Kino der Achtziger – Als Filmtheater noch eine Seele hatten

Größer, lauter und allerlei unnützes Effekt-Beiwerk. So könnte man in einem Satz die Mutation beschreiben, die Filmtheater in den letzten 15 Jahren durchlaufen sollten. Vorbei die Zeit der kleinen Kinos, wo eine Dame per Hand den Vorhang beiseite schob und der analoge 35mm-Projektor im Hintergrund kräftig surrte. Wenn man heutzutage als Unternehmer ein erfolgreiches Kinos für die breite Masse führen will, braucht man viel Kapital. Um damit die neuesten Popcorn-Blender einer Horde von Kulturbanausen in großen 3D-Hightech-Palästen prachtvoll servieren zu können. Dass Kino einst ein echtes Kulturgut war, fällt immer schwerer zu glauben. Reisen wir also in der Vergangenheit zurück und statten dem Kino meiner Kindheit einen kurzen Besuch ab.

Erinnerungen ans Kino der Achtziger

Erinnerungen ans Kino der Achtziger

Als die Bilder laufen lernten

Die Geschichte des Kinematographen geht weit zurück ins frühe zwanzigste Jahrhundert – einer Zeit des Stummfilms, wo die Bilder laufen lernten. Recht schnell etablierte sich diese Form der Unterhaltung, war sie doch bequem, kurzweilig und gesellig zugleich. Und jede neue technische Innovation führte in den folgenden Zeiten immer wieder zu einer kleinen Renaissance des Kinos. Erst der Tonfilm, dann die Farbe. Später kamen Sonderformen wie das Autokino, das Geruchskino oder das Pornokino hinzu. Dann wieder technische Neuheiten wie Surround-Sound oder der 3D-Boom der jüngeren Gegenwart.

Meine Geschichte beginnt in den frühen Achtzigern, der Zeit der ersten Multiplex-Kinos mit mehreren Sälen. Für uns Kinder war Kino immer ein besonderes Event, begleitet von allerlei Sensorik. Dunkle Säle als Kontrast zur grellen Außenwelt, seltsame Geruchsmischungen aus Popcorn und alten Stoffbezügen, dazu diese riesige Leinwand, auf der sich immer etwas Lustiges abspielte. Dieses Kino-Klima hatte eine Magie an sich, die in kommenden Zeiten immer mehr verpuffen sollte. Aber davon sollte ich damals noch nichts wissen. Es gab in meiner Heimatstadt Bremen zu der Zeit gut ein Dutzend Kinos, darunter vier Exemplare, die man schon als größere Lichtspielhäuser bezeichnen konnte: das Europa, die Stern-Lichtspiele, den Ufa-Palast und das U.T.-Kinocenter. Und zwei davon sind mir in besonderer Erinnerung geblieben.

Erinnerungen ans Europa Kino (1926 – 1999)

Der Europa-Filmpalast als eines der ältesten Kinos in Bremen wurde 1926 aus einem ehemaligen Operettenhaus an der Bahnhofstraße errichtet und 1944 im Eifer des Kriegsgefechts zerstört. Doch das fleißige Nachkriegsvolk baute den Palast 1950 an gleicher Stelle wieder auf, und gut dreißig Jahre später wurde dieses Kino zu einem der großen Erinnerungspfeiler meiner Kindheit.

Denn schräg gegenüber befand sich die Imbisskette, die nach meinem wöchentlichen Kinder-Schwimmprogramm im Zentralbad immer Pflichtprogramm war. So saß ich da regelmäßig ausgehungert mit Schnitzel und Pommes und schaute jede Woche durch die Fensterscheibe rüber zum Europa. Denn dort wurde über dem Eingang oft das neueste Filmplakat angeleimt. Und dabei handelte es sich nicht wie heute üblich um digitale Massenprodukte, sondern immer um handgepinselte Einzelanfertigungen, extra für dieses Kino. Das Plakat von „Superman II – Allein gegen alle“, sehe ich noch heute aus dem Imbiss heraus plastisch vor Augen über dem Eingangsbereich strahlen.

Ein paar Jahre später grassierte der „Ghostbusters“-Hype, und auch wenn mir noch ein paar Jahre für den ab zwölf freigegebenen Film fehlten, gab es an der Kasse keine Probleme. Also hinein in den prächtigen, mit roten Bezügen ausgestatteten Saal und den Kultfilm der Achtziger geschaut. In den Folgejahren war dieses Kino eigentlich immer erste Wahl, wenn ein Kinobesuch anstand. Da dort aber immer nur ein Film zurzeit lief, musste bei Bedarf ein zweites Stamm-Kino her. Und das befand sich gut 200 Meter Luftlinie entfernt in Richtung Hauptbahnhof.

Erinnerungen ans U.T. Kinocenter (1948 – 2001)

Wie beim Europa-Kino beendete eine Weltkriegsbombe 1945 den Betrieb des alten Tivoli-Theaters – doch bereits 1948 eröffnete dort das Union-Theater (später U.T. Kinocenter). Als nachträglich umgebautes Multiplex-Kino bot es meiner Kindheit stets eine Auswahl an bis zu neun Filmen, die jeden Donnerstag im lokalen Käseblatt auf der Kinoseite groß präsentiert wurden.

Arkanoid im U.T. Was mir an Erinnerung blieb, und das macht das U.T. für mich besonders, ist die gesamte Komposition der Lokalität, die im Gegensatz zu heutigem Design nicht wie aus einem Guss wirkte. Durch den neoklassizistischen Eingangsbereich mit den massiven Türen gelangte man in den Vorraum, der mehr an eine Bahnhofswartehalle erinnerte. Direkt neben dem Kassenbereich gab es einen kleinen Unterhaltungsraum mit Arcade-Automaten und Flippern, der mehr wie ein Fremdkörper wirkte. Hier war immer meine erste Anlaufstelle, wenn es ins Kino ging – denn „Flying Shark“ und „Arkanoid“ warteten auf Silbergeld. Von der Kasse her hörte man ab und zu ein „… das ist aber erst ab 18!“ im Hintergrund keifen. „Jaja …“ murmelte ich auf die eher als Empfehlung verstandene Information … und *klong* rein mit der Mark. Nach der traditionellen Ballerorgie am Automaten ging es dann durch labyrinthartige Gänge in den jeweiligen Saal, wo eine Platzanweiserin penibel darauf achtete, dass man sich auch wirklich in der gebuchten Preisklasse niederließ.

Eine Anekdote zum U.T. fällt mir noch ein. „Basic Instinct“ kam 1992 in die deutschen Kinos, und ich entschied mich mit einem Kumpel zusammen, dass wir uns den im U.T. unbedingt anschauen müssen. Eigentlich waren wir ja nur aus einem einzigen Grund in diesem Film – BILD bezeichnete ihn als „den schweinischsten Film aller Zeiten“, und verkündete großspurig, dass man in der berüchtigten Verhörszene Sharon Stones blanke Mumu sieht. Ich weiß noch, wie wir völlig enttäuscht den Saal verließen, war die Szene doch nur einen Bruchteil einer Sekunde lang. Und Sharon Stone hätte vom Hamster bis zum Haarreif alles unterm Kleid versteckt haben können – man hätte es nicht erkannt.

Langsamer Tod der etablierten Kinos

Der langsame Tod der alteingesessenen Kinos begann in Bremen wohl um 1998. Die CinemaxX Holdings GmbH errichtete direkt am Hauptbahnhof einen modernen Multiplex-Kinopalast mit 3000 Sitzplätzen. Der größte Saal bot neben 600 Sitzplätzen eine für damalige Verhältnisse enorme Leinwand von 200 m². Im selben Jahr führte es auch mich hinein. Es war der neunte „Star Trek“, und auch wenn der Film mich nicht besonders vom Hocker gehauen hat, so gab es an der schönen neuen Kinowelt nicht viel auszusetzen. Der typische Saalgeruch der älteren Kinos fehlte zwar, aber eigentlich war es das klassische Kinoerlebnis, nur alles viel moderner und größer.

CinemaxX Bremen

CinemaxX Bremen

Und da es immer größer geht, wurde 1999 auch gleich der nächste Palast am Stadtrand eröffnet. Mit 11 Sälen und 3.333 Sitzplätzen lockte fortan der CineStar Kristall-Palast. Da mich die furchtbare Klotz-Architektur und auch der weite Weg abschreckten, habe ich mich da nie hinein verirrt. Dasselbe gilt auch für das 2004 errichtete Cinespace. Der größte Saal mit satten 674 Plätzen und der speziell für den 3D-Genuss konstruierte 3Dig-Saal mit 600 m² großer Leinwand – waren für mich bis heute keine ziehenden Gründe, mir dieses Hightech-Theater anzutun.

Was einem damals noch nicht wirklich bewusst war, ist dass dieses neue kinematographische Pfund den eh schon finanziell angeschlagenen mittelgroßen Filmtheatern langsam aber sicher den Todesstoß versetzen musste. Bereits 1998 schlossen die Stern-Lichtspiele, ein Jahr später das Europa und Anfang des neuen Jahrtausends erwischte es letztendlich auch den Ufa-Palast und wenig später das U.T.-Kinocenter. Damit waren alle mittelgroßen Kinos ausgelöscht, und nur die drei Schwergewichte sowie die kleinen Kommunalkinos blieben.

Reise durch die modernen Kinos der Republik

Auch wenn mein Bedarf nach Kino im Vergleich zur Kindheit auf ein Minimum gefallen ist, so zog es mich in den letzten Jahren mal mehr und mal weniger freiwillig immer wieder hinein. Das CinemaxX in Hamburg-Dammtor habe ich nicht nur aufgrund der brutalen Lautstärke in Erinnerung. Eine Verabredung führte mich dorthin und das (von ihr) für Verabredungen grandios ausgewählte Splatter-Machwerk „Saw V“ wurde gebucht. Mir schmerzten nach einem Kinobesuch selten so die Ohren … Und das lag nicht nur an meiner Verabredung, die ihre Schokolade neben mir lautstark schmatzte, sondern auch an der völlig übersteuerten Tonanlage mit Tinnitus-Garantie.

Das CineStar Berlin im Sony Center und auch das CineStar in Mainz glänzten dafür mehr durch generische Austauschbarkeit – und sind in der Erinnerung eigentlich schon so gut wie verblasst. Ein Kino, das dafür wirklich hängen blieb, war der Cinedom in Köln.

Als ich vor wenigen Jahren wieder auf Dienstreise in Köln war, fand ich, dass neben dem obligatorischen Besuch von Neptunbad oder Claudius-Therme auch mal wieder Zeit fürs Kino sein müsste. Und da direkt am Mediapark Kölns zweiter Dom lockte, war das Abendprogramm gebongt. Ich machte mich also vom Maritim ein paar Stationen mit der U-Bahn auf den Weg. Am Mediapark angekommen staunte ich nicht schlecht. Dieser 30 Meter hohe Koloss war schon von außen beachtlich anzusehen und erinnerte mehr an den großen Bruder eines Kaufhauses als an ein Kino.

Cinedom Köln

Cinedom Köln

Bereits im Kassenbereich war es rappelvoll. Dennoch war alles gut durchdacht, es ging schnell und wie im Kaufhaus führten viele Rolltreppen über viele Stockwerke zu vielen Sälen. Nachdem ich mich mehrmals verlaufen hatte (besser gesagt mit der Rolltreppe verfahren), fand ich den gebuchten Saal dann doch noch. Und ich fragte mich, warum man sich zum eh schon hohen Eintrittspreis auch noch 35 Minuten Werbung antun musste? Wahrscheinlich der hohen Unterhaltskosten oder der Gewinnmaximierung wegen. Aber dann, siehe da, war es plötzlich wieder da: das Kino-Gefühl von damals. Ich habe bis heute keine Ahnung, warum es gerade dort in diesem Kino-Kaufhaus wieder auftauchte. Es bleibt wohl ein Mysterium.

Was die Zukunft auch bringen mag

Dass sich das Kino seit Anbeginn an immer wieder neu erfinden musste, gehört wohl zum natürlichen Lauf der Dinge. Die aktuellen Zugpferde heißen Laser-Projektoren für 4K-Bildgenuss sowie Dolby Atmos für mehrspurige Ohren. 3D-Filme sind inzwischen ein alter Hut, auch wenn ich den Sinn darin nie verstanden habe. Vielleicht bringt uns die Zukunft ein irgendwann doch noch überzeugendes Virtual Reality-Kino? Oder eine Renaissance des Geruchskinos entsteht?

Was aber immer uns die im Titel provokant als seelenlos betitelten modernen Lichtspielhäuser bringen mögen, es sind letztendlich immer die Filme, die einen Kinobesuch rechtfertigen sollten. Und auch wenn ein Großteil moderner Streifen aus teuer produziertem Schrott besteht – wo Verstand und Geschmack an der Garderobe am besten gleich mit abgegeben wird –, so gibt es daneben ja auch noch genug Filme mit Substanz.

Die muss man zwar suchen, aber es gibt sie. Aber ehrlich, das war früher auch nicht viel anders. Und „mit Substanz“ sind keine hochphilosophischen Dramen für Hobby-Akademiker gemeint, sondern einfach gut gemachte Filme, die ihr Sold erfüllen. Sprich den Zuschauer unterhalten und man mit einem zufriedenen Gefühl den Saal wieder verlässt. Und für dieses Kinoerlebnis braucht man prinzipiell weder 3D, 4K noch das neueste Dolby mit 128 Tonspuren. Auch keinen gigantischen Saal, den man sich mit mehreren hundert Leuten teilen muss. Denn irgendjemand stört, schmatzt oder furzt schließlich immer.

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Erinnerungen an alte Bremer Kinos

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Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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2 Kommentare

  • Lars
    14.03.2016, 15:00 Uhr.

    Ich gebe zu, dass ich früher auch häufiger im Kino war, aber ich bin mit Cinemaxx gross geworden. Aber irgendwann hat es mich angestunken, dass der Fussboden klebte, die Sitze voll mit Popcorn waren und Leute ständig dazwischen quatschten.

    Aber seit neustem gehe ich wieder gern ins Kino, weil jetzt diese supergemütlichen Premium Kinos im Kommen sind. Im Astor Grand Cinema in Hannover heissen diese Plätz Premium Logen. Übergrosse Plüschsessel mit Hocker für die Füsse und Leckerlis werden vom Personal an den Platz gebracht. So macht mir Kino seit langem wieder Spass.

    • Dirk
      Dirk
      14.03.2016, 16:54 Uhr.

      Das ist ein guter Tipp, dank dir! Ich muss mal schauen, ob es solche Premium Kinos hier auch in der Nähe gibt 🙂