Dubstep – Wandlung vom Untergrund zum bunten Haufen

Für jemanden wie mich, dessen Blütezeit elektronischer Musik in den Neunzigern lag, hatte das neue Jahrtausend musikalisch bislang wenig zu bieten. Mit so Ballermann-Genres wie „Nu-Hardstyle“ oder „Big Room“ konnte man mich kaum hinterm Ofen hervorlocken. Einzige Ausnahme, die mich vor über zehn Jahren wieder richtig geflasht hat, war Dubstep. Und wenn man die letzten Jahre Revue passieren lässt, verbirgt sich hinter diesem Sammelbegriff inzwischen so vieles, dass es schwer fällt, alles weiterhin unter einem Schlagwort zu klassifizieren. Das war in den Anfangsjahren zwischen 2003 und 2006 noch anders. Damals begann alles mit Einflüssen aus 2-Step, Techno, Jungle, Drum ’n‘ Bass und natürlich Dub. Minimal, basslastig und mit der richtigen Portion Schmutz.

Dubstep - vom Untergrund zum bunten Haufen

Dubstep – vom Untergrund zum bunten Haufen

Als Pionier und Vorläufer gilt das Kollektiv Horsepower Productions, das um 2001 herum auf dem damals noch unbekannten Tempa-Label UK-Garage- bzw. 2-Step-Platten veröffentlichte. 2-Step war die seit den späten Neunzigern stark von House geprägte, leichtgewichtige Variante des Drum’n’Bass, die man, im Gegensatz zum dreckigen D’n’B-Geknüppel, auch der Freundin gefahrlos vorspielen konnte. Unter den veröffentlichten Tracks erschienen seit 1999 immer mehr, die sich von den Garage-Wurzeln langsam lösten und nicht mehr so eindeutig einzuordnen waren. Etwas Neues war entstanden, aber so richtig einzigartig klang es noch nicht. Dieser aus heutiger Sicht als Proto-Dubstep titulierte Sound hatte eben noch zu bekannte Facetten, wie die Geschwindigkeit und Beatstruktur des 2-Step.

Hört man sich „Digital“ (Locked On, 2000) von El-B (Lewis Beadle) an, so stellt man verblüfft fest, dass dieser Track, denkt man sich den 2-Step-Beat mal weg und pitcht ihn etwas herunter, exakt so klingt wie das, was fünf Jahre später als Dubstep gefeiert wurde. Als wichtiger Influencer dieses ab 2003 auch offiziell so betitelten Genres gilt dann DJ Hatcha, der in der Londoner Clubnacht Forward (FWD>>) sowie in der Radioshow Rinse FM auflegte und mit seinen Sets, die zum Teil aus exklusiven Produktionen von Skream und Benga bestanden, den minimalen, basslastigen und düsteren Sound über London hinaus populär machte.

Early Dubstep – Bass und Raum in frühen Jahren

Auf die Frage, was Dubstep denn nun sei, antwortete Kode9 (schottischer DJ und Gründer von Hyperdub Records) schlicht „Bass and space“. Und das trifft die frühen Produktionen ziemlich genau. Trotz einer Geschwindigkeit zwischen 138 und 143 bpm klingt alles dank des Half-Step-Rhythmus gefühlt um die Hälfte reduziert. Tiefe Bässe formen den Unterbau zu den geshuffelten Snares und schleppenden Beats. Regelmäßige Pausen erzeugen eine entspannte Leere und vermengen sich mit echoartigen Vocals, wie man aus Dub-Zeiten kennt. Da war nun endlich wieder ein Sound, der nicht in die charttaugliche Richtung ging, den viele EDM-Genres seither genommen hatten.

Richtig los ging es also ab 2003. Mit nur einer Handvoll Akteuren wie Mala und Coki (Digital Mystikz), die zusammen mit Loefah das DMZ-Label gründeten. Dann waren da Skream und Benga als wahrscheinlich bekannteste Vertreter des frühen Dubstep, die mit ihren minimalen und meditativen Vibes ein kleines Stück Musikgeschichte formten, das damals wie heute beeindruckt. Mit „Midnight Request Line“ (Tempa, 2005) begann auch Skreams Erfolg und eine Zeit begann, wo Dubstep sich über Südengland hinaus ausbreitete und in der internationalen Szene Anklang fand.

Zu der Zeit wurde auch ich durch das Internet auf Dubstep aufmerksam und hörte regelmäßig in neue Mixsets rein, um mir meine Favoriten rauszufischen. In den deutschen Clubs war mit Ausnahme von Berlin zu jener Zeit Dubstep noch ein völliges Fremdwort – und DJs dudelten weiter ihren seit gefühlt hundert Jahren gleichen Tech-House-Stil runter. So habe ich also zum ersten Mal ein neues EDM-Genre nicht vor Ort erleben dürfen, sondern daheim im Sessel mit Kopfhörern. Andererseits war meine Club-Zeit da eh schon im Endstadium und das laute Geschepper in den Lokalitäten verlor immer mehr seinen Reiz.

Bass Heavyweight Era – Bässe wie Dampfhammer

Nachdem der minimale und mit viel Raum ausgestattete Klang die ersten Jahre dominierte, setzte sich ab 2006 eine härtere Gangart durch. Die Beats kamen druckvoller, Pausen nahmen ab und die Bässe wurden so stark moduliert, dass der Subwoofer förmlich tanzte. Auf dem von Mala gegründeten „Deep Medi Musik“-Label präsentierte Goth-Trad (Takeaki Maruyama) mit seinen Tracks „Cut-End“ und „Flags“ (beide Deep Medi, 2007) den wohl sattesten Tiefenbass dieser Zeit. In „Cut-End“ klingt das Bassgewitter schon wie von Tesla-Spulen erzeugt. „Flags“ setzt noch einen drauf und wälzt sich wie das Grollen einer Taiko seinen Weg voran, wird dabei von tonnenschweren Beats und japanischen Riffs begleitet.

Scuba als weiterer Produzent der frühen Stunde begann schon 2005 auf Hotflush Recordings einen Stil zu etablieren, der spürbar wuchtiger und von sphärischen Synth-Riffs begleitet sich von dem abhob, was seinerzeit Usus war. Mit „Plate“ (Hotflush, 2006) zeigte er aber auch, dass druckvolle und technoide Tracks dennoch diese angenehm schleppende Langsamkeit beibehalten können, die für mich persönlich Dubstep ausmacht. Das gilt auch für „Contact“ (Mode, 2007) von Djunya, der Riffs auf dem zweiten und vierten Vierteltakt platzierte, um dieses lässige Reggae-Feeling in einen Track zu erzeugen, der ansonsten keinerlei Reggae-Elemente enthält.

Generell lässt sich sagen, dass Dubstep sich ab 2006 in mehrere Richtungen entwickelte. Und eine davon war eben diese härtere Variante, die mit den minimal-chilligen Produktionen eines Mala kaum noch etwas gemein hatte. Und es ging noch massiver. Das kanadische „Rottun Recordings“-Label hatte sich z. B. ab 2007 einem knüppelharten Sound verschrieben, der schon eine gewisse Ähnlichkeit mit dem berüchtigten Gabber aus Rotterdam zeigt.

Rootstep – Dubstep meets Jamaika-Flair

„Rootstep“ war der Name eines 2012 erschienenen Albums von Roommate und gilt seit dem als Synonym für die stark von Reggae und Dub inspirierte Variante des Dubstep. Vorher sprach man mangels Alternative schlicht von „Reggae Dubstep“. In Mode kamen diese jamaikanisch angehauchten Tracks um 2007 herum. RSD (Rob Smith) gab mit „Kingfisher“ (Earwax, 2007) quasi den Startschuß und andere folgten. Und bald gab es kaum einen Mix, wo nicht Tes La Rok’s Remix von „Uncle Sam – Round The World Girls“ (Argon, 2007) reingemischt wurde. Ein weiterer Erfolg war „Strong Dub“ (Dubbed Out, 2008) von Radikal Guru, mit einem blubbernden Bass, der einen kräftiger als jedes Fahrgeschäft auf der Kirmes durchschüttelte.

Etwas feinfühliger gingen L-Wiz aus Stockholm ans Werk und begannen bereits 2006 mit orientalisch angehauchten Produktionen. Sie näherten sich recht schnell einem atmosphärischen und fast schon meditativen Stil, der Reggae-Elemente dezent mit tiefen Bässen und Chillout vermengte. „Surreal“ und „Mary Jane“ (beide Dub Police, 2007) sind noch heute das Mittel der Wahl zur schnellen Entspannung – falls gerade keine Tüte greifbar ist.

Ab 2012 ging die Luft dann langsam raus. Auch ging der Trend immer mehr in eine doch eher überdrehte und aufdringliche Form, die sich nicht mehr mit der angenehmen Lässigkeit vertrug, die die Reggae-Komponente dem Dubstep einst beimischte. Etliche Künstler, wie z. B. Roommate, Dubsworth und DJ Madd, die sich vorher einen Namen in Sachen Rootstep machten, widmeten sich fortan organischen und klassichen Reggae- bzw. Dub-Sounds und verzichteten in ihren Produktionen immer mehr auf harte Beats mit stark modulierten Bässen.

Dark Dubstep – düster und druckvoll im Subbass

War der minimale Sound der Anfangsjahre bereits in Zügen düster, so formierte sich ab 2009 ein Trend, der sich auf enorm druckvolle Bässe in tiefen Frequenzen fokussierte und durch Synths und Samples eine  beklemmende Atmosphäre erschuf. J:Kenzo und Kryptic Minds waren mit die ersten, die diesem bedrückenden und treibenden Sound ein markantes Gesicht gaben. Als weiteres Ausnahmetalent gesellte sich Biome mit seiner unverwechselbaren Handschrift hinzu. Sein Schaffen um 2011 herum gilt für mich noch immer als zeitlos und herausragend – besonders „Propaganda“ (Osiris, 2011) und „Persepolis“ (Macabre Unit, 2012) kämen, müsste ich meine Top-100-Liste verfassen, ziemlich weit oben.

Wenig später war es das kalifornische Sub-Pressure-Label, deren Veröffentlichungen von Warsa, Haack und Mesck ein kräftiges Zeichen in Sachen Druck und Düsterheit setzten. Insbesondere Darj aus der Bretagne gilt hier als nennenswerter Virtuose, der ethnische und archaische Einflüsse gekonnt in seine organisch klingenden Sound-Texturen mit einfließen ließ. Seine „Ka’Andirah EP“ (Sub Pressure, 2015) klingt fast so, als entstamme sie direkt den Tiefen der Osiris-Krypta von Gizeh vor über 4000 Jahren.

Ein weitere Produzent, der mit seiner individuellen Art aus der Masse sticht, ist der Gründer des „Oblivion Fringe“-Labels ALERT™ aus Colorado. Geht man nach der Präsentation einiger EPs, so vermutet man eher Black Metal statt Dubstep – tummeln sich allerlei Pentagramme, Petruskreuze und satanische Ikonen dort. Die Titel seiner Höllenfahrt tragen Namen wie „Necronomicon“, „Abra Cadaver“ und „Hell Seeker“. So verwundert es auch nicht, dass hin und wieder ein Grunz- oder Schrei-Sample aufpoppt. Trotz des morbiden Charakters ist sein Schaffen aber von ansprechenden Bass-Texturen gekennzeichnet, um die sich gekonnt finstere Vocal-Fetzen und ätherische Synth-Riffs legen.

Deep Dubstep – Dubstep meets Trance

Neben dem bedrückenden, dunklen Sound entwickelte sich fast parallel eine sphärische und leicht flauschige Variante, die stark von Ambient und frühem Trance beeinflusst war. Ein Sound, der fast völlig auf Bassmodulationen und Hammerschläge verzichtete und sehr geradlinig aufgebaut war. Das repetitive Arrangement dominierte und lud zum Abdriften in fremde Welten ein. Einer der ersten fluffigen Tracks dieser Art war „Toasted“ (Pitch Black, 2007), ein Frühwerk von Reso. Zwei Jahre später erschien „The Prayer Re-Dub“ (Z-Audio, 2009) von Rob Sparx als Idealtypus dieser Symbiose aus Dubstep, Ambient und Trance.

Es folgen unter anderem das leicht melancholisch angehauchte „Indigo Mood“ (Aquatic Lab, 2010) von Truth sowie „Carbon 11“ (Bassism, 2011) von Vandera. Und hier vernahm man bereits, dass der Sound sich in eine mehr tanzbare Richtung entwickelte und es ab 2011 immer populärer wurde, längere Vocalparts mit in die Tracks einzubauen. Dubstep und Gesang? Kann sowas gutgehen? Prinzipiell schon, sofern man es nicht übertreibt und dem Sound kein Schlagerkostüm anzieht. Aber wie einige damals bereits befürchteten, entstand so mittelfristig auch ein Subgenre, das später als Melodic Dubstep bezeichnet dem Kitsch die Krone aufsetzte.

Vielleicht war es Phaeleh aus Bristol, der mit seinem um 2010 verbreiteten und sehr chartfreundlichen Stil den Grundstein für die kitschige Variante des Dubsteps legte. Seine Frühwerke „Reflections-“ sowie „Inside-EP“ (beide Urban Scrumping, 2008) sind noch heute Meilensteile für intelligenten und hochwertig produzierten Bassound. International bekannt wurde er aber mit den beiden professionell gemachten und durchaus poppigen Tracks „Losing You“ und „Afterglow“ (beide Afterglo, 2010), die sicherlich auch Leute kennen, welche vorher noch nie den Begriff Dustep gehört haben. Inzwischen hat er sich auf das sehr ruhige und stark von Ambient beeinflusste Chillstep fokussiert.

Das Subgenre Deep Dubstep als Zusammenfassung düsterer, sphärischer und triebender Sounds hat bei Beatport seit einiger Zeit auch seine eigene Kategorie unterhalb der Eigenkreation „Leftfield Bass“ bekommen. Das Gerücht besagt, der Begriff „Deep Dubstep“ basiert auf dem Londoner Plattenlabel Deep Heads, die regelmäßig ihre Kompilation „Dubstep for Deep Heads“ herausbrachten. Wie dem auch sei, eine begriffliche Abgrenzung erschien mit der Zeit auch sinnvoll, da sich unter „Dubstep“ immer mehr tummelte, das dort eigentlich gar nicht reingehörte. 

Brostep – Soundgulasch aus dem Flammenwerfer

Wie bei jedem Hype im Bereich elektronischer Musik rückt die Kreativität irgendwann in den Hintergrund und die Inszenierung übernimmt das Zepter. Das kennen wir alle aus den Neunzigern, als auf Massen-Raves zur Lasershow die neuesten Gassenhauer von Marusha, Mark Oh und Dune dudelten. Ähnlich geschah es auch um 2010 mit der Popularisierung von Dubstep in den USA.

Nun gut, Dubstep wie man es kannte war es da eigentlich nicht mehr. „Cockney Thug“ (Sub Soldiers, 2009) von Rusko klang schon wie eine kaputte Feuersirene, hatte aber auch einen gewissen Spaßfaktor. Seltsamerweise schienen die Amis genau auf diesen nicht wirklich ernst gemeinten Sound anzusprechen. Und begannen damit, mit brachialen Beats und Synthesizergekreische das ganze bis zum Anschlag anschwellen zu lassen. Und aus der Schublade mit dem fragwürdigen Namen „Brostep“ lugte fortan ein die Massen euphorisierendes, aggressives und Mitteltöne vergewaltigendes Soundgulasch, das immer nach dem selben Schema ablief: Crescendo, Drop und schrilles Wub-Di-Wub.

Bekannteste Galionsfigur dieses neuen Trends war der amerikanische Produzent und DJ Skrillex, dessen Live-Auftritt am Mischpult vor tausendfachem Publikum mehr der Inszenierung bekannter Popstars ähnelte. Immerhin muss man ihm lassen, dass einige seine kommerzorientierten Produktionen, im Gegensatz zu den restlichen Brostep-Geschmacklosigkeiten, noch halbwegs erträglich waren. Und „Make It Bun Dem“(Owsla, 2012) allein schon deshalb nennenswert ist, weil man in „Far Cry 3“ mit dem Flammenwerfer dazu Cannabisplantagen niederbrennen musste – und vom entstandenen Rauch dann high wurde.

Die Medien entdeckten Dubstep

Zur dieser Zeit war Dubstep nicht nur in den USA der heißeste Shit, sondern ein weltweites Phänomen, das natürlich auch Einzug in die deutschen Medien gefunden hatte. Mercedes-Benz warb 2012 im TV-Spot mit eigens dafür produziertem Dubstep-Track. Und es dauerte nicht lange, bis Hornbach, AEG und andere voll coole Unternehmen auf den Zug mit aufgesprungen sind. Wunderte nur, dass die CDU ihre Wahlsports zur Bundestagswahl 2013 nicht mit Wobble-Bass unterlegt hatte. Lag vermutlich daran, dass der kurze Medien-Hype in Deutschland zu der Zeit schon wieder abgeflaut war. Oder die Begriffe „Hype“ und „CDU“ von Natur aus orthogonal zueinander stehen.

Ganz anders in den USA. Dort lud das Weiße Haus noch 2013 auf YouTube eine Präsentation hoch, die ganz dezent mit Violinengefiedel beginnt und nach kurzer Zeit in Brostep umschwenkt. So richtig cool war das alles nicht mehr, und viele fragten sich, ob Mainstream, Medien und Brostep zum Totengräber für den einst so frischen und innovativen Sound aus England wurden. Dann wurde es plötzlich still und der Hype verpuffte. Die Amis entdeckten mit Trap die aufgepumpte Variante des Hip-Hop und in Europa widmeten sich die feiernden Massen plötzlich wieder Electro- und Tech-House. So als wäre Dubstep auf den großen Bühnen nie dagewesen.

Bassmusik – Gegengewicht zu Kommerz und Trash

Einige meinen, dass der Tod des Hypes für das ursprüngliche Genre zur Wohltat wurde. Konnte man nun wieder ungestört im Untergrund an tiefen Bässen feilen. Aber so ganz richtig ist das nicht, der Sound entwickelte sich ja seit Jahren konstant weiter – unbeschadet der kurzen Aufmerksamkeit in den Medien. Davon bekam man natürlich nichts mit, wenn man auf Beatport sich nur kurz in die Charts reinhörte. Und auch heute muss man schon etwas tiefer suchen, um dann fündig zu werden. Und stellt mit Schmunzeln fest, dass viele Produzenten innovativer und hochwertiger Tracks derzeit aus den USA kommen. Jener Ort, den viele für den Tod von Dubstep verantwortlich machen wollten.

Ein gutes Beispiel für inspirative Klangcollagen mit druckvollen Bässen ist Drew’s Theory (Andrew Ryan Jr.) aus Florida, der aktuell zu den wenigen Produzenten gehört, denen ich jeden Track ungehört abnehmen würde. Seine chilligen, komplexen und organischen Basstexturen kommen einher wie ein frisch angerauchter Bong. Seine Wurzeln liegen tief im Hip-Hop und Reggae, und von DJ Krush und Lee „Scratch“ Perry inspiriert, entwickelte er seinen ganz eigenen Stil aus Miami-Flair, Hip-Hop- und Jazz-Elementen sowie schmutzigen Bässen. In jüngster Zeit lässt er auch asiatische Elemente zu. Seine „Bushido EP“ (Version Collective, 2017) sowie die „Mingxiang EP“ (Dirty Beats Music, 2019) zeugen von tiefer musikalischer Einsicht in fremde Kulturen und zeigen, dass die Symbiose aus Ethno, Hip-Hop und moderner Bassmusik bestens funktionieren kann.

Etwas kopflastiger geht Matt Deco, Produzent, DJ und Gründer des „Deceast“-Labels, aus Atlanta zur Sache. Seine Produktionen haben alle diesen gewissen Druck und eine Entschleunigung, die man aus frühen Jahren kennt. Dazu eine enorme räumliche Dichte, durch komplexe und synthetische Klänge erzeugt, die sich exakt wie ein Uhrwerk formiert, den Geist anspricht und obendrein gut tanzbar ist.

Weitere Beispiele für Produzenten, die durch ihr individulelles Schaffen den Sound kontinuierlich vorantreiben, sind Gaze ill (Sune Vosbein-Jensen) aus Dänemark sowie Nomine (Andrew Ferguson) aus England. Dem Namen gerecht, sind die Veröffentlichungen von Gaze ill schon recht verdreht und haben einen düsteren und psychedelischen Charakter. „Space-Time“ (Cue Line, 2017), auf dem eigenen kopenhagener Label veröffentlicht, könnte glatt ein Frühwerk von Skream sein und vermischt gekonnt Altes mit Neuem. In eine etwas andere Richtung geht das Schaffen von Nomine, der nach langer Erfahrung mit Jungle und Drum ’n‘ Bass sich einer experimentellen und exotischen Variante des Dubstep widmet, wo sich Tribal mit kräftigen Bässen, Techno-Elementen und schamanenhaften Vocals vermengt. 

Neben den genannten Vertretern gibt es noch etliche weitere, die derzeit dafür sorgen, dass man das Genre keineswegs abschreiben sollte. Wenn ich die Entwicklung seit den Anfängen zurückverfolge, würde ich sagen, dass sich in jüngster Zeit aus den vielen Strömungen im Makrokosmos Dubstep ein Kleinod herauskristallisiert hat, das mir persönlich so zusagt, um nicht wie gewohnt meinen Musikbedarf ausschließlich in der Vergangenheit zu suchen. Das ist zwar überwiegend etwas, was wohl nie den Weg in die heimischen Clubs finden wird, dafür aber auch den Geist und nicht nur die Füße anspricht.

In the Mix: „Paul In Dub – The Second Anthology“

Keine Retrospektive ohne passenden Mix. So auch diesmal mit einer Reise in die Anfangsjahre zwischen 2004 und 2009. Minimal, basslastig, lässig und auch ein wenig schmutzig.

  1. Toasty – The Knowledge [Hotflush 2004]
  2. RSD – Pretty Bright Light [Punch Drunk 2007]
  3. Bionics – Kafka [Studio Rockers 2007]
  4. Skream – Hag [Tempa 2006]
  5. The Others – Africa [Dub Police 2007]
  6. 2562 – Moog Dub [Tectonic 2008]
  7. RSD – Kingfisher [Earwax 2007]
  8. Fat Freddys Drop – Cay’s Crays (Digital Mystikz Mix) [Kartel 2006]
  9. L-Wiz – Mary Jane [Dub Police 2007]
  10. Matty G – Amen [Full Melt 2008]
  11. OSC – Zion [Bassism 2008]
  12. Radikal Guru – Strong Dub [Dubbed Out 2008]
  13. Matt Green – 6 AM [Base.Corrupt 2007]
  14. Djunya – Contact [Mode 2007]
  15. One – Kontrafunk (Scuba’s Hotflush Remix) [Kontra-Musik 2007]
  16. Scuba – Plate [Hotflush 2006]
  17. Rob Sparx, Zurcon – What U Gonna Do [Migration 2009]
  18. Goth-Trad – Cut-End [Deep Medi 2007]
  19. L-Wiz – Surreal [Dub Police 2006]
  20. Reso – Namida [Urban Graffiti 2008]
  21. Benga – Comb 60s [Planet Mu 2006]
  22. Omen – Frontline [Tectonic 2006]
  23. Various Production – Hater [Various Production 2004]

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Paul Katz

Paul Katz schreibt über alles, was mit elektronischer Musik von gestern zu tun hat. Die Jugend in den frühen Neunzigern verbracht, kaufte er sich damals zwei Turntables plus Mixer, allerlei Techno- und Trance-Vinyl und experimentierte fleißig herum. Mangels Zeit und Erfolg hing er sein Hobby wenige Jahre später an den Nagel, verkaufte das gesamte Equipment und widmete sich den Beats vorerst nur als Zuhörer. Bis ihn 2013 das Retropie-Fieber packte ...

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