Lindenstraße – Rückkehr zu den Anfängen einer fast endlosen Seifenoper

Als im März 2020 die letzte Folge lief, endete ein fast 35 Jahre altes TV-Ritual, das anfangs die Massen elektrisierte und von der Presse als „Schmierentheater“ ver­rissen wurde. Wenn man überlegt, dass die Lindenstraße zu Bestzeiten einmal um die 14 Millionen Zuschauer hatte und jeder vierte Westdeutsche am Sonntag um 18:40 Uhr gebannt vor der TV-Kiste saß, dann haut einen das heute fast um. Aber so war es tatsächlich. Die Großeltern schauten es, die Eltern und ich auch. Selbst auf dem Schulhof wurde montags darüber gequatscht, was für eigenartige Sachen in diesem „ganz normalen“ Mehrfamilienhaus passiert sind. Im Laufe der Jahre hatte die einstige Kultserie nicht nur mit wachsender Soap-Konkurrenz, sondern vor allem mit der Zeit als unbarmherzigen Gegner zu kämpfen. Denn das, was anfangs funktionierte, musste Jahr für Jahr auf eine Epoche angepasst werden, die sich immer mehr von dem entfernte, was viele einst zum Einschalten animierte. So geht die Reise nun zurück in eine andere Zeit. Zu den Anfängen einer Serie, die mit trostspendenden Spiegeleiern, Silvesterwalzern und angebrannten Weihnachtsplätzchen ein Stück Fernsehgeschichte schrieb.

Lindenstraße (1985-2020) – deutsche Seifenoper im Wandel der Zeit

Lindenstraße (1985-2020) – deutsche Seifenoper im Wandel der Zeit

Am 8. Dezember 1985 ging die erste deutsche Seifenoper auf Sendung. Zu einer Zeit, wo eine Fernbedienung schon als modern galt und man die Wahl zwischen gerade einmal drei öffentlich-rechtlichen und zwei privaten Sendern hatte. Zappen war noch ziemlich sinnfrei. Und deutsche Fernsehserien überaus beliebt. Nur war das Format meist nach einem ähnlichen Schnittmuster konfektioniert: Irgend­eine erlesene Sippschaft wurde chronologisch lose in guten und in schlechten Zeiten irgendwie porträtiert. Und irgendwo tauchte früher oder später ein Weißkittel als Hobby-Heiland auf. Kannte man eine Serie, kannte man alle.

Mit der „Lindenstraße“ wollte man Neuland betreten. Schauplatz war ein Mehrfamilienhaus in München, wo weder Vera Drombusch noch Udo Brinkmann residierten, sondern irgendwelche Durchschnittstypen, die theoretisch auch beim Zuschauer nebenan wohnen konnten. Und die durfte man in ihrem Alltagsleben beobachten. Und zwar so, dass der Eindruck entstand, bei allem mit dabei zu sein, was die verschiedenen Figuren am Tag so erleben. Quasi ein zeitlich befristetes Fenster in die Welt unbekannter Mitbürger, das sich einmal pro Woche für knapp 30 Minuten öffnet – und durch das man endlich mal ungestraft Voyeur spielen konnte.

Alltagsleben und Realitätsnähe, angereichert mit etwas Dramatik

Das Konzept kam beim Zuschauer gut an, und die ersten 50 Folgen passierte auch tatsächlich nicht mehr als das, was man nicht auch in einem beliebigen anderen Mehrfamilienhaus erfahren konnte: Die eine Ehefrau backt Plätzchen, die andere geht fremd. Ein Ehemann liest im Sessel (mit offener Hose) Zeitung, ein anderer vermöbelt seine Frau. Dazwischen Alltagsdialoge, zwei Hochzeiten, ein Todesfall und die üblichen Reibungen zwischen Individuen. Also alles recht nah am echten Leben. Hätte man das Konzept Realitätsnähe und Alltag konsequent durchgezogen, wäre womöglich schnell die Luft raus gewesen. Seinen virtuellen Nachbarn jede Woche wieder neu beim Wäschewaschen, Tratschen und Broteschmieren zuzusehen, hätte auf Dauer sicherlich kaum jemanden weiter zum Einschalten animiert.

Also musste regelmäßige Dramatik her, um potentiell gelangweilte Zuschauer bei Laune zu halten. Und was eignet sich da besser als opulent inszenierte Abgänge? Der Serientod wurde zum Aushängeschild. Angefangen mit der zu späten Erkenntnis, dass man einen Herzinfarkt nicht selber mit Honig und Salz behandeln sollte. Mehrere Suizide mussten folgen, ein Kältetod im Suff, ein Flammentod durch Wohnungsbrand, tödliche Viren und Keime bis hin zu Vater- und Kindsmord. Und als Krönung schließlich der Pfaffe, der von einer Dreizehn­jährigen mit der Bratpfanne erschlagen und anschließend auf den Gleisen deponiert in alle Einzelteile zerlegt wurde. Hätte man sie nicht rechtzeitig abgesetzt, wäre die „Lindenstraße“ mit 56 oft unnatürlichen Todesfällen in knapp 35 Jahren fast ein Fall für „Aktenzeichen XY“ geworden.

Vielleicht war es diese wüste Mischung aus Banalitäten, Absurditäten und gewachsener Vertrautheit, die mich bis zur letzten Folge treu einschalten ließ. Vielleicht war ich auch nur zu träge und hätte ich mich von festgerosteten Angewohnheiten langsam lösen können. So wie die Großeltern, die schon zur Jahrtausendwende entschieden, den „Shiet nich mehr tokieken“. Was den restlichen Fernsehkonsum betraf, hatte ich mich im Laufe der Jahre ja auch befreit. Da hat es schon eine gewisse Komik, dass bei über 1000 Astra-Sendern mein Fernseher heutzutage vorrangig wegen einer alten DVD oder der PlayStation 4 eingeschaltet wird. In den Achtzigern war das noch ganz anders, da glühte die Röhre förmlich. Und die „Lindenstraße“ ist ein Relikt dieser Zeit.

Rückkehr zu den Anfängen – dank Industriepalette Lindenstraßen-DVDs

Als im Herbst 2018 angekündigt wurde, dass „meine Serie“ demnächst eingestellt wird, rief das zuerst Beklommenheit hervor. Was würde künftig nur aus meinem festen Sonntagsritual um 18:50 Uhr werden? Gleichzeitig schwang auch eine gewisse Portion Erleichterung mit. Denn im Grunde blieb als Highlight nur mein „Sonntags­bier“, das ich parallel zur „Lindenstraße“ herunterspülte, um entspannt 28 Minuten vor der Kiste zu sitzen und alles andere zu vergessen. Im Laufe der Jahre habe ich mir sogar angewöhnt, dass mein Weizenglas ebenso lange wie das Schauspiel bis zum letzten Tropfen braucht – und pünktlich zum Abspann ein kräftiger Rülpser mein Ritual beendet.

Die eigentliche Serie wurde dabei immer mehr zum Beiwerk. Wie bei einer gescheiterten Ehe, die irgendwann nur noch durch Gewohnheiten und dem nicht abbezahlten Haus zusammengehalten wird. Denn wirklich anfreunden konnte ich mich mit dem, was da sonntags als modernisiertes „Sodom und Gomera“ präsentiert wurde, schon länger nicht mehr. Da stellte sich die Frage, ob es damals wirklich anders war? Schließlich bin ich mit dem „Schmierentheater“ unbeschwert aufgewachsen. Und die Erinnerung lobt die alte „Lindenstraße“ weiterhin in höchsten Tönen. Ohne konkret zu werden, warum und wieso eigentlich. Vielleicht ist ja doch alles nur Nostalgie?

Um das zu beantworten, entschloss ich mich, die lange TV-Reise noch einmal von vorn zu beginnen. Ich überlegte kurz, ob ich diese Schnapsidee nicht besser vom Hausarzt vorher absegnen lassen sollte. Doch auf die herumgefuchtelt vorgetragene Gardinenpredigt hatte ich wenig Lust. Also schritt ich zur Tat und ersteigerte mir in einem Aufwasch gleich alle verfügbaren Jahre auf DVD. Als das Paket ankam, hat sich der Postbote fast einen Bruch gehoben und war sich sicher, dass ich Backsteine bestellt hätte. Nach dem Auspacken füllten die Boxen mit den über 300 DVDs meinen halben Wohnzimmerschrank und ein großer „Lindenstraßen“-Schriftzug zierte meine Wohnlandschaft. Was mir irgendwie peinlich war, so dass ich entschied, bei etwaigem Besuch einfach ein großes Handtuch darüber zu hängen.

Und dann ging’s los. Jeden Tag anderthalb Stunden „Lindenstraße“. Die Rückkehr zu den ersten Folgen eines Schauspiels, das ich schon als Kind in den Achtzigern jeden Sonntag ausgelassen konsumiert hatte. Damals noch im elterlichen Wohnzimmer, mit „Coke“ statt „Franziskaner“ und der ganzen Jugend vor mir. Mit dem Beginn des alten Vorspanns katapultierte es mich auch prompt in diese alte, vertraute Zeit, die noch eine andere Handschrift trug und im grellen Kontrast zu dem steht, an das man sich inzwischen mehr oder weniger gewöhnt hat. Schon nach wenigen Minuten im Mikrokosmos der alten „Lindenstraße“ wurde mal wieder deutlich, wie viel sich seit dem verändert hat.

Erster Eindruck: Blauer Dunst, Entschleunigung und alles in Beige

Die Achtziger waren schon eine kuriose Welt, in die ich erst wieder reinfinden musste. Ich stolperte darüber, dass es 1986 bereits elektrische Zahnbürsten gab, aber Telefone mit Wählscheibe noch immer die Größe eines kleinen Römertopfs hatten. Auch farblich musste sich mein Augenlicht erst wieder akklimatisieren. Warum war ausgerechnet Beige so populär? Möbel, Türen, Fliesen, Tapeten – selbst die Klamotten der damaligen Ü30-Generation (die man heute locker auf Ü40 schätzen müsste) hatten überwiegend diese altbackene Beigefärbung. Und wenn etwas nicht beige war, dann war es halt braun. Oder mausgrau, das lustigerweise als extravagant und hochmodern galt.

Noch grotesker als die anachronistische Farbpalette war die Lässigkeit, wie damals noch mit Tabakkonsum umgegangen wurde. Keine fünf Sendeminuten ohne blauen Dunst, selbst das Mettbrötchen wurde am Frühstückstisch mit Kippe in der Hand runtergewürgt. Wenn man überlegt, dass Szenen sicherlich mehrmals geprobt wurden und Kinder herumlungerten, die den ganzen Mief inhalieren durften, hatte das schon einen ernüchternden Charakter. Immerhin hat einer der Requisiteure im Wartezimmer der Arztpraxis, dem einzigen Ort, wo nicht gequarzt wurde, ein Poster aufgehängt, das auf die Gefahren des Rauchens hinweist. Vielleicht war es aber auch als Treppenwitz gedacht.

Was dann auffiel, ist die Geruhsamkeit, mit der die ersten Folgen abgedreht wurden. Alles wirkt entschleunigt und weitaus weniger hektisch als das, was bis zuletzt über den Bildschirm flimmerte. Reißerische Szenen waren anfangs nur wenige vorhanden. Den typischen Cliffhanger gab es zwar schon, wurden aber meist irgendwelche Banalitäten als Schlussszene genommen, die der jeweilige Schauspieler deppert in die Kamera blickend vortragen musste. Krönen tut das Thema Gemächlichkeit dann der Abspann, der vor 35 Jahren noch 65 Sekunden brauchte, bis das WDR-Logo erschien. Dreißig Jahre später vollbrachte man das dasselbe dann in straffen 15 Sekunden. Als Zuschauer nahm man zwar nur noch einen Textbrei wahr, hatte dafür aber ein paar Sekunden mehr an Lebenszeit, die man mit Nasepopeln oder Umschalten verbringen konnte.

Und die Achtziger waren das Jahrzehnt der Schleichwerbung, wovon natürlich auch die „Lindenstraße“ nicht verschont wurde. Die Industrie erkannte, dass sich ohne viel Aufwand Markenprodukte in TV-Serien geschickt unterjubeln lassen. So gab Schimanski „Paroli“ und hielt den gleichnamigen Hustenbonbon plakativ ins Bild. Und in der „Lindenstraße“ wurde gleich ein halber Supermarkt an Marken ungebremst dem Zuschauer präsentiert. Neben „Nesquik“, „Spaten Bräu“, „Nutella“, „Meister Proper“, und „Du darfst“ durfte auch „Franziskaner“ nicht fehlen, das beim Griechen gut sichtbar als übergroße Wortmarke überm Tresen hing. Damit kannte ich dann auch die Wurzel meiner Passion.

Das erste Jahr Lindenstraße: Hölzern, schräg und durchweg sympathisch

Nachdem die erste Dosis Achtziger verdaut war, ließ ich mich erneut aufs Schauspiel ein. Schließlich ging es ja auch um Unterhaltung. Nach knapp zwei Dutzend Folgen war ich erst einmal erleichtert, dass die frühe „Lindenstraße“ auch ohne Weizen gut erträglich ist. Ich hatte schon befürchtet, dass die einstige Presse mit „Laiendarstellern“ und „Putzkübelschmierentheater“ doch nicht so daneben lag und mich ähnliches erwartet, was ich mir von der Theater-AG in der zehnten Klasse antun musste. Und nach hundert Folgen meine Leber womöglich nur noch halb so groß ist. Das war zum Glück nicht der Fall.

Im Gegenteil. Ich war überrascht, wie hausbacken, puristisch und gleichzeitig ulkig und einnehmend alles noch war. Ein Teil der Komik ist natürlich der Epoche geschuldet. Da wurde schon mal mit Scheidung gedroht, wenn die Frau auf die Idee kommt, wieder arbeiten zu gehen. Aber auch viele andere Handlungsstränge sind nicht ohne. Da ist z. B. „Lustmolch“ Nossek, der dem Langweiler Franz nicht nur die Ehefrau klaut, sondern danach auch gleich an der Tochter weiterfummelt. Der frühreife Benni filmt die im Suff abgestürzte Chris mit einer wuchtigen VHS-Kamera unterm Rock und „Schandmaul“ Else ohrfeigt Meike, dass der Zahn wackelt. Und aktuell besonders spaßig, wenn „Glucke“ Helga sich von „Schmierlappen“ Phil übers Ohr hauen lässt und zehn Industriepaletten Klopapier geliefert bekommt.

Den Vogel abschießen tut dann Chris – „Mein Kind nenn‘ ich Tschernobyl“ – Barnsteg mit ihren selbstkreierten Gesangseinlagen, die von Staubsaugern, Spülmittel und Toshiba singt und in ihren Texten den Verfassungsschutz fragt, ob er das Haus sprengt. Und ihr mehrmals vorgetragener „Maskenmann“ ist so schräg, dass er auch vor hundert Jahren als Lautgedicht entstanden sein könnte. Es waren aber nicht nur die komischen Szenen, die den Charme dieser Serie ausmachten. Auch die Tragik war sehenswert. Der Konflikt der alten Jungfer Berta mit ihrer dominanten Mutter Lydia war von beiden Darstellerrinnen brillant gespielt. Und natürlich das Schicksal der Schildknechts, wo zwei aus Bequemlichkeit und Vernunft geheiratet haben, was früher oder später im Desaster enden muss. So weit von der Realität war das alles nun doch nicht entfernt.

Du erzählst mir stundenlang, wie man die Welt verändern kann. Ich will den Nachtzug zum Kometen. Ich will Calamari ohne Rockefeller. Maskenmann kommt gern alleine. Maskenmann bist du. Das treibt mich nicht zur Eile. Schläfst mit mir, jetzt bist du leise.

Originaltext „Maskenmann“ (1986)

Vielleicht war das Bühnenstück für einige auch zu real, konnte man immer wieder lesen, dass nach dem Tod einer Serienfigur säckeweise Anfragen von Zuschauern kamen, die in deren Wohnung einziehen wollten. Gut möglich, dass sich da jemand über die Jahre hinweg beim WDR einen Scherz erlaubt hat. Wäre genau mein Humor gewesen. Weniger scherzhaft klang, wenn Schauspieler auf der Straße angepöbelt und bedroht wurden, weil um 18:40 Uhr im Ersten eine Ehe gebrochen wurde. Dabei hat die „Lindenstraße“ durch ihre hölzerne Art immer wieder dazu beigetragen, dass vieles auch surreale Facetten hatte. Und man sich selber und den versprochenen Realismus nicht ganz ernst nahm.

Dazu gehört auch das Austauschen und Recyceln von Schauspielern und die Verblüffung beim zweiten Ansehen, wenn bereits im ersten Jahr bekannte Figuren in völlig anderen Rollen kurz auftauchen und „Hallo“ sagen. Da sind z. B. der verlorene Dresslersohn Frank (die zweite Inkarnation, wohlgemerkt) und der schmierige Kochlöffel Fausto, die beide als Postbote verkleidet im Treppenhaus Briefe zustellen. Helgas intrigante Busenfreundin Marlene taucht kurz als Krankenschwester auf und der wandelnde Heuschnupfen Hülsch macht einen auf Kommissar. Da hätte auch dem letzten Unbelehrbaren dämmern müssen, dass alles nur gespielt ist.

Klangwelten der Lindenstraße – Kniepers Melodien werteten vieles auf

Und dann hatte die „Lindenstraße“ in frühen Jahren noch ein ordentliches Pfund in petto, das man ziemlich leichtfertig aus der Hand gab. Der auf Filmmusik spezialisierte Pianist und Komponist Jürgen Knieper hat nicht nur die bekannte Titelmelodie komponiert, sondern vielen Figuren auch ein eigenes musikalisches Thema verpasst. Und das bevorzugt auf klassische Art, mit Streich-, Zupf- und Tasteninstrumenten. Als ich nach so langer Zeit die alten Melodien wieder hörte, war es fast wie ein Heimkommen. Mir war damals gar nicht bewusst, wie wichtig diese Kompositionen für die Serie waren. Und wie sie dem Gesamtprodukt einen feinen, letzten Schliff gaben.

Aus heutiger Sicht auch erstaunlich, welche enorme Traurigkeit einige Themen ausstrahlen. Besonders die der Figuren Dressler, Steinbrück, Henny als auch Tanja. So etwas hört man heutzutage im TV kaum noch. In einer modernen Welt, wo jeder Schritt vorher zehnmal durchdacht sein muss, ob sich eventuell jemand auf den Schlips getreten fühlt und auch alle möglichen Konsequenzen  berücksichtigt wurden, würde sich vermutlich kaum ein Produzent trauen, solche Klänge mit prägnanter Moll-Färbung und latenter Suizidgefahr auf Sendung zu bringen. Dafür waren es noch Melodien, die durch Mark und Bein gingen und einen auch nach über dreißig Jahren berühren. Und nicht schon beim ersten Anhören ad acta gelegt wurden, ähnlich dem, was später folgen sollte.

Neben den vornehmlich traurigen Arrangements komponierte Knieper auch fröhlichere Themen für jüngere Figuren wie Meike oder Marion. Auch lässige Klänge waren ihm nicht fremd. So bekam Chris für ihre leicht chaotische und rebellische Art etwas E-Gitarre spendiert und Nossek sinnigerweise seine eigene Saxophon-Pornomusik, die sein Treiben als Lebemann im Hintergrund untermalte. Auf gewisse Weise galten Kniepers Kompositionen bei uns Schülern damals als altmodisch, da sie in die Achtziger nur bedingt noch reinpassten. Heute würde ich sie glatt als zeitlos betrachten.

Mag sein, dass es eine Rechtefrage war, dass ab Ende der Neunziger Kniepers Melodien immer weniger auftauchten. Vielleicht erschien so etwas wie ein eigenes musikalisches Thema den Produzenten auch zu altbacken und passte nicht mehr in eine Zeit, die Schröder zum Kanzler wählte und wo Leute vor dem Radio zu „Bailando“ herumhampelten. Was auch immer der Grund war, anstatt sich der Bedeutung der Kompositionen für die Serie bewusst zu werden und für adäquaten Ersatz zu sorgen, wurde etwas Einzigartiges schleichend durch schale Gewöhnlichkeit ersetzt. Und das ist schade. Denn schaut man in die späteren Folgen rein, taucht hin und wieder eines der uralten Themen auf und macht einen sofort deutlich, was damit verloren ging.

Kuriose Randnotiz. Ab den späten Neunzigern kam auch in der „Lindenstraße“ vermehrt die Erfindung „Radio“ zum Einsatz. Und die Bewohner wurden regelmäßig von aktuellen Gassenhauern musikalisch begleitet. Nur hatte wohl niemand im Sinn, dass die Rechte dafür einzig fürs TV galten und sowas später zum Problem werden könnte. Nämlich, als zehn Jahre später die ersten DVD-Boxen herausgebracht wurden. So mussten alle entsprechenden Szenen natürlich bearbeitet werden. Und man entschied sich pragmatisch zum Griff ins Klo, indem man zwei drittklassige Crossover-Stücke produzieren ließ, die fast zwanzig Jahre lang am Stück als Ersatz immer wieder eingespielt wurden. Und die sicherlich mehr als nur einen DVD-Zuschauer musikalisch zur Weißglut brachten. Vielleicht hätte man gerade diesen Schritt vorher zehnmal durchdenken sollen.

Die Quoten der Lindenstraße über die Jahre verteilt. Hatte man anfangs noch durchschnittlich über zehn Millionen Zuschauer, waren es am Ende nur noch knapp über zwei. Im letzten Jahr stiegen die Zahlen wieder leicht an, was vermutlich mit dem nahenden Ende der Serie zusammenhang. (Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammengefügt.)

Modernisierungsexperimente und konstanter Zuschauerschwund

Schaut man sich die Quoten über die vielen Jahre an, lässt sich ein konstanter Schwund beobachten, der zuletzt bei nur noch zwei Millionen Zuschauern angekommen war. Ein Hauptgrund dafür ist sicherlich, dass viele Stammseher in den 34 Jahren schlicht weggestorben sind. Dazu kommt noch das Überangebot an unterschiedlichsten Medien, das einen heute zur Auswahl steht. Konven­tionelles Fernsehprogramm gilt schon länger nicht mehr als zeitgemäß. Man muss aber auch bekennen, dass die Entwicklung der Serie zum Abwärtstrend selber mit beigetragen hat – und selbst getreue Verfechter irgendwann vergrault wurden. Eben, weil das Produkt „Lindenstraße“ nicht mehr das war, welches man dem WDR früher förmlich aus der Hand gerissen hat.

An Kritik hörte man oft, dass die Geschichten zu wirklichkeitsfremd wurden und nicht mehr das einstige Versprechen erfüllten, Fiktion und Realität in einer alltagsnahen Geschichte zu vereinen. Das wurden sie über die Jahrzehnte tatsächlich, aber das war nicht das eigentliche Problem. Dass viele Handlungsstränge einer Seifenoper, die das Alltagsleben von Normalbürgern ursprünglich möglichst realitästsnah abbilden wollte, irgendwann nur noch absurd einherkamen, spricht nicht gerade für die Drehbuchschreiber. Andererseits, wenn man ein exaktes Abbild der Realität sucht, schaut man sich ja auch keine Fernsehserie an. Sondern geht einkaufen. Und beobachtet Leute, die Klopapier hamstern und, wenn sie den Platz hätten, sich freiwillig auch die Industriepalette ins Treppenhaus stellen würden.

Zum Problem dieser fiktionalen Serie wurde weniger die Fiktion selber, sondern der einstige Mikrokosmos „Lindenstraße Nr. 3“, der im Laufe der Jahre bis zum Anschlag verdreht wurde. Und das wahrscheinlich aus der Not heraus, die alten Zuschauer weiterhin zufriedenzustellen und gleichzeitig eine junge Generation anzusprechen, die noch als Quark im Schaufenster stand, als die allerersten Folgen gesendet wurden. Vergleicht man den Zeitgeist der gegensätzlichen Achtziger mit dem der „Like-and-Share“-Generation, muss man nicht „Konfuze“ heißen, um weiszusagen, dass solch ein Vorhaben der Quadratur des Kreises gleicht. Und eigentlich nur schief gehen kann.

Resultat war spätestens ab 2010 ein aus der Zeit gefallenes Konstrukt, das wie ein entglittenes Laborexperiment auf beängstigende Weise an einen halbwüchsigen CDU-Greis erinnerte – und womit nun keine Generation etwas anfangen konnte. Sicher, die „Lindenstraße“ war schon immer auch leicht skurril und hatte ihre Marotten. Das schätzte man in Ansätzen sogar. An Geißendörfers politischen Zeigefinger, der aus vielen Dialogen gern hervorlugte, hatte man sich bereits in den Achtzigern gewöhnt. Man nahm die Lehrstunde mit Humor. Oder fragte sich, warum seichtes Unterhaltungs­programm mit Bildungsauftrag auffallend angereichert wurde? In der Schule galt ja auch nicht der umgekehrte Fall. Und wenn ein Lehrer es versuchte, flog die erste Papierkugel.

Als regelmäßiger Zuschauer zeigte man sich über Jahre hinweg gnädig und kulant. Selbst die mitunter unbeholfen reingequetschten Aktualitätsbezüge nahm man gelassen hin. Auch wenn einen mal wieder die Fremdscham packte, als ein halbes Jahrzehnt verspätet diese ominöse Digitalisierung entdeckt wurde. Und man ausgerechnet Beate als „Planeta“ wieder­auferstehen ließ, die im WC heimlich Kameras installiert und dem Zuschauer erklärt, was Livestreams sind. Als Zuschauer musste man über die Jahre so einiges einstecken können. War dafür auch früh abgehärtet. Ansonsten wäre man nebenan bei „den Wicherts“ im ZDF besser aufgehoben gewesen. Doch als vor knapp zehn Jahren viel Kredit schon verspielt war und man die „Lindenstraße“ zu allem Überfluss auch noch auf „voll lol“ machen musste, war der Ofen aus. Das Maß voll wie Penner Harry. Und man kam sich als älterer Zuschauer so verloren vor wie Pfarrer Steinbrück im Puff, der zuerst »Stör‘ ich?« fragt, bevor er die Hose auszieht.

Sinnbild dieser bizarren Entwicklung war die Einführung eines neuen Logos in DIN-Normschrift, das ab 2015 den Vorspann einleitete. Mal davon abgesehen, dass in München die meisten Straßenschilder noch immer Emailtafeln mit Zierrahmen in Antiquaschrift sind, war dieser Schritt hier auch völlig unnötig – und man nahm ausgerechnet eine Schrift, die im Katalog Münchner Straßen­beschilderung unter „Neue Wohnbau-Groteske“ zu finden ist. Diesen Typo­graphie-Witz einmal beiseite gelegt, sind Modernisierungen am Logo prinzipiell nicht verkehrt. Allerdings sollte man immer die Tradition einer Marke berücksichtigen, bevor man die Abrissbirne schwingt. Die simple Gleichung „Moderne Marke durch moderne Schriftart“ geht nicht automatisch auf. Es würde auch niemand auf die Idee kommen, die Fraktur der 1363 gegründeten Franziskaner-Brauerei durch eine serifenlose Grotesk zu ersetzen. Höchstens noch die Chinesen, falls die Brauerei irgendwann aus Fernost aufgekauft wird.

Konfuze sagt: »Wer einen Fehler gemacht hat und ihn nicht korrigiert, begeht einen zweiten.« Mit den letzten zwölf Monaten Drehzeit nach Ankündigung der Absetzung wurde den Schuss dann wohl doch noch gehört. Auch wenn es bereits zu spät war. Als Zuschauer nahm man wahr, dass die „Lindenstraße“ sich mal wieder transformierte. Diesmal in eine konsequent moderne Art, die bereits technisch daran erkennbar war, dass man sich vom Kinofilm inspirieren ließ. Aber nicht nur Soundkulisse, Schnitt und Kameraführung wurden saniert, auch die Erzähltechnik bekam viele moderne Elemente gestiftet, die man eher aus TV-Produktionen im oberen Preissegment kennt. Damit hatte man sich zwar  vollständig von dem gelöst, was die Serie einst groß gemacht hatte. Aber man hatte immerhin wieder so etwas wie ein Profil.

Fazit: Jetzt is a Ruah. Aber schee war’s!

Im TV ist nun seit über einem Jahr Ruhe. Und es hat knapp zweieinhalb Jahre gedauert, mir noch einmal die ersten dreißig Jahre der „Lindenstraße“ auf DVD anzusehen. Theoretisch wäre das auch in 65 Tagen zu schaffen gewesen, wenn ich jeden Tag zwölf Stunden geglotzt hätte. Dann wären allerdings mehr als nur ein paar leichte, sagen wir mal, Folgeschäden geblieben. Im Grunde wurde mir ja auch das bestätigt, was ich längst erahnt hatte. Nämlich, dass die „Lindenstraße“ im Laufe der Jahre viel vom alten Charme einbüßen musste, aber auch eine gewisse Portion Nostalgie mit dabei war. Sprich, man wieder Heimweh nach den Achtzigern spürt. Durch die Alltagsgeschichten der „Lindenstraße“, die selber zum Bestandteil einer langen Kindheit und Jugend wurde.

Und trotz aller mal mehr, mal weniger ernstgemeinten Kritik ziehe ich meinen Hut. Stehe stramm wie Onkel Franz und salutiere mit dem Luftgewehr. Einmal für die beeindruckende Leistung, diesen großen bayrischen Mikrokosmos in Köln-Bocklemünd gut dreieinhalb Jahrzehnte am Leben gehalten zu haben. Und vor allem dafür, mit dem ehrgeizigen Konzept etwas Beständiges erschaffen zu haben, das einmalig war und vermutlich auch lange bleiben wird. Auch wenn es manchmal in die Hose ging, schaffte es die „Lindenstraße“ auf ihre ganz eigene Art, so etwas wie den deutschen Alltag als TV-Serie abzubilden. Sie gab durch viele prägnante, unbequeme und auch einnehmende Figuren einzelnen Individuen ihr Gesicht. Und distanzierte sich damit volle 28 Minuten vom Einheitsbrei der anderen Schmonzetten.

So schließt sich nun auch dieses Kapitel. Und was bleibt als persönliche Schlussbilanz? Nun, einmal die Erinnerung an 1758 Sonntage, knapp 1000 geleerte Weizengläser, eine durch die „Lindenstraße“ vergraulte Freundin und etliche im Gedächtnis hängengebliebene Weisheiten des „Konfuze“. Darunter Perlen wie „Lieber arm dran als Schwanz ab.“, was Gung einmal Olaf Kling an den Kopf geworfen hat. Ach ja, und natürlich dieses Monstrum an DVD-Sammlung, das wie ein echter Schildknecht seit über zwei Jahren mein Wohnzimmer verschönert. Da ich aber zu jener Spezies gehöre, die Besuch eher von sich fernhält anstatt ihn auch noch einzuladen, musste das Handtuch bislang nur selten geworfen werden.

Und mit dem Ende der „Lindenstraße“ ist vermutlich auch die letzte Fernsehserie verschwunden, die ich mir im TV-Programm angesehen habe. Man hatte mir letztens empfohlen, es doch mal mit „Netflix“ zu versuchen, anstatt immer nur gebrauchte Serien auf DVD zu ersteigern und sie danach wieder zu verkaufen. Mal davon abgesehen, dass ich zu alt für den Scheiß bin, fragte ich, wozu ich einen monatlichen Pauschalbetrag für eine Flut an ermüdenden Serien zahlen soll, wenn mich im Bestfall höchstens eine anspricht? Als Antwort kam, dass man dasselbe beim Online-Dating doch heute auch so macht. Interessanter Punkt. Ich bleibe dabei und überlasse meine gebrauchten DVDs dem nächsten Dussel. Nur nicht die „Lindenstraße“. Denn die „Jugendliebe“ wird man so schnell nicht wieder los.

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Autor: Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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