Aktueller Software Markt – Denkmal für die coolste Spielezeitschrift

Die Jugend in den Achtzigern war hart. Kein mobiles Telefon mit Internet, und somit auch keine Möglichkeit, im Netz mal eben schnell nach Informationen zu suchen. Neuigkeiten über Hobbys wie Computerspiele musste man über gebündeltes und bedrucktes Papier im Laden erwerben. Diese Objekte nannten sich Zeitschrift. Eines dieser Magazine war Aktueller Software Markt (kurz ASM). Kostete anfangs um die 6 DM und erschien seit März 1986 monatlich am Kiosk. Der Name war nicht gerade eine Meisterleistung an Kreativität, aber auch hier galt: „Never judge a book by its cover title“. Damals wurden Anglizismen glücklicherweise noch nicht so inflationär gebraucht. Spätere Zeitschriften nannten sich Power Play, Video Games oder Play Time – in Sachen Kreativität nicht viel besser, aber dem Zeitgeist konform.

ASM - Aktueller Software Markt

ASM – Aktueller Software Markt

Und so krame ich die ASM aus der Vergangenheit hervor. Auf meinem Dachboden lagern noch dutzende dieser Relikte, ein fast kompletter Satz aller je erschienenen Ausgaben, teilweise zerfleddert und vergilbt. Ich hatte mir seit 1989 jede Ausgabe monatlich zugelegt, und die älteren Exemplare auf dem Flohmarkt peu à peu nachgekauft. Denn die ASM war besonders, nicht so wie die anderen Zeitschriften. Und das fing schon bei der Aufmachung an.

Betrachtet man so ein Stück ASM-Zeitgeschichte, fallen sofort ein paar Anomalitäten der Präsentation auf. Erstmal glänzt das Cover nicht. … Wie, kein Hochglanzmagazin? Ich frage mich, wie man Zeitschriften damals so verkaufen konnte? Heute lernt doch jeder Medienunternehmer, dass Scheiße nur ausreichend glitzern muss, um gekauft zu werden. Und dann bestand das Cover-Bild (zumindest in den ersten Jahren) auch noch aus einer waschechten Zeichnung. Der englische Künstler Mark Bromley hat tatsächlich jeden Monat für die ASM exklusiv eine Zeichnung angefertigt. Heutzutage undenkbar. Da verschiebt der Multimedia-Praktikant mit Photoshop ein paar Stockfotos in der Vorlage, Texte und Transparenz hinzu – fertig ist das Cover.

ASM-Cover der "goldenen Jahre", gezeichnet von Mark Bromley

ASM-Cover der goldenen Jahre, gezeichnet von Mark Bromley

Auch typisch für die Artikel der ASM war, dass Schriftfarben auf Hintergründen oft so gewählt wurden, dass man die Texte kaum lesen konnte. Barrierefreiheit war in den Achtzigern eben noch nicht angekommen. Was das Layout betrifft, wurde generell mit Abständen und Größen gegeizt. Alles wirkte sehr eng und gedrungen, die Schriftgrößen mitsamt Zeilenabstand doch recht klein. Heute würde mich sowas wahrscheinlich stören, zu der Zeit war mir sowas aber egal. Zum Glück, denn inhaltlich zeigte die ASM ihre wahren Stärken.

Content is King

Für die „Generation Heimcomputer“ schrieben Redakteure frische Berichte und Tests zu aktuellen Computer- und Videospielen. Immer locker und nah am Leser. Da war einmal Chefredakteur Manni Kleimann, der auf dem Bild der ersten Seite immer so aussah, als hätte er die letzten Nächte vor Redaktionsschluss durchgemacht. Dazu gesellten sich Ulrich Mühl, Michael Suck, Eva Hoogh, Martina Strack und ein paar andere.

Neben den Neuigkeiten und Testberichten gab es einen heißbegehrten Bereich mit Tipps und Tricks zu Spielen. Woher sollte man auch sonst die nötigen Infos bekommen, wenn man irgendwo im Spiel nicht weiterkam? Die gängigen YouTube-Kanäle mit schwafelnden Dauerzockern, die jeden Furz in einem Spiel kommentieren, gab es ja noch nicht. So fertigten Monat für Monat fleißige Leser ihre eigenen Komplettlösungen mit Buntstift und Lineal an, eine Briefmarke rauf und ab damit an die Postadresse des Tronic-Verlags.

ASM Spielhalle – mit News zu Automaten

ASM Spielhalle – mit News zu Automaten

Ebenfalls sehr beliebt waren die Kleinanzeigen zum An- und Verkauf von halbseidenen Waren, die sich Stuff oder Warez nannten. Raubkopie klang ja auch schon damals blöd. Damit diese Seidenstraße dem mitlesenden Staatsanwalt nicht sofort auffällt, wurden die Anzeigen einfach verschlüsselt verfasst („Ask for latest WAREZ“), und zur Sicherheit wurde einfach eine Postfachadresse angegeben.

Auf den ersten Seiten des Heftes befand sich auch der Vorgänger heutiger Internet-Foren. Er nannte sich Uli’s Feedback und wurde von Ulrich Mühl stets mit Sonnenbrille moderiert. Amiga- und Atari ST-Fanboys schrieben sich gegenseitig Schmähbriefe über das jeweilige andere System. Auch legendär die regelmäßigen Leserbriefe des Dr. Waldemar Mahnmann, der als Jurist verkleidet mit haarsträubenden Texten die Leserschaft polarisierte. Heutige Facebook-Hasenhirne würden die hohe Kunst darin wahrscheinlich kaum erkennen und sowas stumpf als Troll bezeichnen.

Als der Karren dann an die Wand fuhr …

Ab 1993 trat das ein, was ein gut etabliertes System gerne kaputt macht. Herumgefummel von Leuten, die Aktionismus mit Professionalität verwechseln. Die Leser hatten wohl mitbekommen, dass Chefredakteur Manni mitsamt eingen Redakteuren aus irgendwelchen Gründen das Handtuch warf und ein paar Neue die Bühne betraten. Diese neue Truppe änderte auch gleich den Namen der ASM in „Das Spaß Magazin“. Leider wurde es kein Spaß. Das Logo bekam einen goldigen Glanzeffekt, die Headlines wurden reißerisch und man versuchte kindhaft, alle möglichen Schriftarten, Farben und Größen auf dem Cover mit unterzubringen. Wie ein paar Knirpse, die mit dem Malkasten experimentieren. Aus Aktueller Software Markt wurde ein Boulevardmagazin, leider auch inhaltlich. Und der Karren war an die Wand gefahren. Im Februar 1995 erschien die letzte Ausgabe.

Untergang des “Spaß-Magazins”

Untergang des Spaß-Magazins

Gäbe es die Kult-Zeitschrift ASM noch heute? Wäre man nur den Wurzeln treu geblieben? Eine schwierige Frage. Durch das Wegsterben der klassischen Heimcomputer C64, Amiga und Atari-ST hätte man sich wohl auf PC- und Videospiele fokussieren müssen. Um nicht im Einheitsbrei der Konkurrenz unterzugehen, wäre ein Bewahren des Kult-Faktors und der ASM-Einzigartigkeit vonnöten gewesen. Wer weiß, vielleicht gäbe es die ASM dann heute noch.

Links

Manfred Kleimanns Webseite
Interview mit Manfred Kleimann auf kultboy.com

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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3 Kommentare

  • Andreas
    22.11.2014, 8:35 Uhr.

    Super geschrieben, Danke dafür 😉 Ich hatte die ASM von Ausgabe 1987 bis Feb. 1995 komplett bei eBay gekauft und bin immer noch beeindruckt von der Zeitschrift.

    Das Layout, besonders das der 80er-Ausgaben, scheint von keinen eindeutigen Vorgaben belästigt worden zu sein. Eher wirkt es oft so, als ob mal eine neue Sache von den Layoutern ausprobiert wurde, halt „mal gucken ob es passt“. Dazu kommen Testberichte, die fast den kompletten Text lang erstmal erzählen, wie es dem Autor so geht, welche Gedanken er beim Starten des Spiels hatte – und upps, ganz zum Schluß dann noch fix drei Sätze zum Programm. Welches, das muss man sich heute mal vorstellen, mit keinem Screenshot gezeigt wird. Ein Spielbericht ohne Bilder … superb.

    Die ASM packte das alles in einem wunderbaren Flow voller Enthusiasmus, Begeisterung und Herzblut und schaffte es so, eine einzigartige Zeitschrift zu werden. Das war sicherlich auch nur zu eben jener Zeit möglich – kein Herausgeber, der ständig hineinquatscht, kein Online-Druck, kein ständiger Krach wegen Budgets.

    Und darum auch zu Deiner Frage: ich denke nicht, dass die ASM die 90er lange überlebt hätte. Auch mit Manni & Co. nicht. Denn die Freigeister, die Spielfreude und der Mix von Größenwahn und Bodenständigkeit ist in der Branche spätestens Ende der 90er abgeschafft worden. Von daher war es so vielleicht am Besten … statt heute eine „ASM, präsentiert von ComputerBILD“ oder so ertragen zu müssen.

    Tolle Zeiten waren das 😉

    • Dirk
      Dirk
      22.11.2014, 9:02 Uhr.

      Danke für deinen gut geschriebenen und ausführlichen Kommentar 😉

      Und ein guter Punkt mit den Freigeistern. Denn das war sie wirklich, die alte Truppe des Tronic-Verlags. Gerade das hat uns damals als Leser gefallen. Man fühlte sich einfach zuhause – und die Spieleberichte wurden fast zur Nebensache.

      Danke für die gute Zeit 🙂

  • Jan
    02.08.2018, 15:56 Uhr.

    Hach, die ASM. So ab 1990, als ich meinen ersten Amiga 500 bekam, habe ich die ASM regelmäßig gelesen und geliebt. Und wie kunstvoll habe ich sie ein ums andere mal meiner Mutter beim Einkaufen aus dem Kreuz geleiert. 😉
    Danke für den Artikel.