Quelle – von Versandkatalogen, Konsumgeschichte und Technikläden

„An Quelle führt kein Weg vorbei.“ Was wie kaputtes Kiezdeutsch klingt, war einer der bekanntesten Werbeslogans der Siebziger. Quelle war damals bekannter als der bunte Hund und in deutschen Haushalten erwartete man mit Spannung zweimal jährlich den dicken Katalog. Ach ja, die Quelle. Das war Europas größtes Versandhaus, wo man von der Latzhose bis zum Laufgitter alles bestellen konnte. Bis zur Auflösung und der anschließenden Verschacherung des Unternehmens vor gut zehn Jahren. Und es gab nicht nur den Versandhandel, sondern auch große Warenhäuser, eine eigene Bank, einen Reiseveranstalter sowie viele Technikläden, die sich über ganz Deutschland verteilten. Nun ist das alles Vergangenheit und das ehemalige Familien­unternehmen mit der markanten Hand im Logo existiert nur noch in alten Katalogen, Fotos und der Erinnerung. Und genau dort beginnt die Ausgrabung eines der großen Kapitel deutscher Konsumgeschichte.

Quelle - von Versandkatalogen und Technikläden

Quelle – von Versandkatalogen und Technikläden

Quelle – Aufstieg und Fall eines Versandriesen

Als Gustav Schickedanz im Jahre 1927 in den Versandhandel einstieg, hätte er sich wahrlich nicht erträumt, dass sein Lebenswerk irgendwann einmal Milliardenumsätze macht und mehr als 35.000 Mitarbeiter beschäftigt. Wie immer fing alles klein und klassisch an. Der Jungunternehmer führte in Fürth ein Geschäft für Kurz- und Wollwaren und wusste, dass die Zeit nach dem Krieg einen Großteil der Bevölkerung zu größter Sparsamkeit gezwungen hatte. Gleichzeitig bestand ein immenser Nachholbedarf an Gütern jeglicher Art. Um den Menschen zu helfen und gleichzeitig unternehmerisch erfolgreich zu sein, mussten die günstigsten Preise her, um alle Schichten zu versorgen.

Mit dem Einzelhandel war das aber kaum möglich, da nur durch großhandels­übliche Mengen die Tiefpreise an den Kunden weitergegeben werden konnten. Die Lösung lag auf der Hand: Ein für damalige Verhältnisse großes Lager und die Gründung eines Versandhandels, der nicht nur die Leute in den Städten bediente, sondern in der Weimarer Republik auch die abgeschnittene Landbevölkerung, die im Gegensatz zu heute nicht mal eben so in die Stadt zum Einkauf fahren konnte.

Das Versandhaus Quelle war geboren. Und ein Jahr später erschien auch der erste Katalog. Noch völlig schlicht auf einfaches Papier gedruckt und ohne Farbe. Die meisten Abbildungen waren nüchterne Zeichnungen und keine Fotografien. Diese Reduktion auf das Nötigste war aber weder übertriebene Sparsamkeit noch Dilettantismus, sondern geschickte Strategie, um Vertrauen zu schaffen und den Leuten zu zeigen, dass Quelle zu ihnen gehört. Ein Großteil der Katalogware bestand dementsprechend aus Dingen, die am nötigsten gebraucht wurden: Ersatzteile und Produkte des täglichen Bedarfs, alles ohne Dekoration und Pracht.

Der erste Quelle-Katalog von 1928. Daneben für Einzelhändler die Sonderliste von 1932 für Kurzwaren. Rechts die Quelle-Nachrichten von 1933 mit der notariellen Beglaubigung der Quelle als „rein christliches“ Unternehmen, das ausschließlich deutsche Ware verkauft.

Gustav Schickedanz wusste aber auch, dass die Beschränkung der Waren auf rein funktionale Artikel sein Unternehmen leicht in die Ramschecke rücken könnte. Also tat er das, was jeder weitsichtige Unternehmer der Geschichte tat. Er schuf eine Balance. Und zwar zwischen den einfachen, rein funktionalen und den schönen Dingen. Die für jene Menschen gedacht waren, die sich auch mal wieder etwas gönnen wollten und konnten. Zusätzlich warb er mit Qualität und Markenartikeln und führte mit der Garantie etwas ein, das einem Novum glich. Er garantierte bei allen Produkten nicht nur ein Umtauschrecht bei Nichtgefallen, sondern auch ein Rückgaberecht, wenn das Produkt irgendwo anders günstiger zu finden wäre.

Die Quelle sprudelte und wurde bei Kunden immer beliebter. Das Geschäft erblühte förmlich und der Unternehmer musste sich neben neuen logistischen Herausforderungen auch mit dem Problem befassen, wie man den enorm wachsenden Kundenstamm in einer Adresskartei unterbringt und geschickt verwaltet. Datenbanken waren noch Zukunftsmusik und zigtausend Kunden ohne vernünftiges System mit Zetteln zu führen glich Sisyphusarbeit.

Das Jahr 1929 brachte gleich zwei Katastrophen. Einmal kam seine Ehefrau sowie sein Vater und Sohn bei einem Autounfall ums Leben, und dann kam der Schwarze Freitag und läutete die Weltwirtschaftskrise mit Massenarbeits­losigkeit und dem Zusammenbruch vieler Unternehmen ein. Anstatt aber den Kopf in den Sand zu stecken, warf sich Gustav Schickedanz in Arbeit und brauchte sein Unternehmen mit seinem Konzept aus Qualität in Kombination mit den günstigsten Preisen weiter auf Kurs.

Aus dem kleinen Versandgeschäft, das er anfangs noch mit Handzetteln in Briefkästen bewarb, war 1932 bereits ein gutgehendes Unternehmen mit 100 Mitarbeitern geworden, das sich tunlichst größere Betriebsgebäude suchen musste. Die schwere Krisenzeit schien überstanden, nichts ahnend, dass die nächste Herausforderung bereits vor der Tür stand.

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler Anfang 1933 dauerte es nicht lange, bis eines der Wahlversprechen der NSDAP, jüdisches Großkapital zu zerschlagen und einen Riegel vor jegliche jüdische Vertriebsform zu schieben, durch landesweite Boykottaufrufe in die Tat umgesetzt wurde. Und ein gutgehender Versandhandel wie die Quelle roch schon arg nach Großkapital. Das bekam man durch verunsicherte Kunden schnell zu spüren, die sich fragten, ob man bei Quelle noch kaufen dürfe.

Die Quelle-Nachrichten „für 500.000 deutsche Familien“ von 1933. Daneben die Ankündigung von September 1939, dass künftig Bezugsscheine zum Erwerb vieler Waren benötigt werden und dem „Heil Hitler!“-Gruß statt den sonst üblichen freundlichen Grüßen. Rechts die ersten Quelle-Nachrichten (alles handgeschrieben und gezeichnet) nach dem Ende des nationalsozialistischen Spuks und der Währungsunion von 1948.

Der fanatischen Staatspolitik ließ sich nur durch eine Geschäftsstrategie der Unterordnung trotzen. Und eine notarielle Beglaubigung zierte die nächsten Quelle-Nachrichten, mit der Aussage, dass es sich um ein „rein christliches“ Unternehmen handelt. Solche zusätzlichen Attribute fand man fortan bei allen Drucksachen des Unternehmens, welches auch mal als „rein deutsch“ oder „rein arisch“ betitelt wurde. Gustav Schickedanz soll dazu spöttisch vor vertrauten Mitarbeitern gesagt haben: „Wenn’s sein muss, setzen wir eben »rein narrisch« dazu.“

Trotz der staatlichen Einmischung in den Markt und dem Gegenwind befand man sich bei Quelle weiter auf Erfolgskurs. 1936 zählte man eine Million Stammkunden und die Quelle-Preislisten erreichten 1938 eine Auflage von zwei Millionen Exemplaren. Quelle verbuchte bereits einen Jahresumsatz von 40 Millionen Reichsmark und beschäftigte 600 Mitarbeiter. Als im August 1939 an Großunternehmen die streng vertrauliche Erklärung herausging, dass Bezugsscheine, Lebensmittel- und Reichskleider­karten demnächst an die Bevölkerung verteilt werden, konnte sich die Geschäftsführung bei Quelle zusammenreimen, welche Zeiten nun bevorstanden.

Mit dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges konnte die Bevölkerung bestimmte Waren nur noch gegen Bezugsschein bekommen. Für ein Versandhaus, das bereits mit Lieferengpässen und bürokratischer Mehrbelastung zu kämpfen hatte, glich das unternehmerischer Ohnmacht. Das Schlimmste stand aber noch bevor. Luftangriffe im August 1943 machten die meisten Betriebsgelände in Fürth dem Erdboden gleich und im April 1945 wurde Quelle komplett eingeäschert: Die Restbestände wurden geplündert und die mehrere Tausend Stammkunden umfassende Adresskartei ging in Flammen auf.

Gustav Schickedanz stand vor einem Trümmerhaufen, bekam von den Alliierten bis auf Weiteres Berufsverbot aufgedrückt und musste quasi bei Null wieder anfangen. Das tat er dann drei Jahre später im provisorischen Notbüro in Fürth. Mit der Währungsreform von 1948 kam bereits der erste Nachkriegsprospekt heraus, von dem bereits 10.000 Exemplare verteilt wurden. Größte Herausforderung war die Neubefüllung einer Adresskartei im zerstörten und besetzten Deutschland. Selbst wenn die alte Kartei nicht verbrannt wäre, hätte er mit ihr aufgrund der immensen Zahl an Flüchtlingen, Ausgebombten und Kriegsopfern nicht mehr viel anfangen können. Es galt nun, nach vorn zu blicken. Und mit einem rationierten Warenangebot, das vorerst nur die lebenswichtigsten Güter enthielt, in eine bessere Zukunft aufzubrechen.

Von den alten uneinheitlichen Quelle-Wortmarken (1952) über die letzten erschienenen Quelle-Nachrichten mit neuer Unternehmens-Wortmarke (1953) hin zum ersten Quelle-Hauptkatalog von 1954.

Mit dem Ende des Kriegsjahrzehnts fingen langsam bessere Zeiten an. Waren 1949 gerade einmal 45 Mitarbeiter bei Quelle wieder angestellt, so wuchs die Zahl an Angestellten und Arbeitern auf über 2000 im Jahr 1952. Und das bei einem Jahresumsatz von gut 100 Millionen DM. In Fürth eröffnete das erste Quelle-Kaufhaus und die Kartei war auf eine Million Kundenadressen angewachsen.

Das Wirtschaftswunder war angebrochen. Und in Westdeutschland war alles angesagt, was irgendwie amerikanisch ausschaute, klang oder roch. Man gönnte sich wieder etwas, nicht nur das Notwendigste, sondern widmete sich vermehrt dem Schönen und Angesagten. Und wenn so ein Ami auf der Straße mit Levis-Jeans herumschlenderte, dann konnte man sich sicher sein, solche Dinge später auch bei Quelle im Angebot zu finden.

Die auffällige, neue Freundschaftshand tauchte im Signet der Quelle-Nachrichten von 1953 auf und drückte nach den vielen uneinheitlichen Quelle-Wortmarken der vergangenen Jahrzehnte nun auch optisch das aus, was Gustav Schickedanz bereits 25 Jahre vorher für sein Unternehmen definiert hatte. Ein unsichtbares Band zwischen der Quelle und dem Kunden. Ein Symbol für Freundschaft, Vertrauen und Garantie. Oder kurz gesagt: Hand drauf!

Ein Jahr später ging Quelle ein neues unternehmerisches Wagnis ein und löste die Preislisten („Neueste Quelle Nachrichten“) durch einen zweimal jährlich erscheinenden Hauptkatalog ab. Was auf Anhieb überfällig klingt, hatte etliche Fallstricke. Einmal war Quelle nun sechs Monate lang an Preise gebunden, die nicht einfach durch eine aktualisierte Preisliste aufgehoben werden konnten. Die Gefahr eines Preisverfalls sowie der Einkauf und die Lagerung von besonders großen Mengen boten organisatorische und unternehmerische Herausforderungen. Die in gewohnter Manier gemeistert wurden, wuchs der Umsatz 1955 auf 160 Millionen DM bei 1,8 Millionen Kunden.

Gleichzeitig wurde zwischen Nürnberg und Fürth ein kolossales Versand­zentrum errichtet, das selbst für amerikanische Verhältnisse imposant war. Man konnte nun beeindruckende 100.000 Sendungen pro Tag abfertigen. Und Quelle entwickelte sich vom Spezial- zum Universalversandhaus, das nun mit günstigen und qualitativ überzeugenden Eigenmarken wie „Quellux“, „Mars“ oder „Universum“ auf Kundenfang ging. Da Markenartikel noch bis 1974 vom Hersteller an Preise gebunden waren, war dies ein geschickter Schritt.

Der letzte Quelle-Katalog der Fünfziger (Herbst 1959), der Frühjahrskatalog von 1962 mit Illustration statt Fotografie auf dem Cover sowie der Frühjahrskatalog von 1973 mit unverwechselbarer Mode der Siebziger.

1957 wurde für Bestell- und Kundenbewegungen ein erstes EDV-System eingeführt, mit dem Quelle noch schneller Kunden und Bestellungen verwalten konnte. Und folglich noch schneller wuchs. 1964 wurde man dann offiziell das „größte Versandhaus Europas“. Der Katalog war auf 444 Seiten angewachsen, bei mehr als 6 Millionen Kunden und einem Umsatz von fast 1,3 Milliarden DM. Und Quelle sollte bis zum 50-jährigen Jubiläumsjahr 1977 immer weiter wachsen. Die 980 Seiten Jubiläumskatalog, von dem 7,6 Millionen Exemplare gedruckt wurden, sollten nur noch von einem Jahresumsatz von 6,6 Milliarden DM getoppt werden. Ein Rekordergebnis, das Gustav Schickedanz nicht mehr erleben sollte. Er verstarb im April 1977.

Die Achtziger waren durch Marktsättigung, verschärftem Wettbewerb im Einzelhandel und konjunkturellen Abschwung gekennzeichnet. Und bei Quelle mussten 1981 erstmalig die Preise um durchschnittlich drei Prozent nach oben korrigiert werden. Quelle hatte trotz schwieriger Marktbedingungen zu diesem Zeitpunkt den Zenit erreicht und einen Bekanntheitsgrad, von dem viele nur träumen konnten. Knapp die Hälfte aller deutschen Haushalte bezeichnete sich laut Umfrage als Quelle-Kunden. Und als Kunde profitierte man vom immer aufwändiger gestalteten und dennoch kostenfreien Katalog, der 1985 zu einem Stückpreis von 15 DM (inklusive Versand) ausgeliefert wurde. Multipliziert man dies mit der damaligen Auflage von fast 8 Millionen Exemplaren, kann man sich ausmalen, wie viel Quelle-Ware verkauft werden musste, um allein die Katalogkosten zu decken.  

Ein neues Quelle-Logo erschien 1987. Es veränderte wenig, aber prägnant. Eine schnörkellose, gut lesbare Schriftart wurde nun verwendet, die zusammen mit der beibehaltenen Hand im „Q“ einen hohen Wiedererkennungswert bot. Leider wurde die Freundschaftshand mit fortschreitender Internationalisierung der folgenden Jahre immer mehr zum Problem. Gerade die Franzosen assoziierten bei deutschen Unternehmen mit der gestreckten Hand lieber das Dritte Reich als Vertrauen. So musste der vermeintliche „Deutsche Gruß“ ab dem Jahr 2000 dran glauben und das letzte Logo des großen Familienunternehmens betrat die Bühne. Die Hand flog ersatzlos raus und eine kursive Schrift in Majuskeln sollte es nun richten. Die dunkelblaue Wortmarke schloss ein zusätzlicher (und recht bedeutungsloser) roter Punkt ab. Quelle passte nach der Kur optisch gut zum neu angebrochenen Jahrtausend, verlor dafür aber jegliches Identifizierungs- und Alleinstellungsmerkmal.

Die letzten drei Jahrzehnte des Quelle-Katalogs mit drei Logovarianten. Herbstkatalog 1986 mit dem letzten alten Logo, dann der Herbstkatalog 1991 mit neuer Wortmarke „meine Quelle“ sowie der Frühjahrskatalog von 2003 mit Zusatz der Internetadresse.

Mit dem neuen Logo wurde auch die letzte Phase des einstigen Versandriesen eingeläutet, wobei Quelles Untergang kein Resultat eines misslungenen Logos war, sondern vielerlei Gründe hatte. Und die 1999 beschlossene Fusion mit der maroden Karstadt AG (ab 2007 die Arcandor-Gruppe) wahrscheinlich zu den Hauptgründen für die Misere zählt. Ende der Neunziger spürte man bei Quelle deutlich den sich verändernden Markt. Die sechsmonatige Preisbindung wurde gerade bei kurzlebiger Unterhaltungselektronik immer heikler. Quelle ging es nicht wirklich schlecht, aber schon lange nicht mehr so prächtig wie in den goldenen Zeiten der Nachkriegsjahrzehnte. Das Internet wurde zur ernstzunehmenden Konkurrenz, der Versand stockte und der Druck des Kataloges fraß Kosten in dreistelliger Millionenhöhe. Die Gleichung des Quelle-Vorstandes, dass die Fusion zweier angeschlagener Konzerne in der Summe wieder ein gutgehendes Unternehmen bringt, ging nur in der Theorie auf.

So kam es, wie es kommen musste. Im Jahr 2009 meldete Arcandor Insolvenz an und für Quelle galt: mitgegangen, mitgehangen. Das einst so prächtige Unternehmen wurde wie auf dem Basar verramscht. Die Otto-Gruppe kaufte die Namensrechte und alle anderen Unternehmensteile landeten quer über den Globus verteilt bei neuen Eigentümern. Die Folge waren lange Gesichter. Bei der DHL, wo man den Hauptkunden verlor, in ganz Fürth, wo die Arbeitslosenquote sprunghaft um drei Prozent anstieg und natürlich bei allen restlichen Mitarbeitern, die sich nun aufs Stempelgeld freuen durften. Und vorbei war es mit den dicken Quelle-Katalogen, in denen sich zu allen Zeiten nicht nur die Wirtschaftsgeschichte, sondern auch das Konsumverhalten der Deutschen widerspiegelte. Und die obendrein auch immer die eine oder andere Überraschung parat hatten.

Erst mal seh’n, was Quelle hatte

Als 1928 der erste Quelle-Katalog mit 2500 Angeboten auf 92 Seiten erschien, herrschte eine Zeitepoche, die von der Konsummentalität her kaum noch mit unserer modernen Wegwerfgesellschaft zu vergleichen ist. Dinge hatten alle ihren Wert und wenn etwas repariert werden konnte, gab es auch keinen triftigen Grund zur Entsorgung. So einfach war das. Dementsprechend war auch das Angebot im ersten Katalog: Viel Zwirn, Gummibänder, Stahl­hosenknöpfe und Ersatzteile für Hosenträger. Daneben einfache Alltagsdinge wie Taschenkämme aus Horn oder eine Mundharmonika.

Bei Kindern waren Knallblättchenpistolen begehrt und für die Familie wurde der Bedarf an medizinischer Seife gedeckt, die den prekären Hygienezuständen in den Städten geschuldet war. Luxusgüter wie Schmuck, Zigarettenetuis, Tabakpfeifen und edle Herrenuhren machten das Angebot komplett. Einige hatten Sekundenzeiger, die mit Phosphor betupft waren, damit sie im Dunkeln leuchteten. Und vom Träger unbemerkt einiges an Strahlung emittierten.

Bestellartikel der frühen Quelle-Kataloge. Darunter Mode wie Pelzmäntel (1954) und Badeanzüge (1952), Handtaschen, eine Fotokamera (1957), der erste Universum-Fernseher, eine elektrische Eisenbahn (1949), Wohnzimmereinrichtung und Stoffe zum Nähen (1959).

Kurioserweise tauchte Kleidung im Katalog ganz zum Ende erst auf – also genau dort, wo man sie in unserer mit Textilien überschwemmten Zeit am wenigsten vermuten würde. Das lag aber nicht daran, dass Stoffwaren damals als unbedeutend zählten. Ganz im Gegenteil, mit 26 Seiten (ein Drittel des Kataloges) rundeten sie das Angebot ab. Auch galt vor 90 Jahren: Das Beste kommt zum Schluss. So fand sich dort nicht nur die unverwüstliche Schürze für Hausfrauen wieder, sondern auch edle Taschentücher aus Macco-Batist.

Mit den Jahren wuchs das Quelle-Angebot. Im Dritten Reich kamen schicke Lederol-Regenmäntel hinzu, dann ein großes Spielwaren­sortiment, das für die Buben Soldatenfiguren, Burgen und Dampfmaschinen bot. Für Mädchen gab es Puppen und die obligatorische Strickliesel. Für eine Reichsmark konnte man ein Portrait des Volkskanzlers bestellen, den man sich in die Stube oder an die Klotür hängen konnte. Zum Verkaufsschlager wurde er aber nicht, man nahm ihn 1938 wieder aus dem Katalog heraus ohne dass sich jemand beschwerte.

In den Fünfzigern kamen Dinge wie Fahrräder, Pelzmäntel, Möbel, Elektroherde und eine elektrische Eisenbahn hinzu. Und mit der Quelle-Eigenmarke „Universum“ ein Fernseher mit einer aus heutiger Sicht winzigen Bilddiagonale von 43 cm (16,9 Zoll). Auch wenn die Kiste damals klein und klobig war, der Trend ging in Richtung immer größer. Der Höhepunkt wurde 1962 erreicht, als Fertighäuser im Katalog zu bestellen waren. Hatte man ein Grundstück, konnte für 65.000,– DM ein fertiges Quelle-Flachdachhaus mit wetterfester Außenhaut aus Asbestzement erworben werden. Die ersten Fertighäuser litten noch an einigen Kinderkrankheiten. Und da wundert es nicht, dass Mitte der Sechziger ein elektrischer Betonmischer im Katalog auftauchte. Mit dem jeder Hausbesitzer mal Bauarbeiter spielen konnte.

Gewehre; Flinten und Jagdbüchsen im Quelle-Katalog von 1965. Daneben die Fahrräder und Mofas der Siebziger mitsamt Bonanza-Rad und einen der ersten Elektroroller. Rechts die von 1970 bis 1976 im Katalog angebotenen Rassehunde.

Zur selben Zeit führten Anfragen von Jägern und Sportschützen dazu, dass fortan auch Waffen und Munition im Katalog gelistet wurden. Und damit waren keine Erbsengewehre oder Wasserpistolen gemeint, sondern scharfe Jagdbüchsen, Karabiner und eine doppelläufige Schrotflinte, mit der man Nachbars Haustür ein Loch in der Größe eines Gullydeckels verpassen konnte. Nach heutigen Maßstäben alles recht befremdlich. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass in den Sechzigern trotz revoltierenden Studenten auf LSD die Welt (im Vergleich zu heute) ja noch in Ordnung war – und Flinten tatsächlich nur für Jagd- und Sportzwecke bestellt wurden. Oder um es anders auszudrücken: Mit dem Betonmischer würden irgendwelchen Deppen heutzutage wahrscheinlich mehr Schaden anrichten als die frei verkäuflichen Gewehre vor über fünfzig Jahren.

In den Siebzigern kam man bei Quelle auf den Hund. Was wie ein Aprilscherz klingt, war tatsächlich real. Ab 1970 wurden Rassehunde mit Ahnentafel, Bestellnummer und Preis angeboten. Die Entscheidung, sich einen Hund zuzulegen, trifft man ja auch beim Durchblättern eines Kataloges. Und nicht nach professioneller Beratung durchs Tierheim. Und wenn der Fiffi nicht gefiel, schickte man ihn einfach wieder zurück. Umtauschrecht und Quelle-Garantie galten ja auch hier. Immerhin achtete man beim Tierversand auf artgerechte Express-Versandbedingungen mit ausreichend Nahrung und Flüssigkeit. Der Kunde musste somit nicht befürchten, dass irgendwann ein bellendes Postpaket vor der Haustür steht. Aufgrund des hohen innerbetrieblichen Aufwands wurde der Tierversand dann 1976 auch wieder eingestellt.

Herbstkatalog 1986 – Rückkehr in die skurrilen Achtziger

In den Achtzigern hatte sich dann einiges verändert und dem Zeitgeist entsprechend angepasst. Flinten und Hunde waren zwar rausgeflogen, dafür hielten die Kataloge aber neue Überraschungen parat. Der Herbstkatalog von 1986 war so ein 1121-Seiten umfassendes Mammutwerk und der letzte seiner Art, der noch das alte Logo trug, das seit 1953 das Unternehmen zierte. Öffnet man nach über 30 Jahren diesen antiken Wälzer, taucht man zuerst in 500 Seiten Modewelt der Achtziger ein und findet etliche Sachen wieder, die längst verdrängt und vergessen sind. Mit Cordhosen, Karopullovern aus Schurwolle, dem Kittelett für Hausfrauen, langen Doppelripp-Unterhosen und mehrere tausend Mark teuren Echtpelzen inklusive Waschbärmütze bestätigt sich das Gruselkabinett, welches man rückblickend mit dieser Ära assoziiert.

Modewelt von 1986: Damenmode mit viel Strickmaterial, der Waschbärmütze, einem Turban, Echtpelz sowie dem Kitelett für Hausfrauen. Daneben die Herrenmode mit Bundfaltenhosen, den weißen Tennissocken, einer Pilotenjacke und den typischen Anzügen der Achtziger.

Wie zu erwarten, beginnt die Reise in die Vergangenheit mit 300 Seiten bunter Frauenmode, wo es (bis auf Unterwäsche) kaum ein Kleidungsstück gab, das nicht auch als Strickvariante existierte. Stricken war in den Achtzigern voll im Trend. Man erblickt längst ausgestorbene Kombinationen wie Steghosen zu pastellfarbenen Socken, Nerz-Imitate mit Schulterpolstern und karierte Blusen mit überdimensionalen Ziergürteln. Und natürlich den Strickturban passend zu Strickpullover und Strickrock.

Als nächstes folgt die Kinder- und Jugendmode, die aus heutiger Sicht kaum biederer hätte ausfallen können. Trug man als Vierzehnjähriger damals wirklich Bundfaltenhosen mit Jacquard-Pullovern oder Tweed-Blousons in Kombination mit Cordhosen? Das Angebot im „Junior Shop“ wirkt schon unfreiwillig komisch, was durch die Sonnenbrillen noch verstärkt wird, die man den halbwüchsigen Models plakativ auf die Nase setzte.

Die knapp 100 Seiten Herrenmode kommen erwartungsgemäß nicht ohne weiße Tennissocken in schwarzen Lederschuhen einher. Und auch hier Unmengen an Cord-Bundfaltenhosen, die zu Jacken aus Nappaleder kombiniert wurden. Oder Holzfällerhemden, die man zu melierten Breitcord­hosen mit Umschlag trug? Egal, eine einfache Jeans sucht man lange vergebens, findet dann auf einer einzigen Seite aber doch noch welche.

Bei der einen handelt es sich um … eine Bundfalten-Jeans mit Karodruck. Die andere schaut immerhin wie eine echte Jeans aus, entpuppt sich bei näherer Betrachtung aber als Stretchjeans mit Elasthananteil. Diese Unsitte ist also auch eine Erfindung der Achtziger? Hätte man sich ja denken können. Nach all den Scheußlichkeiten findet sich bei den Sportschuhen dann etwas Balsam. Beim Anblick der alten Adidas „Marathon“ oder „Boston“ werden Erinnerungen an zeitlose Sneaker wach, die noch heute eine gute Figur abgeben.

Kinder- und Jugendmode 1986: Tweed-Blousons in Kombination mit Cord- und Bundfaltenhosen. Daneben die Lauf- und Sportschuhe, wie die Adidas Marathon, Kansas, Arizona, Boston sowie die Jetter von Puma.

Hat man die Klamotten geschafft, gelangt man über Handtaschen und Schulranzen zum Juwelier. Bei den Ranzen gibt es noch ein Wiedersehen mit dem streng quaderförmigen „McNeill“-Klotz (der mit dem Hund), den man bei jedem zweiten Schulkind damals sah. Der folgende Schmuck der „Gold-Quelle“ ersparte einen den Weg zum Goldschmied. Man musste für einige Produkte allerdings tief ins Portmonee greifen. Bei den 140.000 Paketen, die Quelle zu der Zeit täglich verschickte, konnte durchaus ein Platinring für 1600,– DM oder eine 585er-Herrenuhr für 3000,– DM mit dabei sein.

Eine einfache Quarzuhr für 12,– DM findet sich ein paar Seiten später auch. Blättert man bei den Uhren weiter, stolpert man über einen Trend, den Apple jüngst wieder ausgegraben hat. Intelligente Computeruhren gab es tatsächlich schon damals. Die konnten im Vergleich zur Apple Watch zwar noch nicht den Menstruationszyklus aufzeichnen, punkteten aber mit Mini-Datenbank, Taschenrechner, Terminplan und Stoppuhr für unschlagbare 179,– DM.

Mitte der Achtziger rückte das Thema Gesundheit immer mehr ins Blickfeld. So wundert es nicht, dass Quelle auch hier mit einigen Seiten Blutdruck­messgeräten, Inhalationsmasken sowie einer elektrischen Akupunkturmaschine für 349,– DM auftrat, die laut Katalog bestens bei Sonnenbrand, Verstopfung und Alkoholkater helfen sollte. Praktisch, die Nacht durchzechen und sich am nächsten Morgen eine Elektronadel irgendwo reinpieksen. Das hätte jeden Chinadoktor vor Neid erblassen lassen.

Der Hygieneteil wurde dann mit Kondomen, Medizinal-Schutzhosen, flotten Mini-Monatsslips sowie einem Massagestab im Penislook abgerundet, mit dem sich die abgebildete Dame die Schulter massiert. Unmittelbar nach den Kondomen folgt die Malseife für Kinder, mit der man den Nachwuchs beim Baden kunterbunt mit Lebensmittelfarbe einfärben konnte. Vielleicht waren die Kondome direkt davor als versteckter Hinweis gedacht, damit einen das Kindereinfärben irgendwann erspart bleibt?

Gesundheits- und Hygieneartikel von 1986: Die elektrische Akupunkturmaschine, Blutdruckmessgerät, McNeill- und Scout-Schulranzen, Kondome, Malseife für Kinder, der flotte Monatsslip und der als Massagestab getarnte Gummidödel. Rechts daneben die intelligente Computeruhr, Platin- und Diamantringe, eine Meister-Quarz-Uhr sowie echte 585er Golduhren.

Mit der Kinderfarbe hat man die Hälfte des Kataloges geschafft. Und wem viele Dinge noch nicht schräg genug waren, der blättert ein paar Seiten weiter, wo die Zweitfrisuren den Vogel abgeschossen haben. Angeboten als besonders natürlich und „von echtem Haar kaum zu unterscheiden“. So natürlich wie ein Brusthaartoupet bei Teenagern? Das Modell „Steffi“ schaute übrigens aus, als hätte man einen dieser Pudel auf dem Kopf, die zehn Jahre vorher noch verschickt wurden. Und „Lady“ war wohl für jene Männer gedacht, die ihre Gattin zur Abwechslung mal dreißig Jahre älter im Bett gehabt hätten.

Bevor Quelle mit den wahren Schwergewichten kommt, folgt noch einmal über viele Seiten verteilt mit Handarbeit das Lieblingshobby der Achtziger. Strickgarn, Häkelzeug, Nähmaschinen und alle Utensilien, die man als Strickliesel damals brauchte. Für ganz Eifrige gab es einen Heimstricker mit Lochkarten-Automatik für 1400,– DM, mit dem man problemlos die ganze Familie einstricken konnte. Daneben die unverwüstlichen, heiß begehrten Nähmaschinen der Quelle-Eigenmarkte „Privileg“, welche in Testberichten immer gut abschnitten. Warum bei Löchern neue Hosen kaufen, wenn es auch eine Privileg-Nähmaschine tat?

Wenn es heißt, bei Quelle konnte man fast alles bestellen, egal wie groß und schwer, dann kam das der Wahrheit ziemlich nahe. So staunt man noch heute über die reichhaltige Inneneinrichtung, die fast wie ein eingeschobener IKEA-Katalog wirkt. Mehrere hundert Seiten mit Teppichen, rustikalen Polstermöbeln, Wandschränken, Betten, Sitzecken und kompletten Küchen samt Einbaugeräten. Nicht nur bei Weißer Ware hatte Quelle einiges zu bieten. Selbst Kachelöfen sowie eine 4000,– DM teure Sauna mit 9-kW-Ofen waren zu bestellen, die der Quelle-Kundendienst gegen Aufpreis auch fertig montiert und angeschlossen hat.

Privileg-Nähmaschine, Heimstricker und Utensilien für die Heimarbeit. Daneben die Inneneinrichtung mit Landhausküche, einen Herd der Achtziger sowie einer kompletten Sauna. Rechts daneben die authentischen Zweitfrisuren „Steffi“, „Bijou Luxus“, „Lady“ und „Lynn“, die man für den Rosenmontag noch heute gut nutzen könnte.

Nach gut 900 Seiten mit Klamotten und Inneneinrichtung kommen die Fans der Unterhaltungselektronik auf ihre Kosten. Bei den Spielkonsolen gab es allerdings nur den Atari 2600 (das Modell von 1984) für 129,– DM zu erwerben. Im Anschluss die Videorecorder, die nun noch im VHS-Format angeboten wurden. Video 2000 sowie Betamax landeten mit dem Ende des Formatkriegs (1984) bekanntlich im Elektroschrott. Bei den Leercassetten gab es noch alle drei Formate. Ein Zweierpack Sony VCC-480 (Video 2000) kostete 59,– DM. Auch überraschend sind die Preise, die ein VHS-Recorder mit bis zu 2600,– DM damals kostete. Noch bizarrer die VHS-Filme. Ein „Bud-Spencer“-Schinken kostete nicht weniger als 99,95 DM. Da wird einen klar, warum es Videotheken damals so gut ging.

Die Fernseher gab es noch mit rustikaler Holzverkleidung. Für ein Spitzenmodell musste man auch zu jener Zeit mit bis zu 2500,– DM (70-cm-Universum-TV) schon einiges auf den Tisch legen. Für Unentschlossene gab es den sogenannten „Mietkauf“. Sechs Monate lang für 100,– DM monatlich die Kiste mieten und dann die Kaufoption (in der Regel gut 100 DM höher als der Normalpreis) ziehen. Und wenn nicht, dann hatte man für 600,– DM ein halbes Jahr lang einen Fernseher gemietet. Für das Geld hätte man auch drei Schwarzweiß-TV mit Teleskopantenne bekommen.

Wollte man in den Achtzigern hip sein, musste ein Ghettoblaster her, den man auf der Schulter mit sich herumschleppte und die Mitmenschen nervte. Also eigentlich dasselbe tat wie die Rotznasen augenblicklich mit dem Smartphone. Nur hatte so ein 30-Watt-Monstrum, das man für mehr Bums auch an die Autobatterie anschließen konnte, weitaus mehr Klang und Druck als so ein fragiles Mobiltelefon. Und war man richtig trendy, dann gönnte man sich statt Walkman einen „handlich für unterwegs“ entworfenen, portablen CD-Player. Man musste nur noch einen passenden Rucksack für dieses 698,– DM teure Gerät in der Größe eines Toasters irgendwo finden.

Unterhaltungselektronik 1986: VHS-Videorecorder, der Atari-2600, Sony-Camcorder, hochwertiger Fernseher und Videocassetten. Rechts daneben ein HiFi-Turm, Stereoanlage, portabler CD-Player, Ghettoblaster und Walkman.

Man nähert sich dem Ende des Kataloges und staunt bei den Computern noch einmal über die aus heutiger Sicht unverhältnismäßigen Preise. Ein C64 mit Zubehör kostete 498,– DM. Klingt schlüssig. Für das passende Disketten­laufwerk (1541-Floppy) hingegen musste man 548,– DM berappen. Ein früher Atari ST kam auf 998,– DM, das Diskettenlaufwerk kostete vergleichsweise günstige 399,– DM. Dafür musste man für eine einfache Atari-Maus mit Rollkugel stolze 148,– DM hinblättern.

Und dann entdeckt man ein ausgestorbenes Relikt, das heute wahrscheinlich kaum noch jemand kennt. Das offiziell von der Bundespost zugelassene Dataphon S21 (Akustikkoppler) für 249,– DM. Ein Gerät in der Form eines Telefonhörers, mit dem man digitale Signale über die analoge Telefonleitung übertragen konnte. Die Schritt­geschwindigkeit betrug 300 Baud, d. h. der analoge Kanal konnte 300 mal pro Sekunde seinen Zustand ändern. Bei binärer Kodierung hätte man mit einer 1 MB großen Datei für acht Stunden die Telefonleitung der Eltern blockiert.

Der Computerabteilung folgt ein Bereich mit schlecht einzuordnenden Dingen. Darunter ein 300 Kilogramm schwerer Tresor für 1499,– DM. Angeliefert wurde das Trumm durch ein Spezial-Transportunternehmen, das aber nur bis hinter die erste Tür im Erdgeschoss lieferte. Wohnte man oben im Altbau ohne Fahrstuhl, konnte man mit den Spediteuren natürlich den Weitertransport nachverhandeln – oder sich günstiger einen Schwerlastkran mieten. Nach Diaprojektoren und Kochgeschirr erscheint mit der „sprechenden Waage“ ein nächstes Highlight. Diese „Weight-Watcher-Alexa“ kommentierte tatsächlich jede Gewichts­veränderung mit Roboterstimme. Und man fragt sich im Nachhinein, wie viele dieser Waagen damals bei verärgerten Hausfrauen morgens aus dem Fenster geflogen sind.

Computer von 1986: Der C64, ein Dataphon, eine 1541-Floppy, Joyball, ein C128 mit Monitor, eigene Spiele-Software aus dem Hause Quelle sowie ein Atari ST. Rechts daneben die sprechende Waage, ein Tresor, Diaprojektor, der 15-Liter-Jumbotopf und Zinngeschirr.

Ist man selber ein Kind der Achtziger, dann wird man beim Anblick der damaligen Spielwaren leicht sentimental, da viele Erinnerungsstücke zu der Zeit im eigenen Kinderzimmer rumstanden. So eine Ritterburg hatte wohl jeder Zehnjährige. Und ein Fernlenkauto sowie eine Autorennbahn gehörten natürlich auch dazu. Zu meiner Überraschung fand ich beim Durchblättern auch das BMX-Rad „Blue Mile“ der Quelle Eigenmarke „Mars“ wieder, mit dem ich seit 1986 bis in die frühen Neunziger mir den „Bunny Hop“ beibrachte, Weitsprünge übte und Ewigkeiten im Gelände rumheizte. Auch wenn ich mich oft auf die Fresse gelegt habe, einen Achs- oder Rahmenbruch gab es bei meinem Quelle-Bike nie. War eben echte Qualität. 

Und dann entdeckt man noch einmal etwas zum Schmunzeln: Ein echter Geldspielautomat inmitten von Babyschaukeln, Kinderfahrrädern und Spielzeugautos. Also die piepsenden Kästen, die in Kneipen tagtäglich mit Sozialhilfe befüttert werden. Mal ganz davon abgesehen, dass es ziemlich sinnfrei ist, sich einen Glücksspielautomaten zum Selberbefüllen in die Wohnung zu stellen. Weitaus amüsanter: Wer auch immer den Katalog damals bestückten musste – einen Geldspielautomaten unter „Spielwaren“ zu kategorisieren war nun wirklich keine Glanzleistung.

Auf den letzten Schlemmerseiten kommt es dann noch einmal knüppeldick. Nach Lebkuchen, Schichtnougat und süßen Weihnachtstrüffeln im Kilopack folgt direkt und ohne Vorwarnung die Schlachtabteilung, wo Wurst zum Abwinken oder der Jahresvorrat Schwarzwaldschinken jedem Veganer das Licht ausgeblasen hätte. Dann stolpert man noch über einen Eimer Honig und findet als allerletztes Katalogprodukt die Riesenflasche Melissengeist zum Einnehmen – bei Magen- und Darm­beschwerden. Humor hatte Quelle, das kann man nicht anders sagen.

Fahrräder und Spielwaren 1986. BMX-Rad „Blue Mile“ für 309,– DM, Kettcar, Fernlenkauto, Ritterburg, Autorennbahn sowie ein echter Geldspielautomat. Rechts daneben das Schlemmerset bestehend aus Schichtnougat, Nürnberger Lebkuchen, Wurst und Schinken im Kilopack, dem 2-Liter-Honigeimer sowie Melissengeist zum Einnehmen.

Quelle Technorama – als Technikläden noch unterscheidbar waren

Technikfachmärkte sehen heutzutage alle ziemlich gleich aus, gibt ja auch nur noch ein Unternehmen, dem die beiden bekanntesten Elektronik-Großmärkte gehören. Soo! muss Technik. Und wo immer man eine nach demselben Schema konfektionierte Elektrowelt entdeckt, so richtig Neuland betritt man danach nie wieder. Kennt man eine Filiale, kennt man alle. Kunden sollen ja auch nicht entdecken, sondern kaufen. Und das macht in dieser Zeit irgendwie kaum noch Spaß. Überall blinkt und dudelt es, die Märkte sind lichtüberladen, grell und voller sich endlos wiederholender (sinnfreier) Botschaften. Was Überflüssiges betrifft, wäre mehr Geiz schon irgendwie geil.

Hat man sich am Handyvertrag vertickenden Osmanen hinterm Stehpult vorbeigemogelt, der in allen Märkten am Eingang residiert, landet man früher oder später bei den Fernsehern, die es inzwischen auch in der Größe eines Garagentors gibt. Und fragt sich: Wenn ein Markt schon knapp hundert Medien auf engstem Raum präsentieren muss, warum man dann nicht wenigstens bei den Flimmerkisten den Ton abstellt? Reizüberflutung scheint gegenwärtig eher gezielte Marketingstrategie als Kollateralschaden zu sein. Die sind ja nicht blöd – und wissen, wie das Volk tickt.

Als Entdecker mit Hang zur Einfachheit hatte man früher bessere Karten, gab es neben den großen Elektrohandelsketten noch viele kleine und mittelgroße Technikhäuser. Eines dieser Häuser waren die Quelle-Technikläden, die sich seit den endenden Achtzigern als Quelle Technorama dem Kunden vorgestellt haben. Das Kunstwort „Technorama“ lud schon damals zum Nachdenken ein, lieferte Quelle nie eine Erklärung, was Technik gerade mit der siebenten Inkarnation von Vishnu oder einer Margarine gemein hatte. Auch hatte sich der Verantwortliche offensichtlich keine Gedanken über die Steilvorlage gemacht, dass inmitten des Wortes ein „d“ vergessen sein könnte. Und so eigenwillig der Name, so individuell die Läden. Was für mich als Kind natürlich großartig war, gab es bei Quelle immer reichlich zu entdecken.

Da ich aufgrund meines Elternhauses quasi direkt an der Quelle saß, hatte ich schon ab den Achtzigern das Glück, viele der Läden im norddeutschen Raum kennenzulernen. Von Bremen über Bremerhaven, Minden, Emden, Leer oder Wilhelmshaven. Wenn sich Gelegenheit ergab, bin ich zur Arbeit mitgefahren, verbrachte den Tag in der Quelle-Welt und erkundete nebenbei die jeweilige Innenstadt. Die Quelle-Exkursionen brachten neben Entdeckererfahrung auch regelmäßig Werbegeschenke wie Schreibutensilien oder die legendäre Quelle-Baseballmütze mit eingebautem Radio und ausfahrbarer Antenne mit heim.

Zu der Zeit waren Technikhäuser inmitten einer Innenstadt auch noch gang und gäbe. Heute ist das eher die Ausnahme und Elektrohandelsketten nisten sich lieber zusammen mit Modegeschäften in ausgedehnten Einkaufszentren der Pampa mit ein. Was zwangsläufig zu den räumlichen Wüsten führt, die wir heute so haben. Da Quelle stets Bestandsgebäude in den Innenstädten anmietete, waren die auch alle sehr unterschiedlich und von außen nicht voraussagbar. Verwinkelte Ecken über mehrere Etagen gab es oft, eine alte Wendeltreppe der Gründerzeit tauchte mal auf und die Keller glichen in einigen Altbauten fast Katakomben.

In so einem unterirdischen Komplex fand ich als Zwölfjähriger auch meinen allerersten Job. Zur Ferienzeit beklebte ich in Bremen im historischen Bau der Obernstraße Quelle-Kataloge mit neuen Aufklebern – und gab den Lohn zwei Etagen höher für C64-Spiele gleich wieder aus. Die Computerabteilungen bei Quelle hatten es bekanntlich in sich, fanden sich dort immer wieder Raritäten, die es schon lange nirgendwo anders mehr gab. Ob es nun Module für längst ausgestorbene Atari- oder ColecoVision-Systeme oder für ein paar Mark ein C64-Spiel auf Kassette war, das in geringer Auflage irgendwann mal erschien – bei Quelle fand man solche Dinge in der Software-Grabbelkiste immer wieder, man musste nur lange genug wühlen.

Nicht nur in Sachen Architektur waren die Quelle-Läden einprägsam, auch bei der Inneneinrichtung fand man die volle Bandbreite von behelfsmäßig über funktional bis hin zu edel. Einige Filialen, wie die in Bremerhaven oder die letzte (nach insgesamt vier Umzügen) in der Bremer Knochenhauerstraße, präsentierten sich aufgeräumt und unaufdringlich im schlichten Grau. Für die Produkte wurden einfache Regale an den Wänden befestigt, Preisschild dazu und fertig. Kein Dauergeblinke, keine bunten Neonröhren, nur das ausgepackte Produkt wie die Fabrik es schuf.

Bei Quelle sah man viele Dinge auch mal entspannter. In Lingen zierte beispielsweise noch 1995 das seit acht Jahren veraltete Logo den Geschäftseingang. Die aktuelle Wortmarke fand sich direkt daneben auf Folie in eines der Fenster geklebt. Heutzutage undenkbar, da steht bei einem neuen Unternehmensanstrich gleich am nächsten Tag die Marketingabteilung vor der Tür und drängt zum Austausch aller Wortmarken. Moderne Unternehmen fürchten nichts mehr als eine uneinheitliche Präsentation – wobei das den Kunden damals ziemlich egal war, welche Logovariante da rumhing.

Einige der Technikläden hatten mit der „Quelle-Fundgrube“ einen abgetrennten Bereich, wo überschüssige, Umtausch- und Restware zu reduzierten Preisen angeboten wurde. In Minden fand sich Mitte der Achtziger so ein Laden, der eh schon einen recht provisorischen Eindruck mache. Und wo auch mal ein Tapeziertisch im Verkaufsraum tagelang rumstand. Das alte Lager wurde pragmatisch zur Fundgrube umfunktioniert und Textilien wie auf Rudis Resterampe mit zigmal überklebten Preisschildern hingestellt. Bei den Leuten kam das an und der Verkauf wurde zum Hit.

Als Kontrast zu den vorwiegend funktional gehaltenen Technikhäusern gab es bei Quelle auch noch die 20 Warenhäuser, von denen mit der Zeit allerdings immer weniger übrig blieben. Bielefeld beherbergte seinerzeit eines der größten Kaufhäuser, wurde Ende der Achtziger zu Technorama verkleinert und spielte weiterhin von der Aufmachung her in einer ganz anderen Liga als die meisten Technikläden. Die einzelnen Verkaufsbereiche waren opulent, unaufdringlich und edel gestaltet. Und man bekam es hin, ein abgerundetes Erscheinungsbild zu präsentieren, das ohne aggressives Werbediktat zum Wiederbesuch einlädt. Und das konnten nicht nur die Quelle-Kaufhäuser, sondern eigentlich alle großen Warenhäuser zu jener Zeit. Ob sie nun Karstadt, Hertie oder Horten hießen. Soo! waren Achtziger.

Und so war auch Quelle, genau wie Gustav Schickedanz es in jungen Jahren visionierte: Die Balance zu halten zwischen den einfachen Dingen mit minimalster Präsentation und gleichzeitig das Hochwertige, Edle und Besondere zu pflegen. Und dabei niemals die Qualität aus den Augen verlieren. Wo andere nur billig konnten, überzeugte Quelle mehr als achtzig Jahre mit der einfachen, aber fundierten Devise: „Verbrauchsfähigkeit geht über Verkaufsfähigkeit.“

Und nun ist die Quelle versiegt. Und die Zeiten lange vorbei, wo man den Einkaufsbummel in der Innenstadt auch mal als Inspirationsquelle nutzen konnte. Man freiwillig und ohne Stress sogar länger als nötig im Geschäft verweilte. Einfach so, ohne etwas zu kaufen. Weil die Atmosphäre stimmte, man vielleicht noch etwas entdecken konnte oder einfach, weil es eine andere Zeit war, wo der stumpfe Kommerz einen noch nicht so angepisst hat. Und das ist schade. So geht das Schlusswort an ein 1957 von Gustav Schickedanz an seine Kunden verfasstes Zitat, das viele Jahre später zum bekannten Quelle-Slogan wurde: „Ein Glück, dass es die Quelle gibt gab!“

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

Schreibe einen Kommentar

Kommentare werden generell geprüft, bevor sie freigeschaltet werden. Zwielichtige Kommentare werden natürlich nicht veröffentlicht.