filme einfach so herunterladen kann. Zwar stark komprimiert in bescheidener Bildqualität, aber umsonst – und so wurde der Blockbuster in vielen Haushalten einfach heruntergeladen und auf einen CD-Rohling gebrannt.

Diese Veränderung bekamen auch die Videotheken immer mehr zu spüren. Eine goldene Nase wie in den Neunzigern konnte man sich mit dem Verleih von Filmen nicht mehr so schnell verdienen. Allerdings hielt sich der Kundenschwund erst einmal in Grenzen. Für viele war das Internet ja noch Neuland, und wem gute Bild- und Tonqualität wichtig war, für den war ein Download eh keine Option. Zumal auch der letzte Depp wusste, dass Filme brennen illegal war – spätestens dann, wenn im Briefkasten Post vom Staatsanwalt lag.  

Auf die für den Umsatz wichtige Erwachsenenabteilung der Videotheken hatte das Internet dann ab 2006 einen signifikanten Einfluss. Nachdem 2005 das Videoportal YouTube kostenlos hochgeladenen Clips anbot, ging ein Jahr später YouPorn online und tat dasselbe mit kostenlosen Erotik-Clips von wenigen Minuten. Inzwischen zählt YouPorn zu den 40 am häufigsten aufgerufenen Webseiten in Deutschland. Warum also noch Pornos aus der Videothek ausleihen, wenn es die ebenso online, kostenfrei und legal gibt? Gut, die Pornos aus der Videothek sind alle deutlich länger. Aber welcher Hartgesottene schaut sich schon eine drei Stunden Porno-DVD an?      

Anzahl der Videotheken 1980-2010

Anzahl der Videotheken 1980-2010

Videotheken mussten kreativ werden, um der Konkurrenz und auch dem Internet einigermaßen zu trotzen. Ein grandioser Einfall waren 24-Stunden-Videotheks-Automaten. So wollte man Personalkosten sparen und auch jenen Kunden eine Marktlücke bieten, denen um drei Uhr morgens noch einfällt, sich mal eben einen Film auszuleihen. Diese Idee hätte vielleicht in Japan gut ankommen können, dem Land der gebrauchten Schulmädchen-Schlüpfer aus dem Automaten. Das Sterben der Videotheken wurden damit letztendlich nicht verhindert.

Gegenwart: Legales Streaming, der Todesstoß

Im Jahre 2006 betrat dann wieder ein neues Format die Bühne. Filme in High Definition, dank der Blu-ray Disc. Und auch die Deutschen waren wieder auf den Geschmack von Qualität gekommen. So ein hochauflösendes Bild hatte schon was, und einen HD-fähigen Fernseher hatten auch schon etliche. Wenig später erblickten die ersten illegalen Streaming-Portale das Licht der Welt. Berühmtestes Beispiel war kino.to. Laut Wikipedia hatte der Dienst zwischen 2008 und 2011 circa acht Milliarden Klicks, davon 96 Prozent aus dem deutschsprachigen Raum.

Anzahl der Videotheken 2010-2015

Anzahl der Videotheken 2010-2015

Und was illegal florierte, funktioniert natürlich auch legal gegen Kohle. Und so heißen die Goldesel heute Netflix, Amazon Prime, Watchever oder Maxdome. Wir Deutschen sind halt ein bequemes Völkchen von Sesselfurzern. Zahlen lieber einen festen Monatsbeitrag und bringen die DSL-Leitung für HD-Filme zum Glühen. Auch das lästige Zurückbringen der Filme entfällt, wie eigentlich jedes haptische Erleben.

Requiem für die Videothek

Ruhet nun in Frieden, ihr Videotheken. Es war eine schöne Zeit und ihr gehörtet zum Stadtbild einfach dazu. Es bleiben Erinnerungen an Geräuschen und Gerüchen, die es so nicht mehr gibt. Eigentlich schade, aber das ist der Lauf der Dinge. Alles hat seine Zeit, und diese ist irgendwann abgelaufen – so wie eine alte VHS-Kassette. Diese konnte man allerdings im Gegensatz zur Zeit immer wieder zurückspulen.

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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5 Kommentare

  • Lars
    17.02.2016, 11:14 Uhr.

    Mein Videotheksritual begann schon immer eine Tür vorher. Direkt auf dem Weg zur Video war der Pizzaladen. Also rein Pizza bestellt, dann 20 Minuten in der Videothek rumschleichen und zwei Filme raussuchen, dann frische Pizza mitnehmen. War schon schön.

    Gebe mein Netflix heute trotzdem nicht mehr her 😉

  • Solo Han Chewi
    05.03.2016, 4:40 Uhr.

    Es hat wirklich damals Spaß gemacht in eine Videothek zu gehen und sich einen Film zu leihen. Leider waren viele gute Filme damals noch indiziert weswegen man diese Film nicht bekam. Und ich kann mich erinnern das es schon teuer war einen Film auf Videokassette oder eine Videospiel auszuleihen. Deswegen hat man auch Wochenende was ausgeliehen und Sonntag musste man nichts zahlen. Ja schöne Zeit. Heute mit Netflix und Co. finde ich das es nicht besser ist. Netflix sind überwiegend ältere Filme. Klar hat man mehr Auswahl aber für die neusten Filme muss man zahlen. Auch mit anderen Anbietern zahlt man für die neuen Film und nicht gerade wenig. So kann ein neuer Film um die 5 € kosten während man in der Videothek noch um die knapp 3 € zahlte. Naja hat alles Vor und Nachteil. Ich muss sagen mir gefiel die Zeit wo man zur Videothek gelaufen ist besser.

  • keepshowkeeper
    28.04.2016, 15:30 Uhr.

    Cooles Blog, lustiger & informativer Beitrag! Ich bin bei einer Recherche darauf gestoßen, weil ich ebenfalls was über Videothekssterben schreiben will. Etwas verstehe ich nicht: Was ist gemeint mit „Es war eine schöne Zeit …“. WAS genau war daran schön?
    – Das Format-Chaos
    – Die Rückspul-Gebühren
    – Die Verspätungs-Gebühren
    – Bandsalat
    – Die Bildqualität
    – Holen und Zurückbringen
    – Die im Laufe der Zeit immer eingeschränktere Auswahl
    – Film, auf den man grad Bock hatte, verliehen
    Das ist eine ernstgemeinte Frage. Auch die Kommentatoren erinnern sich wohlwollend. Und ich bin zu doof, um zu kapieren, warum.

    • Dirk
      Dirk
      28.04.2016, 16:04 Uhr.

      Eine gute und berechtigte Frage. Du hast vollkommen Recht: weder die Bildqualität mit den markanten Streifen noch das Ärgern, wenn der Wunschfilm mal wieder restlos vergriffen war, haben das damals zur schönen Zeit gemacht. Vielleicht war es der Gang zur Videothek als Ritual an sich, der in der Erinnerung hängen blieb. Das war noch haptisches Erleben. Das Rumstöbern in den Regalen, der Smalltalk mit dem Videothekar, der eigenwillige Geruch und natürlich auch die seltsamen Gestalten, die man spät abends dort manchmal herumlungern sah. Das gehört heute alles nicht mehr dazu. Film per Klick auswählen und fertig. Es war damit nicht unbedingt besser als heute, nur anders.

  • Andreas
    28.01.2019, 12:54 Uhr.

    Ich erinnere mich noch an die Freude endlich 18 geworden zu sein und eine eigene Mitgliedskarte endlich bekommen zu haben. Und der Zigarettengeruch in den Videotheken, der sich an den Leihkassetten bemerkbar machte. Wenn man sich heute gebrauchte DVDs bei Amazon oder Medimops bestellt, haben manche von denen den alten nostaligeschen Geruch immer noch.