Online-Kommunikation im Wandel – und die Erinnerung an das PinguHuhn-Board

Interpersonelle Kommunikation kenne ich noch aus einer Zeit, wo diese meist von Angesicht zu Angesicht stattfand. Einzige Ausnahme war neben der Postkarte halt „der Apparat“ – jenes klobige Ding mit Wählscheibe, das meist in der Stube neben einem dicken Wälzer mit Telefonnummern stand. Der war praktisch, konnte man entfernten Individuen doch schnell eine Statusmitteilung übermitteln – sofern sie sich zuhause befanden. In den frühen Neunzigern machte man dieses Ding für den Massenmarkt mobil und die Werbung versprach uns „Telly D1 – Kuckst Du Basar, erzählst Du nach Hause“.

Auf dem Schulhof war der Dealer natürlich derjenige, der als erstes ein Handy hatte, und es dauerte nicht lange, bis jede Rotznase damit herumlief. Aber damit hatte die Revolution interpersoneller Kommunikation erst begonnen und neue Kommunikationswege standen bereit. Nur wenige Jahre später war die Welt voll und ganz im digitalen Wandel. SMS-Handys und das Internet betraten die Bühne, es schossen die ersten sozialen Netzwerke aus dem Boden und Web 2.0 wurde zum Schlagwort einer Generation. Bis hin zum Overkill, den man heute erlebt.

Das PinguHuhn.de v2.0 Board (2000-2009)

Das PinguHuhn.de v2.0 Board (2000-2009)

Let’s have a chat!

Es muss um 1993 gewesen sein, und bei Karstadt verdrahtete man in der Computer-Abteilung ein Dutzend Rechner kreisförmig zu einem Netzwerk, über das man Nachrichten an andere Rechner schicken konnte. Man sah kichernde Teenager davorstehen, die unbeholfen „hallo, wer bist du?“ tippten, zaghaft über den Röhrenmonitor schauten, um flüchtig zu erhaschen, wer ein paar Meter weiter wohl die literarisch wertvolle Message empfing. Die ältere Generation wusste nichts damit anzufangen und stand davor wie der Ochs vorm Berg. Dass die Kids gerade einen Chat nutzten, war ihnen natürlich nicht bewusst. Wenngleich Chat-Systeme (IRC) bereits in den Achtzigern an Universitäten praktiziert wurden und die Technologie dahinter mitnichten neu war.

Der Internet-Chat, so wie man ihn heute noch kennt, wurde dann ab 1995 durch Java-Applets populär. Nun musste die Webseite endlich nicht mehr neu geladen werden, und man konnte ungestört chatten. Bis die Leitung glüht – sofern das piepsende Modem nicht mal wieder streikte. Was damals wohl noch niemandem so richtig bewusst war, ist der Einfluss der Anonymität auf das soziale Verhalten. Sehr verlockend für einige. Man konnte ohne Konsequenz pöbeln, beleidigen und belästigen. Schnell musste eine Etikette her, um das Online-Verhalten zu regulieren. Ergänzt um die technische Möglichkeit, gewisse Nutzer anhand ihrer IP einfach zu sperren.

Ein Forum für alles

Ich hatte anfangs mit dem Internet nicht sonderlich viel am Hut, hatte wenig Lust und war auch zu geizig, mir so ein nerviges Modem in die Bude zu stellen. Mit dem Universitätsstudium im Herbst 2003 und der im Semester-Preis enthaltenen Nutzung des Rechenzentrums änderte sich das. Es dauerte nicht lange, bis ich auch meine Freizeit im Web verbrachte. Zwangsläufig stieß ich auf die mir bis dahin völlig unbekannte Foren-Welt. Das Internet war ja völliges Neuland für mich! … Ah, das ist also ein Diskussions-Forum? Ein Sammelsurium an Beiträgen, die sich wie bei einer Klorolle chronologisch nach unten hin abseilen. Verziert mit Spitzname, Avatar-Bild und Signatur. Toll.

Diese Art der asynchronen und doch anonymen Diskussion übte spontan einen gewissen Reiz auf mich aus, ich wusste nur noch nicht wirklich etwas damit anzufangen. Und so begab ich mich auf digitale Wanderschaft. Es zog mich durch alle möglichen Exo- und Esoterik-Foren. Die Menge an Themen war schier unüberschaubar, es gab so gut wie für alles ein eigenes Forum. Ufologen, Raubkopierer, Serienjunkies und Drogenzüchter hatten offenbar alle einen Ort, wo man sich mit Gleichgesinnten austauchen kann. Ihre eigene Parallelwelt.

Die ersten Eindrücke haben mich eher amüsiert und oftmals auch abgeschreckt. Es wimmelte vielerorts an binären Flachpfeifen, die sich endlos angegiftet und nur die eigene Meinung als Heiligen Gral akzeptieren konnten. Vernünftige Diskussion suchte man vergebens. Feierabend-Erleuchtete und Badewannen-Spiritisten „berieten“ im Magieforum junge Halbwüchsige, die nach dem Sinn des Daseins fragen. Bonsai-Hacker und Noobs erklärten uns voller Stolz ihre eigene Welt des Internets. Selbst die Moderatoren einiger Foren waren selber solche Gurken, denen man im wahren Leben nicht einmal eine Postwurfsendung anvertrauen würde.

Hinzu kam die Tatsache, dass offensichtlich viele Foren einen rechtsfreien Raum darstellten. Nicht im Sinne des Strafrechts – das sicherlich hier und dort auch –, aber im Sinne der Rechtschreibung. Interpunktion war abgeschafft, Groß- und Kleinschreibung eh Fremdwörter. Besonders schlimm wurde es, wenn auf eine ernstgemeinte Fachfrage eine Antwort kam, die sprachlich so hingeschissen war, dass man einen Übersetzer brauchte. Ich war schon drauf und dran, meinen Streifzug der Neugierde zu beenden, als etwas Unerwartetes geschah.

Denkmal für das PinguHuhn.de-Board

Eher durch Zufall bin ich auf das sog. „PinguHuhn-Board“ gestoßen. Ursprünglich als „Jimi’s Notepad“ bekannt, einer umfangreichen Sammlung an Text-Dateien zu allen möglichen Themen, wurde die Seite schnell um Forum, Chat, Galerie und Grußkarten-Service zu PinguHuhn.de v2.0 – Tutorials & more erweitert. Das Forum machte mich neugierig. Neben der Plauderstube, der Wunderwelt der Technik, den Umfragen und der Boxbude gab es noch die lyrische Ecke, Real Life und die kleine Kunstkneipe. Die Letztere reizte mich besonders, da ich zu jener Zeit erste Modellier- und Render-Versuche mit SketchUp und Bryce machte.

PinguHuhn-Board - Snapshot 2003

PinguHuhn-Board – Snapshot 2003

Also registrierte ich mich dort, um zum ersten Mal im digitalen Leben ernstgemeinte Beiträge zu verfassen. Schnell wurde bewusst, dass nicht nur Umgangston und Manieren hier gepflegt sind, auch der Administrator machte neben den Boardies einen sehr kompetenten und sympathischen Eindruck. Schlicht bekannt als Der Jimiaus Celle, ein mit Pingu-Avatar ausgestatteter Admin, der gerne Steak aß und im eigenen Forum äußerst aktiv und kreativ war. Es folgte eine schöne Zeit, wo man sich tagsüber schon darauf freute, abends im Forum vorbeizuschauen und zu sehen, was sich im Laufe des Tages so getan hat. Und dabei waren es nicht immer die fachlichen oder hoch-Intelektuellen Diskussionen – besonders die Einfachheit des täglichen Lebens wurde auf eine so stilvolle, angenehme und entspannte Art gefeiert, dass dieser Ort für lange Zeit eine feste Adresse für mich wurde.

Die Jahre vergingen, und zu meiner Schande verlor ich das Board ab 2006 immer mehr aus den Augen, die Abstände meines Vorbeischauens wurden größer. Mir fehlte einfach die Zeit, auch wenn das die denkbar schlechteste Ausrede ist. Oft hatte ich mir vorgenommen, mal wieder im Pingu-Board ein paar Zeilen abzudrücken und „Hallo“ zu sagen – es kam nur noch selten dazu. Und als es mir 2010 wieder in den Sinn kam, da war es schon zu spät. Die Seite existierte nicht mehr. Durch etwas Recherche erfuhr ich schnell den traurigen Anlass: Der Jimi hatte 2009 nach langer Depression den Freitod gewählt.

Die „Post-Foren-Ära“ und der „Social-Media Overkill“

Die Blütezeit der Foren ist längst vorbei. Es gibt sie zwar heute noch, und einige größere Foren haben sich auch tapfer gehalten und noch immer regen Zulauf. Die meisten allerdings sind inzwischen verwaist, mehr Schatten ihres früheren Selbst. Bis auf Spam-Bots verirrt sich kaum jemand dorthin. Seit Zuckerberg die Welt mit seinem sozialen Netzwerk überrannt hat, findet Kommunikation heute entweder dort oder beim Kollegen Google statt. Und damit ist nicht der Klon Google+ gemeint (das man getrost als Flop bezeichnen darf), sondern die größte Kommentar-Jauchegrube des Internets: YouTube. Das ist aber auch das einzige Portal, mit dem Google in Sachen Kommunikation gegenhalten kann. Selbst die Smartphone-Pest WhatsApp wurde 2014 von Facebook aufgekauft, als bereits in Deutschland mehr als 30 Millionen Nutzer zu verzeichnen waren. Ich persönlich war zu dem Zeitpunkt aber schon lange raus …

Links

Foren und Boards – eine Einführung
Der Jimi auf dem Weg nach oben

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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