Aktueller Software Markt – Denkmal für die coolste Spielezeitschrift

Die Jugend vor fast 30 Jahren war hart. Kein Smartphone, kein Internet. Neuigkeiten über Sachen von Interesse musste man über gebündeltes und bedrucktes Papier im Laden erwerben. Diese Objekte nannten sich Zeitschrift – ein Wort, das vielleicht bald den Archaismen zugeordnet wird. Eine dieser sog. Zeitschriften war Aktueller Software Markt, oder kurz ASM. Kostete anfangs um die 6 DM und erschien seit März 1986 monatlich am Kiosk. Der Name war nicht gerade eine Meisterleistung an Kreativität, aber auch hier gilt: „Never judge a book by its cover title“. Damals wurden Anglizismen glücklicherweise noch nicht so inflationär gebraucht. Spätere Zeitschriften nannten sich „Power Play“, „Video Games“ oder „Play Time“ – in Sachen Kreativität nicht viel besser, aber dem Zeitgeist konform.

ASM - Aktueller Software Markt

ASM – Aktueller Software Markt

Kramen wir also die ASM aus der Vergangenheit hervor. Auf meinem Dachboden lagern noch dutzende dieser Relikte, teilweise zerfleddert und vergilbt. Betrachtet man so eine Ausgabe von damals, fallen für heutige Augen ein paar Anomalitäten der Präsentation auf. Das Cover glänzt nicht! Großer Minuspunkt. Ich frage mich, wie man Zeitschriften damals so verkaufen konnte? Auch bestand das Cover-Bild (zumindest in den ersten Jahren) aus einer waschechten Zeichnung. Der englische Künstler Mark Bromley hat tatsächlich jeden Monat für die ASM exklusiv eine Zeichnung angefertigt. Heutzutage undenkbar. Da verschiebt der Multimedia-Praktikant mit Photoshop ein paar Stockfotos in der Vorlage, Effekte und Transparenz hinzu – fertig ist das Cover.

ASM-Cover der "goldenen Jahre", gezeichnet von Mark Bromley

ASM-Cover der „goldenen Jahre“, gezeichnet von Mark Bromley

Auch typisch für die ASM war, dass Schriftfarben auf Hintergründen meist so gewählt wurden, dass man die Texte kaum lesen konnte. Barrierefreiheit war in den 80ern eben noch nicht angekommen. Was das Layout betrifft, wurde generell mit Abständen und Größen gegeizt. Alles wirkte sehr eng und gedrungen, die Schriftgrößen mitsamt Zeilenabstand doch recht klein. Heute würde mich sowas wahrscheinlich stören und das Heft sofort wieder zurück ins Regal wandern. Früher ist es einem gar nicht aufgefallen. Zum Glück, denn inhaltlich zeigte die ASM ihre wirklichen Stärken.

Content is King

Für die Generation Heimcomputer schrieben Redakteure (die Urväter heutiger Online-Redakteure) frische Berichte und Tests zu aktuellen Computer- und Videospielen. Immer locker und nah am Leser. Da war einmal der Chefredakteur Manni Kleimann, der auf dem Bild der ersten Seite immer so aussah, als hätte er die letzten Nächte vor Redaktionsschluss durchgemacht. Dazu gesellten sich Ulrich Mühl, Michael Suck, Eva Hoogh, Martina Strack und ein paar andere.

Neben den Neuigkeiten und Testberichten gab es einen begehrten Bereich mit Tipps und Tricks zu Spielen. Woher sollte man auch sonst Infos bekommen, wenn man irgendwo im Spiel nicht weiterkommt? So etwas wie gamefaqs.com gab es noch nicht. So fertigten fleißige Leser ihre Komplettlösungen mit Buntstift und Lineal an, eine Briefmarke rauf und ab damit an die analoge Postadresse des Tronic-Verlags.

ASM Spielhalle – mit News zu Automaten

ASM Spielhalle – mit News zu Automaten

Ebenfalls sehr beliebt waren die Kleinanzeigen zum An- und Verkauf von halbseidenem „Stuff“. Damit diese Seidenstraße nicht zu offensichtlich war, wurden die Anzeigen einfach verschlüsselt gebucht („Ask for latest WAREZ“). Auf den ersten Seiten des Heftes befand sich auch der Vorgänger heutiger Internet-Foren. Er nannte sich „Uli’s Feedback“ und wurde von Ulrich Mühl stets mit Sonnenbrille moderiert. Amiga- und Atari ST-Fanboys schrieben sich gegenseitig Schmähbriefe über das jeweilige andere System. Auch legendär die Leserbriefe des „Dr. Waldemar Mahnmann“ (Sprechender Name), der als Jurist verkleidet mit herrlich haarsträubenden Texten die Leserschaft polarisierte. Heutige Internet-Hasenhirne würden die Kunst darin kaum erkennen und sowas stumpf als Troll bezeichnen.

Wendepunkt zur Bedeutungslosigkeit

Ab 1993 trat das ein, was ein Running System gerne kaputt macht. Herumgefummel von Leuten, die Aktionismus mit Professionalität verwechseln. Die Leser hatten wohl mitbekommen, dass Chefredakteur Manni das Handtuch warf und ein paar Neue die Bühne betraten. Die neue Truppe änderte gleich den Namen der ASM in „Das Spaß Magazin“. Leider wurde das kein Spaß. Das Logo bekam einen goldigen Glanzeffekt, die Headlines wurden reißerisch und man versuchte kindhaft, alle möglichen Schriftarten, Farben und Größen auf dem Cover mit unterzubringen. Wie ein paar Knirpse, die mit dem Malkasten experimentieren. Aus Aktueller Software Markt wurde ein Boulevardmagazin, leider auch inhaltlich. Und der Karren war an die Wand gefahren. Im Februar 1995 erschien die letzte Ausgabe.

Untergang des “Spaß-Magazins”

Untergang des “Spaß-Magazins”

Gäbe es die Kult-Zeitschrift ASM noch heute, wenn man den Wurzeln treu geblieben wäre? Eine schwierige Frage. Durch das Wegsterben der klassischen Heimcomputer C64, Amiga und Atari-ST hätte man sich wohl auf PC- und Videospiele fokussieren müssen. Um nicht im Einheitsbrei der Konkurrenz unterzugehen, hätte man Kult-Faktor und Einzigartigkeit bewahren müssen. Gleichzeitig geschickt die Neuen Medien (damals waren sie wirklich neu) integrieren müssen. Mit einer Monats-CD voller Trials wäre es natürlich nicht getan. Wer weiß, vielleicht gäbe es die ASM heute noch?

Für mich ist und bleibt Aktueller Software Markt die Retro-Spielezeitschrift schlechthin. Und ich würde nicht einmal kurz darüber nachdenken, die alten Relikte auf dem Dachboden bei eBay zu verhökern. Ein passenderes Schlusswort gibt es nicht.

Links

Manfred Kleimanns Webseite
Interview mit Manfred Kleimann auf kultboy.com

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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2 Kommentare

  • Andreas
    22.11.2014, 8:35 Uhr.

    Super geschrieben, Danke dafür 😉 Ich hatte die ASM von Ausgabe 1987 bis Feb. 1995 komplett bei eBay gekauft und bin immer noch beeindruckt von der Zeitschrift.

    Das Layout, besonders das der 80er-Ausgaben, scheint von keinen eindeutigen Vorgaben belästigt worden zu sein. Eher wirkt es oft so, als ob mal eine neue Sache von den Layoutern ausprobiert wurde, halt „mal gucken ob es passt“. Dazu kommen Testberichte, die fast den kompletten Text lang erstmal erzählen, wie es dem Autor so geht, welche Gedanken er beim Starten des Spiels hatte – und upps, ganz zum Schluß dann noch fix drei Sätze zum Programm. Welches, das muss man sich heute mal vorstellen, mit keinem Screenshot gezeigt wird. Ein Spielbericht ohne Bilder … superb.

    Die ASM packte das alles in einem wunderbaren Flow voller Enthusiasmus, Begeisterung und Herzblut und schaffte es so, eine einzigartige Zeitschrift zu werden. Das war sicherlich auch nur zu eben jener Zeit möglich – kein Herausgeber, der ständig hineinquatscht, kein Online-Druck, kein ständiger Krach wegen Budgets.

    Und darum auch zu Deiner Frage: ich denke nicht, dass die ASM die 90er lange überlebt hätte. Auch mit Manni & Co. nicht. Denn die Freigeister, die Spielfreude und der Mix von Größenwahn und Bodenständigkeit ist in der Branche spätestens Ende der 90er abgeschafft worden. Von daher war es so vielleicht am Besten … statt heute eine „ASM, präsentiert von ComputerBILD“ oder so ertragen zu müssen.

    Tolle Zeiten waren das 😉

    • Dirk
      Dirk
      22.11.2014, 9:02 Uhr.

      Danke für deinen gut geschriebenen und ausführlichen Kommentar 😉

      Und ein guter Punkt mit den Freigeistern. Denn das war sie wirklich, die alte Truppe des Tronic-Verlags. Gerade das hat uns damals als Leser gefallen. Man fühlte sich einfach zuhause – und die Spieleberichte wurden fast zur Nebensache.

      Danke für die gute Zeit 🙂