Alte Kirchen – warum sich nicht nur zur Weihnachtszeit ein Besuch lohnt

Weihnachten steht vor der Tür und in den Kirchen ist es voller als sonst. Nicht nur mit löhnenden Kirchenmitgliedern, auch mit Konfessionslosen, von denen um die acht Prozent zur Weihnachtszeit in eine Kirche pilgern. Das wären gut zweieinhalb Millionen Deutsche, die trotz fehlender Kirchenzugehörigkeit für sich selber oder der Kinder wegen in der weihnachtlichen Jahreszeit etwas Kirchenflair atmen wollen. Dabei stehen viele Kirchen außerhalb der Gebetszeiten das ganze Jahr für jedermann offen, nur verirrt sich außer Touristen selten jemand, dem es primär um den Ort und weniger um die Institution geht. Zeit, eine Lanze zu brechen für die betagten Relikte unserer abendländischen Kultur.

Faszination alte Kirche (Mainzer Dom)

Faszination alte Kirche (Mainzer Dom)

Kurzer Abriss unserer abendländischen Kirche

Kirchen begleiten uns seit fast zweitausend Jahren und sind in unserem christlich geprägten Abendland ein „dem Herrn gehörendes“ Gebäude (kyriaké oikía), das laut Christus ein Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott ist. Man könnte annehmen, dass Kirchen mit dem Ende des Tempelkults und der Verbreitung des Christentums ab dem zweiten Jahrhundert wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Doch gefehlt: Eine Kirche zu errichten war in jungen Jahren nicht unproblematisch, waren Christen im Römischen Reich doch ähnlich willkommen wie ein paar Schalker nachts in Dortmund. Erst mit Kaiser Konstantin und der 313 n. Chr. erlassenen Mailänder Vereinbarung, die jedermann freie Religionswahl gewährte, kam die Wende. So wurde aus der einst geächteten Christenbande eine geduldete und später privilegierte Institution, die auch nach dem Untergang des Römischen Reiches als Staatskirche für viele Jahrhunderte die dominierende Rolle übernahm.

Als der Augustinermönch Luther im Jahr 1517 seine Häresie unbedacht an die Wittenberger Schlosskirche nagelte, und damit die Büchse der Pandora öffnete, stand nach der Trennung der lateinischen Kirche des Westens von der griechischen Kirche des Ostens im Jahr 1054 n. Chr. das nächste große Schisma auf der Matte. Und war für die römisch-katholische Kirche ein ernstes Omen, dass es mit der gewohnten Vorherrschaft vielleicht nicht auf ewig weitergehen wird. Weitreichende Glaubenskämpfe sollten folgen, und erst der 1555 geschlossene Augsburger Religionsfrieden gestand Luthers Anhängern unter den Fürsten, Prälaten und Grafen freie Religionsausübung zu. Für den Pöbel galt: „Cuius regio, eius religio.“ Wer die Kapelle bezahlt, bestimmt die Musik. Oder wörtlich übersetzt: wessen Gebiet, dessen Glaube. So diktierte der Landesherr seinen Untertanen in der Regel einfach seinen eigenen Glauben auf. Religion war für das Volk lange Zeit keine Glaubensentscheidung, sondern einfach ein Resultat des Geburtsortes.

Zur selben Zeit bot der Kolonialismus die Gelegenheit, außerhalb der Alten Welt die nötigen Reserveschäfchen anzulegen, falls es daheim irgendwann nicht mehr so rund läuft. Katholische als auch lutherische Missionare reisten mit Händlern und Soldaten im Auftrag des Herrn und bekehrten mit dem Holzhammer reihenweise ungetaufte Naturvölker. So hatte die christliche Mission für die Wilden Nord- und Südamerikas neben Gottes Segen auch Alkoholismus, Fronarbeit sowie ein paar neue Krankheitserreger mit im Gepäck.

Überfliegt man salopp die Kirchengeschichte mit kritischem Blick, dann scheint es als feierte sich die Kirche als Institution jahrhundertelang selber, und war neben den Kreuzzügen, der Inquisition bis hin zum Reichskonkordat mit Hitler und den jüngsten Missbrauchsvertuschungen in vielerlei fragwürdige und unchristliche Dinge verstrickt, dass dem damals am Kreuz hängenden Jesus bei solch Weissagung wohl vor Schreck die Dornenkrone verrutscht wäre.

„Pater, ich bin dann mal weg.“

Ein Kirchenaustritt ist in Deutschland mit dem Grundrecht auf Religionsfreiheit seit 1847 möglich. Das hat schon eine gewisse Komik, wurde die freie Religionswahl ja bereits von den Römern eingeführt. Gut, sie wurde knapp 70 Jahre später von denselben Römern auch wieder abgeschafft. Auch verstand man zu jener Zeit unter Religionsfreiheit mitnichten, nun gar keine Religion und Glaubensbekenntnis als sogenannte „negative Religionsfreiheit“ für sich selber zu verbuchen.

Wie dem auch sei, so richtig in Fahrt kam die Austrittsbewegung nach dem erlassenen Grundrecht erst mehr als hundert Jahre später. Zählte man 1970 in der BRD noch 3,9% Konfessionslose, so waren es 1987 schon über zehn Prozent. Als uns im Zuge der Wiedervereinigung die erste große Flüchtlingswelle erreichte, stieg die Zahl dank den staatlich geförderten Atheisten aus dem Osten im frisch vereinten Deutschland sprunghaft auf 22,4% an. Aktuell gehen Schätzungen von ca. 36% Konfessionslosen aus. Dafür hätte man im Spätmittelalter reichlich Holz für den Scheiterhaufen hacken müssen.

Interessant ist diese Entwicklung im Zusammenhang dieser Betrachtung deshalb, da mit sinkender Kirchenzugehörigkeit auch der Bedarf an Kirchen zwangsläufig mit sinkt. Was wiederum nach der Litanei der einleitenden Worte zum eigentlichen Thema führt und bedeutet, dass es für die Institution Kirche in kommenden Zeiten, sollte der Trend sich fortsetzen, immer schwieriger wird, die doch recht kostspieligen Bauwerke zu erhalten und für die Nachwelt zu konservieren. Und wir reden nicht von einer Handvoll Bethäusern, sondern von etwas mehr als 65.000 Kirchen auf deutschen Böden.

Ein enormes kulturelles Vermächtnis, von der Dorfkirche bis zum Dom, das von der Institution Kirche gepflegt wird. Würde die Deutsche Bahn ihren Job mit ähnlicher Leidenschaft ausführen, dann wären bei den 5.600 deutschen Bahnhöfen nicht etliche dabei, wo man sich fragt, ob man gerade auf dem Lokus einer italienischen Raststätte gelandet ist. Gut, dafür hat die Bahn in ihrer Historie kaum größere Skandale aufzuweisen – sieht man mal von Mitarbeiterbespitzelung im großen Stil ab. Die Kirche hingegen macht es einen bei ihrem Wust an Skandalen aber auch sehr leicht, mit dem Wurstfinger schmähend auf sie zu zeigen.

Die Frage, die ich mir dabei stelle: bei einem Lebensalter von knapp 2000 Jahren – würde es da nicht viel eher wundern, hätte es keine Skandale, Unfug und Ausbeutung gegeben? Und schaut man sich den Unfug an, der im Namen von Vernunft und Wissenschaft geschehen ist, dann bleibt die spröde Erkenntnis, dass Fehler auch nur natürliche Dinge sind, aus denen man selber oder spätere Generationen lernen können. So mag jeder zur Kirche stehen wie er will – lehnt man neben der Institution allerdings auch ihre Bauwerke ab, dann annihiliert man nicht nur unsere historische Identität, sondern beraubt sich auch gewisser Wohltaten, die im Folgenden näher beleuchtet werden.  

Kirchenkunde für Laien

Egal ob und welcher Religion man angehört: Bevor man eine Kirche betritt, sollte man nicht nur auf angemessene Kleidung und adäquates Verhalten achten, sondern auch ein paar der Elemente namentlich kennen, aus denen eine Kirche komponiert ist. Schließlich betritt man ein Gotteshaus und keinen McDonald’s, den der übliche Prolet mit Adiletten betritt und die Bestellung dem Minijobber an der Kasse ins Gesicht rülpst. Respekt beginnt wie alle guten Dinge im Kopf.

Dass viele Kirchen einen kreuzförmigen Grundriss haben, versteht sich von alleine. Ein wichtiges Element sind die Längsträume, Schiffe genannt, die bei vielen Kirchen parallel zueinander verlaufen. Ist das Mittelschiff höher als die anliegenden Schiffe, so spricht man von einer Basilika. Bei den kleineren Kirchen auf dem Land, die meist aus einem einzigen Schiff bestehen, spricht man von einer Saalkirche.

Elemente einer Kirche

Elemente einer Kirche

Betritt man durch das Portal eine Kirche, so findet man sich bei ganz alten Bauwerken oft in einer  Narthex genannten Vorhalle wieder. Von hier aus gelangt man über das Mittelschiff direkt zur Vierung, dem Raum, wo sich Haupt- und Querschiff schneiden. Direkt dahinter folgt der Chor, wo sich der Hauptaltar befindet. Der Name basiert auf der ursprünglichen Bestimmung des Raumes für den Gesang der Liturgie. Abschließend folgt die Apsis, ein von einer Halbkuppel überwölbter, halbkreisförmiger Raumteil.

Ein Dom (von domus Dei, dem Haus Gottes) ist eine Kirche, die sich durch ein besonderes Merkmal heraushebt. Das kann künstlerischer oder auch historischer Natur sein. Eine Kathedrale hingegen kann nur eine Kirche sein, die auch als Bischofssitz dient. Dom und Kathedrale sind also keine identischen Begriffe. Ein Dom ohne Bischofssitz ist zwar selten, kam aber auch schon vor. Bleibt noch das Münster, das eigentlich eine Klosterkirche ist, wenngleich auch einige große Stadtpfarrkirchen so bezeichnet werden.

Pilgertour zum Mainzer Dom

Als kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs die Bomben fielen und im Februar 1945 das einst so goldene Mainz in eine Trümmerlandschaft verwandelten, blieb der Mainzer Dom als knapp tausendjähriges Wahrzeichen im Gegensatz zur restlichen Innenstadt weitestgehend verschont. Dabei musste das Gebäude, das unter Schutzherrschaft des Heiligen Martin von Tours steht, in seiner Geschichte mehrere Zerstörungen durch Brand, vandalierende Preußen, und, während der Besatzungszeit durch die Grande Nation, eine Horde parfümierter Franzosen überstehen, die den Dom zum Lebensmittellager und Lazarett umfunktionierte und gemäß Laissez-faire die gesamte hölzerne Inneneinrichtung verheizte. Diese bewegte Geschichte machte den Dom stets zur Dauerbaustelle mit vielerlei Restaurierungsarbeiten, was auch die bunte Mixtur aus romanischen, gotischen und barocken Elementen erklärt.

Und gäbe es den Dom nicht, so fiele es schwer zu glauben, dass Mainz seit dem frühen Mittelalter neben Städten wie Köln, Lübeck und Nürnberg eine wichtige und florierende Metropole war – wo der Erzbischof seinen Sitz hatte, Gutenberg den Buchdruck etablierte und Könige gekrönt wurden. Als ich zu Beginn meines rheinischen Exils das erste Mal durch Mainz spazierte, war mein einziger Gedanke: „Hier stimmt ja nichts mehr …“ Die seelenlos hingepflanzte Nachkriegsinnenstadt hatte einen Reiz wie jede ostchinesische Retortenstadt. Das optische Martyrium wurde immerhin von einem kleinen Rest Altstadt beendet, der an den Glanz längst vergangener Tage erinnert und Besuchern einen Eindruck vermittelt, wie prächtig die Stadt einst war.

Mainzer Dom

Mainzer Dom

Den Dom habe ich erst einige Jahre später durch den an der Seite etwas versteckt liegenden Haupteingang betreten. Ich hatte es mir öfters vorgenommen, aber irgendwelche profanen Gründe hinderten stets. Dabei hat sich der Eintritt mehr als gelohnt: Eine Aura der Sammlung und Versunkenheit umgab und katapultierte mich binnen Sekunden Jahrhunderte durch die Zeit zurück. Der kräftige Geruch des alten Mauerwerks, die Prinzipalien und Grabdenkmäler weckten mein Interesse und ließen mich innehalten. Ich bewunderte die Stimmigkeit des Raumes, der von der Belichtung bis zu Form und Farbe schlicht beeindruckend war. Jedes Element erzählte seine eigene Geschichte, und um alles zu erfassen brauchte es mehr als diesen einzigen Besuch. Da kam ich also unerwartet, wie die Jungfrau zum Kind, in eine Welt, die so gar nichts mit der kakophonen Geräuschkulisse der umliegenden Innenstadt gemein hatte.

Alte Kirchen – was sie uns geben können

Gerade zur Adventszeit fällt dieser Kontrast besonders auf. Hat man sich durch das Purgatorium der überfüllten Geschäftsmeilen einmal durchgeläutert, erfährt man die Eschatologie – die Vorstellung einer endgültigen innerweltlichen Heilszeit – im Zentrum einer jeden Stadt. Zeitnot, Zerfahrenheit und Zwangskonsum blättern selbst bei scheinbar hoffnungslosen Fällen wie altes Laub ab, und für eine Weile gilt nicht mehr das „Leistung-Konsum-Freude“-Dogma, das von Arbeitgeberfunktionären, der Werbeindustrie sowie der FDP gern unters Volk geschummelt wird.

So zählen Kirchen tatsächlich zu den wenigen Orten, wo noch Respekt vor Stille und Sammlung herrscht. Kaum jemand würde sich in der Kirche genau so verhalten, wie man es von den meisten öffentlichen Orten kennt, wo zufällig zusammengewürfelte Menschen zusammenkommen. Ob im extra ausgeschilderten Ruheraum eines Intercitys oder der Sauna – es dauert in der Regel keine fünf Minuten, bis der erste Dussel schmatzend und zeitungsblätternd die Heiligkeit der Stille zerstört. Silentium hat im 21. Jahrhundert einen ähnlichen Stellenwert wie der Büttel im Mittelalter: lästig, unnütz und vertreibenswert.

Dabei ist es nicht nur die Geräuscharmut, die eine Kirche zum Erlebnis macht. Ginge es nur darum, könnte man auch zum Friedhof gehen oder sich zur Beendigung der Sedisvakanz auf dem Klo einschließen. Kirchen machen Geschichte unmittelbar erfahrbar. Und das ist etwas, was zu meiner Zeit selten im Unterricht der Schule funktionierte. Hatte man Pech, dann bestand Geschichte aus einer endlosen Aneinanderreihung von Daten und Fakten, mit denen man im Leben außer Klugschiss kaum was anfangen kann. Weitaus segensreicher ist das Erspüren, was das Wesen einer jeweiligen Epoche war, wie es sich facettenreich abgegrenzt und ausgedrückt hat. Wenn ich eine Speise erfahren möchte, muss ich sie auch zubereiten und schmecken. Rezept und Nährwerttabelle allein bringen da nicht viel.

Mit dem Betreten eines viele hundert Jahre alten Kirchenbauwerks beginnt das Entdecken der Immanenz – der innewohnenden Essenz der endlichen Dinge – bereits am Portal mit den prächtigen Türen aus Bronze oder Holz. Setzt sich dann bei den archetypischen Skulpturen, Bleiglasfenstern und Grabdenkmälern im Innenraum fort und endet vereinigend in der Erfahrung des Raumes an sich. Nötig dazu sind lediglich ein entspannter und nicht abgelenkter Geist sowie ein Sich-Öffnen für die Dinge um einen herum. Und wenn dieser Draht zu den Dingen einmal da ist, dann werden auch von Natur aus langweilige Daten von alleine interessant. Hat man Glück, durchstreift einen nach Einwurf einer Münze in einen der vielen Klingelkästen auch ein Hauch Transzendenz – aber das ist eine andere Geschichte.

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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