Final Fantasy VII – Retro-Rollenspiel und Artefakt der Jugend

Ich kaufte mir 1997 die Sony Playstation. Hauptsächlich wegen eines einzelnen Spiels – hatte für den November extra ein paar Wochen Urlaub genommen. Klingt verrückt, war auch so. Pünktlich zum Release stand ich im Laden, kaufte Final Fantasy VII, schaltete die Türklingel ab und war für die nächsten Wochen nicht erreichbar. Nach Suikoden war dies mein zweites JRPG. Und selbst heute, gut 17 Jahre später, hat es noch immer seinen festen Platz. Es wurde quasi zum Artefakt der späten Jugend. Warum das so ist, und warum für mich nur eine Handvoll Spiele diesen Status haben, will ich nun näher betrachten.

Final Fantasy VII – Retro Rollenspiel und Meilenstein

Final Fantasy VII – Retro Rollenspiel und Meilenstein

 

Final Fantasy VII (kurz FF-VII) wird allgemein noch immer als eines der besten und einflussreichsten Rollenspiele hochgelobt. Von vielen Fans vergöttert, von einigen Wenigen sogar gehasst. Für treue Fans der ersten Stunde kennzeichnet der siebte Teil oft den Bruch zum Mainstream, wo Inhalte immer mehr durch Grafikblenderei und Japano-Kitsch ersetzt werden. Ich persönlich sehe das eher ab den PS2-Ablegern, mit Teil XIII dann deutlich hervorstechen. Aber das ist ein anderes Thema.

Komponenten eines Meilensteins

Über FF-VII wurde eigentlich schon fast alles geschrieben. Die damals beeindruckenden Rendersequenzen, der innovative Story-Mix um Umweltzerstörung, Ökoterrorismus, Großkonzerne, genetische Experimente und Spiritualität. Das kunstvolle Setting mit einem Anstrich aus Cyberpunk und Retro-Futurismus. Das Materia-System – kondensierte spirituelle Energie mit magischen Effekten. Exorbitante Bosse und natürlich der bunte Haufen an Charakteren – in welchem anderen Spiel trifft man schon auf eine wahrsagende Katze, die auf einem ferngesteuerten Stofftier reitet?

Dies sind die Zutaten für einen Klassiker, zweifelsfrei. Und alles wurde irgendwo schon einmal erwähnt, diskutiert und auseinander gelegt. Aber sind das wirklich alle Stärken? Braucht ein Meilenstein von diesem Kaliber nicht noch etwas mehr? Bevor wir uns dieser zentralen Frage widmen, schauen wir kurz, was andere über FF-VII geschrieben haben.

Grandiose Story, gut durchdachte Charaktere, schöne Sequenzen und klasse Musik! Ein grandioser, bislang unerreichter Epos über Hoffnung und Zerstörung, Liebe, Hass, Macht, Mut und Freundschaft.

ffcorner.com

Die Wahrheit ist, dass das Spiel, wenn man es in seine Kernelemente zerlegt hätte, selbst zur damaligen Zeit in fast keinem Bereich viel besser als vergleichbare Titel war, abgesehen von den Rendersequenzen und dem Soundtrack vielleicht. Seine Größe und damit seinen Erfolg zog das Spiel aus dem nahezu perfekten Zusammenspiel seiner Einzelteile.

gamestar

Als Final Fantasy VII Mitte der 90er Jahre erschien, wirkte es wie aus einer anderen Welt. (…) Die Geschichte von Shinra macht Final Final Fantasy VII zu etwas wirklich besonderem, zu einer Geschichte, die zu großen Teilen nur in Bildern erzählt wird. (…) Im Vergleich dazu ist der eigentlich Hauptplot – und ich warne euch gleich vor, hier wird’s jetzt sehr subjektiv – weniger interessant und generisch.

eurogamer.de

i-Tüpfelchen zum Artefakt

Wir wären nicht bei Retropie, wenn wir uns nicht die eine Frage stellen würden. Warum haben einige Objekte aus der Jugend einen so hohen Status? Warum werden scheinbar gewöhnliche Dinge zum Artefakt? Wer die anderen Beiträge hier gelesen hat, ahnt wahrscheinlich schon das fehlende Puzzleteil. Und es gibt nur eine Handvoll an Spielen, die das geschafft haben, was FF-VII für mich auszeichnet: es transzendiert das Alltagsbewusstsein.

Einige kunstvolle und fast schon magische Spielszenen schaffen es durch das audiovisuelle Zusammenspiel immer wieder, mich für einen kurzen Augenblick in andere geistige Regionen mitzunehmen. In der Kindheit schien dieser Prozess alltäglich, und es brauchte oft keine besonderen Reize. Mit fortschreitendem Alter verblasst es, die Reize werden anspruchsvoller und selbst die Erinnerung daran schwindet (leider). Bevor wir nun ins Metaphysische abdriften, widmen wir uns wieder FF-VII.

Das fast schon surreale Farbklima vieler Szenen, dazu die Lichteffekte. Zauberei pur. Aber noch viel wichtiger die Leistung von Nobuo Uematsu. Er komponierte einen ätherischen und dermaßen tiefen Soundtrack, der perfekt das Setting vieler Spielszenen unterstreicht und wie ein Turbo-Katalysator in fremde Welten wirkt. Um das etwas anschaulicher zu gestalten, habe ich einige markante Szenen mit zugehörigem Soundtrack herausrausgesucht.

Mako Reaktor

Mako-Reaktor in Midgar„Mako Reactor“ (魔晄炉)

Eisenbahnfriedhof in Midgar

Eisenbahnfriedhof in Midgar„Anxiety“ (不安な心)

Brücken vor Corel

Holzbrücken vor Corel„Dear to the Heart“ (想いを胸に)

Corel Gefängnis

Badlands„Desert Wasteland“ (砂の流刑地)

Nibelheim

Nibelheim„On That Day, Five Years Ago“ (5年前のあの日)

Wutai

Japan-Dorf Wutai„Wutai“ (ウータイ)

Vergessene Stadt

Vergessene Stadt„Listen to the Cries of the Planet“ (星の声が聞こえる)

Außergewöhnliche Komponisten

Videospiel-Komponisten, die solch ätherische Musik komponieren können, fallen mir neben Nobuo Uematsu eigentlich nur Mark Morgan (Planescape Torment), Hiroki Kikuta (Secret of Mana) und Jeremy Soule (Secret of Evermore, Oblivion, Skyrim) ein. Eventuell noch Thomas Newman, der sich aber mehr auf Filmmusik fokussiert hat.

Und genau diese magischen Momente vermisse ich in der heutigen HD-Ära. Ich kann mich an kein einziges Spiel jüngerer Zeit erinnern, das diese Qualtäten in unserem von Kommerz und Mainstream dominierten Markt noch aufweist. Ich frage mich, ob seitens der Spieler kaum mehr Bedarf besteht oder die Hersteller diesen Aspekt einfach vergessen haben?

Hoffnungsträger bleibt Crowdfunding-Game „Torment: Tides of Numenera“ – glücklicherweise wieder mit Mark Morgan als Komponisten. Oder auf Final Fantasy XV warten und sich eines Besseren belehren lassen? Die Chancen stehen eher gering … dann doch lieber auf das Remake von Final Fantasy VII warten.

Links

Nobuo Uematsu Fanpage
Final Fantasy VII Remake / Square-Enix

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden generell geprüft, bevor sie freigeschaltet werden. Zwielichtige Kommentare und Links werden nicht veröffentlicht.

4 Kommentare

  • Professor Retro
    30.11.2014, 9:25 Uhr.

    Und wer das Spiel noch nicht kennt, unbedingt vorher eine Röhrenglotze auftreiben! Auf HD-Flachbildschirmen geht vieles deiner im Artikel erwähnten Magie verloren! Das nur als kleiner Tipp 🙂

    • Paul Katz
      DJ Paul Katz
      05.12.2014, 8:50 Uhr.

      Ja, die guten Röhrenfernseher. Ich hatte einen Sony Black Triniton. Der hielt fast 20 Jahre bevor er den Geist aufgab, wog mehr als 40 Kilo und hatte das beste Bild. Hey DaKah, schreib doch mal über alte Fernseher 😉

  • Cloud81
    05.12.2014, 16:47 Uhr.

    1A-Artikel!!!

    In der werbung zum Spiel stand damals „der erste Traum mit offenen Augen“.

    DAs war FFVII. Besser kann mans nicht ausdrücken.

  • Jimm
    06.12.2014, 9:04 Uhr.

    Hier fehlen eindeutig ein paar OST-Komponisten 😉

    Yasunori Mitsuda (Xenogears, Chrono Cross)
    Yoko Shimomura (Legend of Mana, Kingdom Hearts)
    Motoi Sakuraba (Star Ocean, Tales of Destiny)
    Akira Yamaoka (Silent Hill)
    Hiroshi Tamawari (Vandal Hearts II)