Grüntee – morgendliches Stimulans seit 4500 Jahren

Was die morgendlichen Stimulanzien betrifft, hat Tee hierzulande nicht gerade die Krone auf. Und wenn schon Tee mit Koffein, dann meist Schwarztee. Dabei wird gerade Grüntee von Fitness-Gurus und Medikussen schon länger als Wundermittel und Schlankmacher gepriesen. So wie eine Arznei – die man eigentlich nicht mag, aber vielleicht hilft. Und auch die Boulevardblätter haben Grüntee als Attraktion entdeckt, rezitieren etliche Gründe, warum gerade dieser Tee so unheimlich gesund ist. Und fügen noch ein paar Rezepte hinzu, um ihn trendgemäß mit weiteren Zusätzen zu verfeinern. Schon ein kurioses Schicksal, das Grüntee hier im Westen erreicht hat. Entweder als Gesundmacher für Leute, die ungesund leben. Oder als Modegetränk, das man mit Ingwer, Zitronengras und Melone vergewaltigt. Blickt man in der langen Teegeschichte zurück, entdeckt man aber auch ganz andere Facetten.

Güntee - postmoderner Wachmacher

Grüntee – Stimulans aus dem alten Asien

In China, der ältesten Teekultur der Welt, gehört Teetrinken seit Ewigkeiten für viele zum festen Ritual. Hier müsste niemand den Leuten erzählen, dass Cha (茶) gesund oder im Trend ist, um konsumiert zu werden. Das liegt natürlich an der anderen Mentalität, der Tradition und auch der Tatsache, dass Asiaten in der Regel eine andere Auffassung zu Körper, Geist und Wohlbefinden haben. Teetrinken ist im Reich der Mitte weit mehr als Durstlöschen. Und Teehäuser sind in China so vertraut wie Kneipen hierzulande.

Wer die Teezeremonie beherrscht, hat in China gute Karten. Der Teemeister zeigt durch seine hohe Kunst die Verbundenheit mit dem Dao (道). Und als sozialer Akt hat die häusliche Teezubereitung in China viel mit Wertschätzung und gemeinsamen Genuss zu tun. Man legt Wert auf die bestmögliche Zubereitung mit den passenden Utensilien. Gästen wird als Zeichen der Freundschaft Tee angeboten und auch innerhalb der Familien zeigt die jüngere Generation Ehrerbietung und bietet der älteren den Tee an.

In Japan, der zweitältesten Teekultur der Welt, wurde Tee ursprünglich von chinesischen Mönchen ins Land gebracht und war in den Tempeln ein gutes Stimulans, um Mönche bei langen Meditationen zu unterstützen. Im Laufe der Zeit begann man damit, heimische Sorten zu kultivieren und machte den Tee zur eigenen Kultur. Mit für Japan typischen Aspekten wie Präzision, Reglement und Kunst. So läuft die japanische Teezeremonie weitaus ritueller als in China ab und steht dem Zen (禅) sehr nahe. Sie geht als Chado (茶道), dem „Weg des Tees“, mit Harmonie, Hochachtung, Reinheit und Stille einher.

Dinge, die man im lauten Europa eher belächelt. So wie man auch Japaner gerne belächelt, wenn sie auf dem Oktoberfest nach einer Maß unterm Tisch liegen. Und genauso verloren wie ein betrunkener Japaner im Bierzelt fühlt man sich als Grünteetrinker in Deutschland, wo Tee von vielen noch immer mit Krankheit oder Teebeutel assoziiert wird. Und das bei einem Kulturgut, das älter als Methusalem ist.

Kaiser Shennong und die Entdeckung des Tees

Heißes Wasser in Grüntee zu veredeln war schon eine immense Entdeckung. Und wer wäre dazu besser geeignet als ein Gott im Reich der Mitte? So geschah es der Sage nach vor über 4500 Jahren in China, wo die drei gelben Kaiser als Götter in Menschengestalt den Chinesen Dinge wie Heilkunde und Ackerbau lehrten. Der dritte gelbe Kaiser war Shennong (神農) und döste einst im Garten vor einer Schale mit kochendem Wasser gedankenlos vor sich hin. Der Wind wehte ein paar Blätter eines nahe gelegenen Teestrauchs in die Schale und färbte das Wasser grüngelb. Vom duftenden Aroma angetan, kostete Shennong das verwandelte Wasser und entdeckte, wie Isaac Newton unterm Apfelbaum, das allgemeine Antriebsgesetz – nämlich dass Tee nicht nur aromatisch ist, sondern auch Körper und Geist anregt. Um nicht zu sagen, müde Körper aus dem Zustand der Trägheit holt.

Kaiser Shennong (Gou Xu, 15 Jh., chin. Künstler der Ming-Dynastie)

Kaiser Shennong (Gou Xu, 15 Jh., chin. Künstler der Ming-Dynastie)

So schön die Geschichte auch klingt, so wahrscheinlich ist sie ebenso eine Legende wie der berühmte Apfel, der einst Newtons Lockenpracht durcheinander­brachte. Wie auch immer der Tee entdeckt wurde, ursprünglich waren es wildwachsende Teesträucher, die in den Gebirgsregionen Südchinas wuchsen und von buddhistischen Mönchen untersucht und weiterverarbeitet wurden. Die Mönche entdeckten ziemlich schnell den Nutzen als Heilmittel und zur Entgiftung. Bis zum allgemeinen Kulturgut, das man morgens als Aufguss trinkt, war es da noch lange hin. Bis ins 9. Jahrhundert war Tee überwiegend als Heilmittel im Gebrauch, den man als Brühe oder Teekuchen zu sich nahm. Erst mit der Song-Dynastie (ab 960 n. Chr.) begannen die Chinesen damit, zermahlenen Grüntee in Pulverform aufzubrühen. Und später dann, so wie man es heute kennt, die getrockneten Teeblätter dafür zu nutzen.

Grün- und Schwarztee – was ist eigentlich drin?

Obwohl Grün- als auch Schwarztee vom selben Teestrauch abstammen, macht die Weiterverarbeitung den Unterschied. Schwarzer Tee wird oxidiert, beim Grüntee wird dieser Prozess durch Dämpfen unterbunden. Dadurch entwickelt der schwarze Tee im Vergleich zum Grüntee ein völlig anderes Aroma und Aussehen, enthält aber auch weniger Gerbstoffe, Mineralien und Spurenelemente.

Beide Endprodukte enthalten Koffein, das man früher blumig als Thein bezeichnet hat. Und da doppelt besser hält, gibt es mit dem Theobromin (griech. „Götterspeise“) noch eine weitere psychotrope Substanz, die dem Koffein chemisch zwar ähnlich ist, sich aber in der Wirkung unterscheidet. Weiterhin beherbergt Grüntee einige Catechine sowie Flavonide, die antibakteriell und antifungal wirken. Und die man als Ursache für die gesundheitsförderlichen Eigenschaften vermutet.

Zuletzt sind da noch die Aminosäuren, die im schwarzen und grünen Tee gemeinsam vorkommen, wenngleich der Anteil im Grüntee leicht höher ausfällt. Hervorzuheben ist hier Theanin, eine nichtproteinogene Aminosäure, die fast ausschließlich im Teestrauch vorkommt und neben einigen körperregulierenden Funktionen auch noch eine weitere, sehr interessante Wirkung hat. Sie harmonisiert nämlich die aggressive Wirkung des Koffeins und reduziert dessen Nebenwirkungen. Da soll noch jemand sagen, die Natur hätte keinen Humor.

Soui Bu, Gunpowder, White Havukal, schwarzer Darjeeling, Oolong (von links)

Soui Bu, Gunpowder, White Havukal, schwarzer Darjeeling, Oolong (von links)

Ein steiniger Weg zum Grüntee

Wenn man noch überhaupt keine Erfahrung mit Grüntee hat und als kaffeegewohnter Europäer vom leicht mystisch angehauchten asiatischen Kulturgut hört, wächst vielleicht die Neugierde und man fragt sich, ob das grüngelbe Gesöff nicht doch mal einen Schluck wert sei. Das kann dann mit ziemlicher Enttäuschung enden. So war es zumindest bei mir, vor gut zwanzig Jahren. Zu einer Zeit, wo auch ich Tee noch mit Krankenbett und Thermoskanne assoziierte – und Grüntee wahrscheinlich mit Kamillentee verwechselt hätte.

In der späten Jugend war ich wie viele meiner Zeitgenossen morgens an die schnelle und schmutzige Variante gewöhnt, mir Instantpulver aufzubrühen. Heraus kam eine überzuckerte Koffeinbrühe, die als „Cappuccino“ für ein paar Mark im Discounter verkauft wurde – und die, hätte man sie in Italien serviert, wahrscheinlich mit der Mazzolata bestraft worden wäre. Der Zweck wurde erfüllt, die Müdigkeit war weg und ich ging aufgeputscht zur Arbeit. Die Wirkung hielt aber nur ein paar Stunden und danach war ich müder als vorher.

Zu der Zeit schlug ich mich mit Hilfsarbeiten aller Art rum und pendelte zwischen Baustelle, Lagerhalle und anderen unschönen Industrieeinrichtungen, wo man für wenig Lohn viel schmutzige Arbeit bekam. Eines hatten alle diese trostlosen Orte im Pausenraum gemein. Entweder eine versiffte Kaffeekanne oder einen ebenso versifften Automaten, der für 50 Pfennig einen Plastikbecher mit schwarzem Etwas spendierte. Und wie die anderen Arbeiterzombies, wo die Wirkung der ersten Dröhnung ebenfalls mit der Frühstückspause verpufft war, frischte ich mich alle vier Stunden mit Koffein auf. Dieses Spiel machte ich ein paar Jahre lang mit.

Kurz vor der Jahrtausendwende reifte die Erkenntnis, dass ein vernünftiger Schulabschluss vielleicht doch besser wäre, als tagtäglich mit Blaumann in der Scheiße zu stehen, Industrieabgase einzuatmen und fürs Abbruchunternehmen Steine und Asbest zu klopfen. Also machte ich Nägel mit Köpfen. Meldete mich an der Erwachsenenschule an, um im folgenden Jahr das Abi nachzuholen. Gleichzeitig merkte ich, dass die Arbeit mit belasteten Abfällen meinem Körper einige Allergien beschert hatte, die es vor der Reifeprüfung zu behandeln galt.

Über Umwege landete ich bei einer Heilpraktikerin, die zu meiner Verblüffung mit alternativen Heilmethoden und etwas Hokuspokus alles ziemlich gut in den Griff bekam. Bei den wöchentlichen Sitzungen kam schnell das Thema auf, wie ich nach der Therapie mit Umweltbelastungen, die unsere Zeit nun mal eben mit sich bringt, am besten umgehen könne. Mir wurde Grüntee empfohlen: „Aber nicht das Beutelkraut aus dem Supermarkt, sondern ein hochwertiger, loser Tee, der auch das Bio-Siegel trägt.“ Ich fragte, warum es unbedingt Bio sein muss. „Alles andere wäre sinnfrei wozu einen Tee zur Entgiftung kaufen, mit dem man Silvester auch Bleigießen kann?“ Aha. Und auf keinen Fall den Tee mit Zucker, Milch oder sonstigen Zusätzen kontaminieren, auch wenn man als Anfänger leicht dazu neigt!“ Okay. 

Innerlich ahnte ich, dass der Wink mit dem Grüntee in die richtige Richtung ging und es einen Versuch wert ist, das morgendliche Getränk auf eine höhere Ebene zu hieven. Da es damals noch keine Bio-Großmärkte gab und Teeläden die bleifreien Tees noch nicht führten, versuche ich mein Glück in einen dieser kleinen, alternativen Ökoläden. Es roch wie auf dem Mittelaltermarkt nach Kräutern, Räucherwerk und alten Tierfellen. Die zottelige Inhaberin strickte nebenbei an einem Pullover herum, beriet mich freundlich und ich verließ den Laden mit 100 Gramm losen Bio-Grüntee für knapp zehn Mark.

Erinnerung an die erste Kanne

Zuhause angekommen, brühte ich meine erste Kanne gemäß den Vorgaben, nahm einen kräftigen Schluck und … „Bäh!“. Der erste Eindruck war mehr als enttäuschend und erinnerte mehr an heißes Wasser mit leichten Nuancen zwischen Geschmacksneutral und dem Aroma einer Schuhsohle. Dennoch leerte ich die Kanne. Und mit jeder weiteren Tasse merkte ich, dass das geschmacklose Zeug immerhin gut die Kehle runterging. Als würde sich ein leichter Film über den Gaumen legen, der das Mundwerk ölt.

Als der anderthalbe Liter weggetrunken war, trat auch die Wirkung langsam ein. Aber völlig anders als wie ich es von den einstigen Holzhammer-Dröhnungen gewohnt war. Eine serene Leichtigkeit machte sich breit, Konzentration, Denkleistung und Sinne waren geschärft und die Atmung wurde ruhig und tief. Ich fragte mich, ob die Ökotante im Laden mir statt Grüntee nicht fälschlicherweise den Hanf verkauft hatte, den sie in ihrer selbstgestrickten Unterwäsche heimlich züchtete.

Neben der psychotropen Wirkung erfuhr ich auch schnell, warum die Chinesen den Tee seit Jahrtausenden zur Entgiftung einsetzen. Wenn man eine Kanne Grüntee trinkt, ist es immer vorteilhaft, wenn sich eine Toilette in greifbarer Nähe befindet. Spätestens nach einer Stunde meldet der Körper Ausscheidungsbedarf. Und da lässt er auch nicht mit sich verhandeln. Entweder man gibt klein bei (und rennt zum Klo) oder die Hose ist voll.

In der folgenden Zeit stellte ich mit jeder weiteren Kanne fest, dass die anfänglich wahrgenommene Geschmacklosigkeit sich immer mehr zu einem intensiven, angenehmen und feinen Aroma formierte. Ein leicht erdiges und uriges Grundaroma, um das sich noch weitere, unbekannte und fast schon ätherische Aromen bewegten. Es dämmerte mir, dass Gaumen und Geschmackssinn durch die ganzen Chemiekeulen, die ich unreflektiert als Nahrungs- und Genußmittel jahrelang konsumiert hatte, wahrscheinlich recht angegriffen waren und sich nun langsam erst wieder erholten.

Grüne Teesorten – vom Einstiegsstee zur Edelsorte

Kennt man einen, kennt man alle? Gilt hier nicht. Jede Sorte hat ihr ganz eigenes Aroma, das man als Kenner auch sofort wahrnimmt. Und je mimosenhafter der Tee in Sachen Anbau und Zubereitung, umso edler, feiner und außergewöhnlicher sein Aroma. Das sind dann die Sorten, die man eher zu besonderen Anlässen trinkt. Ist man noch Novize in Sachen Grüntee, sollte man mit robusten Sorten beginnen, wo man nicht viel falsch machen kann.

Ein perfekter Einstieg wäre z. B. grüner Darjeeling GFOP, der an den Ausläufern des Himalayas angebaut wird. Eine Wassertemperatur von 80° und drei Minuten Ziehzeit machen diesen Klassiker zu einem urigen Erlebnis. Gerade wenn man schwarzen Darjeeling gewohnt ist, wird der Einstieg hier nicht so ruppig ausfallen als wenn man Bancha oder Sencha nimmt, von denen meist die eher minderwertige Qualität bei uns im Laden landet.

Eine Alternative zum Einstieg wäre Soui Bu, der im nordvietnamesischen Regenwald angebaut wird. Dieser Tee zählt nun seit 20 Jahren zu meinen Favoriten und ist dem Darjeeling recht ähnlich. Seine Besonderheit ist ein einzigartiges und leicht zitrusartiges Aroma, das man erst nach ein paar Sekunden wahrnimmt, wenn der Tee die Kehle bereits runtergeflossen ist. Beide Tees sind erschwinglich und kosten um die vier Euro pro 100 Gramm.

Hat man als Grüntee-Adept bereits Erfahrung gemacht und entschieden, dass der „Weg des Tees“ weitere Schritte wert ist, dann gibt es noch vieles zu entdecken. Nepal und China bieten z. B. einen interessanten Mao Feng an, der naturbelassen geerntet wird. Oder man richtet den Blick langsam zu den japanischen Tees. Bevor man aber ein kleines Vermögen dafür ausgibt, könnte der Seogwang aus Südkorea ein sinnvoller Zwischenstopp sein. Seine Besonderheit ist, dass er den japanischen Sorten ziemlich nahe kommt und mit zwölf Euro pro 100 Gramm das Portemonee vorerst schont.

Grüner Darjeeling GFOP, Kukicha, Gyokuro, Houjicha, Matcha (von links)

Grüner Darjeeling GFOP, Kukicha, Gyokuro, Houjicha, Matcha (von links)

Die japanischen Teesorten sind dann tatsächlich eine Einzigartigkeit. Sie unterscheiden sich nicht nur durch die blaßgrüne Farbe des Aufgusses, sondern auch durch ein Aroma, das seinesgleichen sucht und man eigenlich nicht in Worten beschreiben kann. Man schreibt japanischen Sorten ja gerne einen grasartigen Geschmack zu. Mit grasig haben die edlen Sorten eher nichts gemein. Zumal, wer von den Leuten, die so was schreiben, hat schon mal aufgebrühtes Gras getrunken?

Hat man als Grüntee-Prinzipal fast alles erfahren, was die grüne Teelandschaft so hergibt, bleibt noch die eine Sorte übrig, die in Japan präzise wie Fechtkunst und aufwändig im Vollschatten kultiviert wird. Das ist der Gyokuro (玉露) und mit der hochwertigste Grüntee, den man erwerben kann. Je nach Qualität kosten 100 Gramm schon mal an die 100 Euro, wobei es aber auch Halbschattenvarianten ab 25 Euro gibt. Der Preis ist eine Hausnummer, den man auch nur dann zahlen sollte, wenn man über genügend Erfahrung verfügt. Ansonsten ist das rausgeschmissenes Geld. So wie man als Weinanfänger wohl auch kaum mit einer Flasche Château Rothschild beginnen wird. 

Drogenberatungsstelle für Grüntee

Wie bei allen Drogen sollte man auch hier die Langzeitwirkung nicht unterschätzen oder gar ignorieren. Sonst ergeht es einen wie dem passionierten Weinliebhaber, dessen Leber irgendwann nur noch halb so groß ist. Oder dem Typen, der täglich Energydrinks wie Wasser runterspült und irgendwann so abgemagert ist, dass die Augenringe noch mit den größten Gewichtsanteil am Körper darstellen.

Wie dem auch sei, hält man sich an die von Ärzten empfohlene Höchstmenge von drei bis vier Tassen Tee am Tag, dann muss man sich in Sachen Abhängigkeit und Neben- bzw. Langzeitwirkung wenig Gedanken machen. Wie schon Paracelsus sagte: „Alle Dinge sind Gift, nur die Dosis macht den Unterschied.“ Und vier Tassen Tee sind nun wirklich eine sehr geringe Dosis.

Kurioserweise wird dieselbe Tassenmenge auch Kaffeetrinkern empfohlen, obwohl dort ganz andere Rahmenbedingungen herrschen. Und eine Kaffeetasse in der Regel die doppelte Menge an Flüssigkeit zur zierlichen Teetasse fasst. Dass solche pauschalen Empfehlungen grundsätzlich für die Füße sind, zeigt schon die große Bandbreite an Teesorten mit unterschiedlichsten Koffeingehalten. Ein Gyokuro kann z. B. bis zur zehnfachen Menge an Koffein eines Kukichas enthalten. Und mit Empfehlungen auf Basis von Koffeindurchschnittswerten ist keinem Teetrinker geholfen.

Beim Grüntee kommt noch hinzu, dass Koffein dort an Gerbstoffe gebunden ist, so dass nicht die volle Dosis auf einmal ausgeschüttet wird, sondern sich über einen längeren Zeitraum verteilt. Darüberhinaus hängt der Gehalt stark von der Aufgusstemperatur und der Ziehzeit ab – je niedriger die Temperatur und je kürzer das Ziehen, umso weniger Koffein enthält der Tee. Und dann gibt es ja auch noch die Spaßbremse Theanin mit koffeinhemmender Wirkung.

Letztendlich sind das alles aber keine Freifahrtscheine, sich jeden Tag mit Grüntee die Kante zu geben. Dass gerade Koffein als „Kokain des kleinen Mannes“, wie alle anderen psychoaktiven Substanzen, bei Dauerkonsum nicht nur positive Effekte mit sich bringt, kann man sich ja eigentlich denken.

Obwohl viele Menschen Tee trinken – wenn du den Weg des Tees nicht kennst, wird der Tee dich austrinken.

Sen no Rikyu (16. Jh.), jap. Teemeister

Gerade in den Anfangsjahren habe ich diesen Fehler oft gemacht. Da Grüntee wie Öl runtergeht, ist so eine Kanne schnell leergetrunken. Und wenn man das tagtäglich macht, ist spätestens nach einer Woche Feierabend mit dem angenehmen Rausch aus Konzentrationssteigerung und Serenität. Wenn der Tee irgendwann wässrig schmeckt und sein feines Aroma (vermeintlich) verliert, ist das ein erstes Warnsignal, dass man es übertrieben hat. Statt der erwünschen Wirkung stellt sich immer mehr ein halbmüder, antriebsloser Zustand ein. Die Kondition leidet, man schwitzt leichter und leichte Depression gesellt sich als Zugabe auch noch hinzu. Eigentlich nicht das, was man wollte.

Das Perfide ist, dass man sich dann morgens so schlapp und elendig fühlt und fälschlicherweise annimmt, eine Kanne Tee wird das schon irgendwie richten. Das einzige, was dann wirklich hilft, ist kalter Entzug. Das bedeutet natürlich, dass sich die Symptome vorerst verschlimmern und man mit mindestens zwei Tagen Antriebslosigkeit, Schwäche, Gereiztheit und mittelschwerer Depression zu kämpfen hat, an denen Körper und Psyche sich erholen müssen. Zehn bis zwölf Stunden Schlaf sind dann nicht ungewöhnlich. Die Erfahrung zeigt aber, dass am dritten Entzugstag die Müdigkeit verschwindet und nach fünf Tagen Abstinenz man wieder fit für Tee ist. Der dann auch wieder aromatisch ist und die erwünschte Wirkung bringt.

So ist man als Teejunkie, der mehr als die von Halbgöttern empfohlene Tagesdosis trinkt, sehr gut damit beraten, den Konsum in der Woche auf zwei, maximal drei Tage zu beschränken. Die Entzugserscheinungen fallen in der Abstinenz dann auch viel erträglicher aus. Was man mit Sport alles gut kompensieren kann. Daneben ist es auch ratsam, den Koffeingehalt im Aufguss durch entsprechende Zubereitungstechniken regelmäßig zu senken. Oder auch mal koffeinarme Sorten wie Kukicha oder Houjicha zu trinken.

Hat man sich dennoch mal verschätzt, sei es durch eine koffeinreiche Sorte, zu langer Ziehzeit oder einfach, weil man zu viel gebechert hat, dann kann sich die Überdosierung an Koffein durch Aufgeputschtheit, Unruhe und im schlimmsten Fall mit Herzrasen bemerkbar machen. Statt dann zur Apotheke zu rennen und zitternd nach Tranquilizern zu fragen, wäre ein sofortiger Saunagang eine ungewöhnliche, aber äußerst effektive Alternative. Nach dem ersten 90°-Sauna-Aufguss ist die Wirkung des Koffeins unmittelbar und vollständig erloschen und nur die angenehme Wirkung des Tees bleibt übrig. Ich bin natürlich kein Arzt und spreche nur aus eigener, jahrelanger Erfahung. Und übernehme auch keine Verantwortung, wenn aufgrund dieses Tipps die Sauna mit den Füßen zuerst verlassen wird.

Fazit: Grüntee als Kulturstimulans

Nach all den Jahren auf dem teilweise doch recht holprigen Teeweg bin ich mir in einem Punkt ziemlich sicher. Grüntee ist nichts, womit man missionieren sollte und was man Leuten mal eben so als „Gesundmacher“ aufs Auge drückt. Dann kommen verständlicherweise Dinge wie „Grüntee-Latte mit Zimt“ dabei heraus. Kann man natürlich so machen – so wie man ein iPad auch als Schneidebrett nutzen kann. Aber damit verbreitet sich ein Zerrbild, das dem uralten Tee nicht wirklich gerecht wird.

Grüntee ist ein Stück Kultur. Mehr sogar. Er ist ein Mittel, die eigene Kultur zu pflegen und zu erweitern. So eine Teesitzung am Wochenende, die schon mal drei Stunden und länger dauern kann, ist nicht nur eine Inspirationsquelle voller Ruhe, Kreativität und Konzentration, sondern auch ein persönliches Refugium, wo man die Dinge wiederfindet, die im lauten Alltag einfach untergehen. Und wer für sowas von Haus aus eine Affinität mitbringt, zu dem wird der Tee auch von alleine irgendwann kommen – und nicht, weil in der Klatschspalte gerade leckere Rezepte stehen.

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Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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