Rückblick auf die Gegenwart – im Zeitalter des Datenmülls

„Die Welt in fünfzig oder hundert Jahren“. Dieses Thema hat Generationen beschäftigt, und jede Zeit hatte ihre eigenen Ideen und Vorstellungen, wie die Welt der Zukunft ausschaut. Im frühen letzten Jahrhundert stellte man sich schwebende Stadtbahnen, Urlaub auf dem Mond, tragbare Fernsprech­apparate und blecherne Haushalts-Roboter vor. Und gerade im technischen Bereich hat sich tatsächlich vieles realisiert. Über das Internet visionierte Mark Twain bereits 1898, und Stanislav Lem hatte 1961 das E-Book als digitale Variante eines Buches vor Augen.

Nimmt man die prophezeiten technischen Innovationen einmal beiseite, bringt unsere Zeit auch einige Phänomene mit, die wohl kaum jemand in früherer Zeit auf dem Schirm hatte. Dinge, auf die unsere Nachfolger in hundert Jahren vielleicht kopfschüttelnd oder schmunzelnd zurückblicken. Eines dieser Phänomene ist Datenmüll. Und damit ist mehr als die Festplatte mit Cookies, Schmuddelbildern und Trojanern gemeint.

Willkommen im Zeitalter des Datenmülls

Willkommen im Zeitalter des Datenmülls

Etikettierung von Zeitaltern

Es ist ein Leichtes, einer Epoche ein passendes Label aufzudrücken. Meist lässt sich eine ganze Serie an Etiketten drucken. Das Pop-Duo The Buggles nannte ihr 1980 erschienenes Debütalbum “The Age of Plastic”. Und irgendwie waren die Siebziger und Achtziger ja auch das Zeitalter des Plastik. Plastiktüten, Plastikmöbel, Plastikspielzeug und Plastik als Baustoff in der Architektur. Kunststoff als billige Alternative zu natürlichen Stoffen. Über die vielen Nachteile hat man sich damals noch keinen großen Kopf gemacht, das sollte erst später folgen. Wie so oft, mit Lernen durch Schmerz.

Die 80er - Zeitalter des Plastik

Die 80er – Zeitalter des Plastik?

Ebenso könnte man mit dem Inkrafttreten des Grünen Punktes (1991) die Neunziger als Zeitalter des Recycling bezeichnen. Ein passendes Label für jene Epoche, in der Umweltschutz nicht mehr nur das Thema von zotteligen Ökos in Strickpullovern war, sondern sich allgemein, gesellschaftlich und politisch durchgesetzt hat.

Diese Etikettierung von Zeitaltern lässt sich beliebig fortführen. Und meist wird einem Zeitalter erst posthum ein Etikett gedruckt. Und wie der Titel vermuten lässt, wird bereits jetzt ein Etikett für unsere Epoche im frühen 21. Jahrhundert gedruckt – mit der Aufschrift Zeitalter des Datenmülls.

Das wirft natürlich die Frage auf, wie Datenmüll eigentlich definiert wird? Denn eine allgemeingültige Definition existiert bislang noch nicht. Selbst der Duden liefert keine Ergebnisse, obwohl Datenmüll im PC-Bereich längst zum Synonym für unerwünschte Programme wurde. Doch das Wort hat deutlich mehr Potenzial. Was also könnte Datenmüll beschreiben? Nutzlose und überflüssige Daten? Aufdringliche und unerwünschte Daten? Ja. Aber fangen wir erst einmal damit an, zu analysieren, was Daten eigentlich sind.

Daten – und die vermeintliche Schwierigkeit einer einheitlichen Definition

Der Begriff Daten ist je nach Kontext unterschiedlich definiert, und das Dumme ist, dass es keine einheitliche Definition gibt. Dabei ist Daten schlicht der Plural von Datum (lat. „gegeben“), was uns gleich zum nächsten Stolperstein führt, da Datum im allgemeinen Sprachbewusstsein meist exklusiv mit dem Kalenderdatum verknüpft ist.

Die wissenschaftliche Definition spricht bei Daten von Angaben, Werten und Befunden, die sich durch Beobachtung oder Messung gewinnen lassen. Und diese Messdaten sind zunächst einmal nur Zeichenfolgen ohne Bedeutung, wie z. B. „42“.  Setzt man gemessene Daten in einen Kontext, beispielsweise „Körpergewicht“ oder „Höchsttemperatur“, dann werden aus diesen interpretierbaren Daten nun Informationen. So weit, so gut.

Allerdings verwässert sich in unserer Umgangssprache die Bedeutung des Daten-Begriffs, so dass hier auch Ereignisse, Tatsachen und Wahrnehmungen aller Art mit hineinströmen. Hier beschreiben Daten nicht nur Fakten im wissenschaftlichen Sinn, sondern auch subjektive Beobachtungen und Wahrnehmungen. Und es kommt noch dicker.

Denn die Informatik liefert noch eine weitere, ganz eigene Definition, nämlich Daten als digital kodierte Information. Eine Bedeutung, die inzwischen ebenfalls stark in unsere Umgangssprache mit eingeflossen ist, so dass beim Begriff Daten tatsächlich oft als erstes an das Internet-Kabel gedacht wird. So haben wir also drei unterschiedliche Definitionen, die sich nur mühsam unter einen Hut bringen lassen. Oder doch nicht?

Daten – und das Wagnis einer einheitlichen Definition

Machen wir es uns einfach und definieren Daten nicht nur als messbare Größen, sondern schlicht als kodierte Information. Analog zur Informatik, nur nicht ausschließlich auf binäre Signale beschränkt. So gesehen stehen wir mit unserer Umwelt permanent im Datenaustausch. Jedes Individuum sendet und empfängt Daten, von anderen Individuen und von Objekten. Wie diese Daten nun interpretiert (dekodiert) werden, und welche Informationen daraus wieder subjektiv abgeleitet werden, spielt erst einmal nur eine sekundäre Rolle.

Ein paar Beispiele zur Veranschaulichung: Kfz-Kennzeichen bestehen aus kodierter Information. Sie identifizieren den Halter und transportieren die Information, in welcher Stadt bzw. Landkreis das Fahrzeug angemeldet ist. Und als Betrachter kann man subjektiv eine Informationen daraus ableiten, sofern das Kürzel der Stadt bekannt ist, oder auch nicht. Seit der Einführung von Wunschkennzeichen verlocken sie zusätzlich dazu, auch Initialen, Geburtsjahr und die politische Gesinnung des Fahrers abzulesen, oder besser gesagt hinein zu interpretieren.

Weiteres Beispiel. Auf vielen Kleidungsstücken von Markenherstellern finden sich prägnante Bild- und Wortmarken, die durch den Träger öffentlich zur Schau gestellt werden. Wenn also bei jemanden auf der Jacke groß „Chiemsee“ zu lesen ist, können unterschiedliche Informationen daraus abgeleitet werden. Vielleicht war diese Person ja vor einiger Zeit am Chiemsee und hat diesen großen Flatschen als Souvenir mitgebracht? Analog zu den „Ich war mal in London“-T-Shirts oder den „Heide Park“-Aufklebern, die man früher jedem Parkbesucher ungefragt an die Heckscheibe geklebt hat. Man könnte diese Daten aber auch als Herstellerlogo dekodieren und leitet die persönliche Meinung daraus ab, dass da jemand sein Geld vielleicht hätte sinnvoller ausgeben können anstatt als Pfingstochse eines Bekleidungsunternehmens herumzulaufen.

Ein letztes Beispiel: die überfreundlich lächelnde Kassiererin an der Supermarktkasse. Wie lässt sich diese Mimik, sprich dieser Datenstrom deuten? Welche Information wird hier transportiert? Eventuell Zuneigung oder Interesse? Eher unwahrscheinlich. Vielleicht freut sich die Dame gerade auf den Feierabend? Wäre möglich. Oder die Freundlichkeit steht schlicht als Klausel im Arbeitsvertrag. Schon wahrscheinlicher.

Wir erkennen also: unsere Umwelt ist ein Sammelbecken an kodierter Information. Und die Informationsgewinnung aus Daten ist meist eine subjektive Angelegenheit, die von vielen Faktoren abhängt.

Datenmüll – gab es ja eigentlich schon immer …

Durch diesen weit umfassenden Datenbegriff lässt sich nun auch Datenmüll ganz anders definieren als nur auf den Windows-Papierkorb bezogen.

Datenmüll kann demnach der lästige Sitznachbar im Wartezimmer produzieren, der ungebeten seine Taschenphilosophie übers Leben heraus posaunt. Ebenso die Verkäuferin im Schuhgeschäft, die dem Kunden zum Schuh auch noch allerlei Pflegeprodukte aufschwatzen will muss. Nicht zu vergessen der Wahlkampf mit den nicht enden wollenden und sich wiederholenden Phrasen und Botschaften, denen man überall schutzlos ausgeliefert ist. Und auch die bereits erwähnten Botschaften an Kleidungsstücken, die sich tausendfach in den Innenstädten tummeln.

So gesehen bezeichnet Datenmüll nicht nur kodierte Information, die sich als minderwertig und nutzlos entpuppt, er hat gleichzeitig auch immer einen aufdringlichen und distanzlosen Charakter.

Gut, und warum wird nun ein ganzes Zeitalter danach benannt? Das gab es ja eigentlich schon immer, oder? … Klar, allerdings lässt sich seit Jahren eine Entwicklung beobachten, die mehr und mehr zu denken gibt. Und nun Bühne frei für den penetrantesten Datenmüllverursacher.

Werbung als omnipräsenter Datenstrom

Werbung ist omnipräsent, und das fällt schon gar nicht mehr auf. Man hat sich daran gewöhnt und es so hingenommen. Akzeptiert, weil ein Ablehnen eh keinerlei Auswirkung hätte. Und so fällt kaum noch auf, dass sich dieser gewinnorientierte Datenstrom schleichend wie Metastasen in immer neuere Regionen ausbreitet.

Die Medien sind bekanntlich seit jeher die Keimzelle moderner Werbung. Rundfunk, Internet, TV und Zeitschriften sind üppig angereichert mit Spots, Clips, Bannern und allen möglichen Formen, um Produkte, Dienstleistungen oder sonstige kommerzielle Interessen zu verbreiten. Und die Werbeflut hat längst ihr klassisches Territorium verlassen.

Glücklicherweise verrichtet dieser praktische Filter namens Werbeblindheit im Bewusstsein gute Dienste, so dass die vielen Botschaften an Plakaten, auf Webseiten und Litfaßsäulen nur marginal wahrgenommen werden und man sich kaum daran stört. Dass das der Werbebranche ziemlich egal ist, braucht man nicht groß erwähnen. Die Daten kommen trotzdem an, nämlich in den Bereichen, die die Psychologie nebulös als Unbewusstes bezeichnet. So funktioniert Werbung, und das ist ein alter Hut.

Als Werbeblindheit bezeichnet man den Effekt, dass Nutzer im Internet Werbebanner und Anzeigen unbewusst filtern und aus dem Sichtbereich ausblenden. So werden oft auch echte Inhalte, die an Werbung erinnern, erst gar nicht wahrgenommen.

Werbeblindheit – siehe kunst-worte.de

In der Forschung gibt es noch keine einheitliche und allgemeingültige Aussage, inwieweit Werbung ein einzelnes Individuum verändert und das Handeln, sprich die Kaufbereitschaft zum Vorteil des Händlers beeinflusst. Von primärer Bedeutung ist allerdings, dass Werbung immer aus Datenströmen besteht. Daten, denen man sich in unserer Zeit immer schwieriger entziehen kann, und die beim Empfänger stets ankommen – ob sie nun bewusst, unterschwellig oder durch sog. Werbeblindheit gefiltert wahrgenommen werden.

Datenmüll löschen – leichter gesagt als getan

Einer Schätzung nach wird der Mensch durchschnittlich pro Tag mit mehreren hundert Werbebotschaften konfrontiert. Und da lagern sie nun, die vielen empfangenen Daten. Die ganzen sinnfreien Informationen über die zarteste Versuchung und Waschmittel, die weißer als weiß waschen. Würden diese Daten aus Nullen und Einsen bestehen, dann hätten wir einen klassischen Anwendungsfall für den Windows-Papierkorb. Leider ist das Löschen hier nicht ganz so einfach wie in Computersystemen. Dort übernehmen in vielen Programmiersprachen sog. Garbage-Collector (die Müllabfuhr des Halbleiters) in regelmäßigen Abständen die Aufgabe, den physikalischen Speicher zu bereinigen. Und da gilt dann wirklich: was weg ist, ist weg.

In der Psyche ist das nicht so einfach. Erinnerungsbilder verblassen zwar mit der Zeit, werden aber nie wie beim flüchtigen RAM-Baustein vollständig gelöscht. Man kann es sich trivial ausgedrückt als Netz mit vielen untereinander verbundenen Knotenpunkten vorstellen. Und über verbundene Knoten lassen sich verblasste Knoten jederzeit wieder reaktivieren.

Was bedeutet das nun konkret für unerwünschte Werbedaten, die man tagtäglich aufnimmt? Unfein ausgedrückt, man hat die Arschkarte und wird sie nur schwer wieder los. Welche Folgen das langfristig haben kann? Darüber herrscht übereinstimmende Unklarheit. Immerhin ist man sich einig, dass jeder Mensch prinzipiell anders auf Werbung reagiert. Neben solchen Feststellungen mit der Aussagekraft eines Wetterberichts gibt es auch ganz konkrete Besorgnis bezüglich einer Gruppe, die entwicklungsbedingt den Werbedaten noch unbeschirmt ausgeliefert ist, nämlich Kinder.

(…) Deswegen ist Werbung bei Kindern aus ethischer Sicht nicht unproblematisch. Denn die Kinder sind diejenigen, bei denen die Werbewirkung am stärksten ist, sie sind diejenigen, die sich am wenigsten dagegen wehren können. Sie finden bei Kindern die stärksten Effekte, weil sie ihren Schutzschild noch nicht ausgeprägt haben, weil sie Kauf- und Konsumentscheidungen noch nicht vollends entwickelt haben.

Jörg Matthes – Professor für Werbeforschung an der Universität Wien

Ein normaler Tag im Zeitalter des Datenmülls

Die Werbeflut hat längst ihr klassisches Territorium verlassen, und so skizzieren wir einen exemplarischen Tag im Zeitalter des Datenmülls. Das Telefon klingelt früh morgens und eine Callcenter-Tante mit aufgesetzt freundlicher Stimme schwafelt von Vorteilen des neuen DSL-Tarifs für grenzenloses Streaming. Aus dem Briefkasten fischt man erst einmal einen dicken Stapel an Werbeprospekten, bevor irgendwo dazwischen die reguläre Post auftaucht.

Auf dem Weg zur Arbeit fällt auf, dass es sich in vielen Bussen kaum noch aus dem Fenster sehen lässt. Die beklebte Werbe-Lochfolie an der Karosserie verzerrt den Sichtbereich nach außen so stark, dass man zwangsläufig in die müden Gesichter der Mitreisenden schaut. Die wiederum wie unter Gruppenhypnose aufs Smartphone starren und vermutlich gerade eine Textnachricht mit dem literarischen Wert eines Einkaufszettels lesen.

Nach der Arbeit folgt der Einkauf. Auf dem Weg dorthin fährt man an etlichen künstlichen Momentaufnahmen mit sich freuenden Gesichtern über irgendwelche Produkte vorbei, dekoriert mit ein paar Slogans. Direkt vor dem Einkaufszentrum ist ein Stand aufgebaut, und die Handzettel-Mafia in albernen Overalls drückt einen einen bunten Flyer in die Hand. Rabattaktion, natürlich nur heute. Drinnen freut man sich über die Dauerberieselung der Lautsprecher und erfährt das aktuelle Wetter – dabei kommt man doch gerade von draußen? Gefolgt von Gedudel und der prunkvollen Ankündigung, dass Rinderbraten im Angebot ist. An der Kasse wird beim Bezahlen die übliche Litanei herunter geleiert: „Sammeln Sie Punkte?“, „Möchten Sie auch Geld abheben?“„Verraten Sie mir Ihre Postleitzahl?“ … Nein, ich will den Kram nur bezahlen und dann raus hier.

Edel verpackter Datenmüll – Wiesbaden macht’s vor

In Wiesbaden hat sich das Stadtbild in letzter Zeit verändert. Das fällt besonders bei Dunkelheit auf, stehen doch inzwischen an vielen Kreuzungen, im gesamten Innenstadtbereich und sogar am Park diese hell leuchtenden Werbekisten mit automatisch wechselnden Werbe-Botschaften.

Und man hat sich zusätzlich auch neue, sich automatisch drehende und auf Hochglanz polierte Litfaßsäulen gegönnt. Vom Hersteller kreativ als „City-Light-Säule“ bezeichnet. Der Stückpreis plus Montage liegt bei knapp unter 10.000 Euro, ist bei Plakat-Buchungskosten von bis zu 50 Euro pro Tag aber schnell wieder im Sack. Aber hätten es die klassischen Litfaßsäulen nicht auch getan? Hatte man vielleicht genug davon, dass Jesus seit fast einem Jahrzehnt auf jeder Litfaßsäule seine markanten Bibelsprüche hinterlässt? Möglich, aber viel wahrscheinlicher handelt es sich bei all den Hochglanz-Spielereien um eine geschickte Strategie.

Neue Litfaßsäulen in Wiesbaden

Neue Litfaßsäulen in Wiesbaden

Durch die Glättung des Stadtbildes mit Werbeboxen und Litfaßsäulen in Klavierlack-Optik werden gleichzeitig auch die Werbedaten edel verpackt und laden dazu ein, viel leichter akzeptiert zu werden. Sie verlieren somit das Inferiore, den typischen Müllcharakter, den die alten, zerfledderten, zigmal überklebten und von Hundeurin vergilbten Säulen hatten. Wäre ich jetzt böse, würde ich behaupten, dass immerhin Hunde den eigentlichen Zweck einer Litfaßsäule erkannt haben.

Spam als Sonderform des Werbe-Datenmülls

Neben all den Werbe-Verunstaltungen im urbanen Bereich soll natürlich ein Klassiker des Datenmülls nicht auf der Strecke bleiben. Das Kunstwort Spam (Spiced ham) war früher eigentlich Dosenfleisch und wurde in den Achtzigern zum Neologismus, als dieser Begriff im Usenet zum Synonym massenhaften Verschickens eigener Botschaften wurde. Ab den späten Neunzigern gelangte dieser Begriff auch in den allgemeinen Sprachgebrauch – hatte doch jeder, der im Internet unterwegs war und einen Mail-Account besaß, diese lästigen Mails schon einmal empfangen.

Was einst mit Viagra-, Porno- und Glücksspiel-Angeboten begann, wurde später um alle Formen erweitert, um den Empfänger um sein Erspartes zu erleichtern – oder um persönliche Daten zu klauen. Klar, warum sollte man auch sonst millionenfach Mails an Unbekannte verschicken? Bestimmt nicht, um nur „Hallo“ zu sagen. Der millionenschwere Onkel aus Südafrika, der dringend einen Erben sucht, „Anwaltskanzlei Schulze“ mit der letzten Mahnung oder die heiratswillige Olga aus St. Petersburg – diese Klassiker kennt inzwischen fast jeder.

Kurioserweise ist das zugrunde liegende Prinzip von Spam dasselbe wie bei klassischer Werbung – ob nun im E-Mail-Postfach der tägliche Müll ungebeten auftaucht, sich beim Besuch einer Webseite ein Popup eines bekannten Automobilherstellers öffnet oder man sich beim Betreten des Hauptbahnhofes vor einem überdimensionalen Plakat erschreckt, wo bis gestern noch neobarocke Verzierungen zu sehen waren. Bei Spam spricht man allerdings von einem volkswirtschaftlichen Schaden, wohingegen bei Werbung der volkswirtschaftliche Nutzen stets betont wird.

Fazit

Fassen wir zusammen. Jedes Zeitalter hat seine ganz eigenen Phänomene, und die Zukunft wird zeigen, ob unseres mehr durch technische Gimmicks oder andere Kuriositäten wie dem hier erwähnten Datenmüll in die Geschichte eingehen wird. Denn dieser lässt sich nicht nur als nutzlose, maschinell lesbare Daten definieren, sondern viel umfassender als unerwünschte Datenströme, denen man tagtäglich mehr oder weniger ausgeliefert ist.

Und hier kommt Werbung als der derzeit größte Datenmüll-Verursacher ins Spiel, der mit einer selbstverständlichen Dreistigkeit den öffentlichen Raum nach konsumorientierten Weltbild umgestaltet und dem Volk dies als Arbeitsplätze sichernd verkauft.

Es ist wahr, dass fremde Gedanken ebenso in unser Wesen eindringen können,
wie faule Dämpfe in unser Haus.

Prentice Mulford (1834 – 1891), US-amerikanischer Journalist und Hobby-Mystiker

Aber anstatt Werbung zu verteufeln, sollte man sie nicht einfach als das sehen, was sie ist – ein Teil unserer Kultur, der die Welt bunt macht? Nun, auch Graffitis machen unsere Welt bunt und sind ein Teil der Kultur. Und diese haben beizeiten sogar einen künstlerischen Wert, auch wenn der betroffene Hausbesitzer über das ihm gewidmete Graffito sicherlich anderer Ansicht ist.

Aber das ist gar nicht der springende Punkt. Es geht nicht darum, Werbung generell zu verteufeln, Panik zu machen und den erhobenen Zeigefinger kreisen zu lassen. Es gibt sicherlich größere Probleme als Werbung in der Welt, und die Frage nach chronischer Schädlichkeit von Werbung wird auch so schnell kein Quacksalber beantworten können.

Die eigentliche Frage ist, ob man im 21. Jahrhundert noch gut damit beraten ist, solche Taschenspielertricks mit der Gießkanne auf die Bevölkerung abzukippen? Es regelrecht vollzumüllen mit Datenströmen, die unbrauchbare Dinge erstrebenswert erscheinen lassen? Sollte nicht jeder selber entscheiden können, welche Daten er aufnehmen möchte und welche nicht? Der urbane Raum ist für die Allgemeinheit bestimmt und sollte somit auch eine gewisse Neutralität aufweisen – und nicht zum Pissoir der Werbeindustrie mutieren.

So bleibt nur die Frage, wie es weitergeht? Findet irgendwann die große Revolution mit Sturm auf die Werbe-Bazille statt? Ein Volk in Unruhe, das mit Kneifzange und Lötkolben gegen Werbung im öffentlichen Raum aufmarschiert? Das wär’s doch. Derzeit schaut es eher so aus, als hätte die Werbeindustrie noch lange nicht alle Karten ausgespielt. Warten wir also darauf, dass demnächst der gesponserte Hausarzt dem Rezept einen Rabatt auf das Abo einer Tageszeitung hinzufügt? … Wäre doch praktisch. Bei Krankheit hat man ja genug Zeit zum Lesen.

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„Wir unterschätzen den Einfluss der Werbung“

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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