Silvester im Wandel der Zeit – Rückschau für Böller, Party und Suff

Es gibt Feste und Bräuche, denen man sich schlecht entziehen kann. Wer Fastnacht bzw. Karneval nicht mag, bleibt Rosenmontag daheim und lässt die Flimmerkiste aus. Bei Silvester wird das schon schwieriger. Dass der Name auf Papst Silvester I. († 31. Dezember 335 in Rom) zurückzuführen ist, wissen wahrscheinlich die Wenigsten. Auch nicht so wichtig. Immerhin ist es der letzte Tag im Jahr unseres gregorianischen Kalenders (auch nach einem Papst benannt) und der Tag, der bei uns traditionell lautstark und feuchtfröhlich gefeiert wird. Zeit, diesem kuriosen Brauch eine kleine Retrospektive zu widmen.

Silvester - alle Jahre wieder

31. Dezember 2015 – Silvester lässt grüßen

Kindheit und Jugend: „Einen Schinken Böller, bitte!“

In der Kindheit war Silvester das Highlight schlechthin. Da mochte man eh alles, was laut, bunt, grell ist und nach Schwefel stinkt. Auch durfte man an diesem Tag offiziell bis nach Mitternacht aufbleiben. Dass die meisten umherirrenden Erwachsenen an diesem Tag völlig überdreht und trunken waren, interessierte die Kinderseele nur am Rande. Chinaböller, Kanonenschläge, Knallfrösche, Leuchtraketen und Bengalisches Feuer: Sowas hat fasziniert – gab es ja auch nur an diesem einen Tag und wurde kurz vorher im Laden als Schinken (Großpackung) gekauft.

Selbst bei vielen Erwachsenen fangen beim Thema Feuerwerk noch heute die Augen an zu leuchten. Dieses Spiel aus sich wechselnden hellen Farben und Mustern scheint tief in uns etwas auszulösen. Carl Gustav Jung würde wahrscheinlich von Archetypen sprechen, und damit hätte er sicherlich recht. Solche Urbilder finden sich in vielen Bräuchen auf der ganzen Welt wieder.

Mit dem Näherkommen der Volljährigkeit rückten statt Knallkörpern andere Dinge in den Vordergrund und man verbrachte Silvester in kleineren Grüppchen, ging in Diskos oder hing bei lauter Musik in irgendwelchen Wohnungen ab. Neujahr fühlte man sich dann stets orthogonal zum berauschten Zustand der vergangenen Nacht. Wenn man Glück hatte, erinnerte man sich wenigstens noch daran, warum man sich gerade so kotzübel fühlte.     

„Tempora mutantur, nos et mutamur in illis“

Die Zeiten ändern sich, und wir ändern uns in ihnen. Dieser alte Hut aus dem 16. Jahrhundert trifft es ziemlich genau. Wie die Zeiten schnell vergingen, so veränderte man sich mit ihnen, wurde alt und spießig. Heute ist mein Reiz an Feuerwerk komplett verflogen und ich mache es nur noch der Tradition wegen. Für ein paar Minuten ist diese Atmosphäre um Mitternacht ja ganz reizvoll. Kirchenglocken läuten, man wünscht sich ein Frohes Neues und schaut sich das Spektakel an.

Aber so gemächlich und friedlich wie in der Lindenstraße“, wo an Silvester auf den Straßen Walzer getanzt wird, geht es in Deutschland schon lange nicht mehr zu. Man fragt sich beizeiten, ob man sich nicht gerade durch die Zeit verirrt hat und an der Westfront gelandet ist. Die 4.500 Tonnen Feinstaub, die Silvester mal eben so in die Luft geblasen werden, kommen in Sachen Lungenfreundlichkeit dem eingesetzten Chlorgas der Flandernschlacht von 1915 schon ziemlich nahe.  

Dementsprechend reicht mir der Trubel dann auch schnell. Bis in die frühen Morgenstunden stupide einen Böller nach dem anderen zünden, oder wie in der Jugend so lange saufen bis der Mageninhalt wieder rauskommt, reizt mich nicht mehr. Diese gekünstelte Fröhlichkeit auf Knopfdruck ist mir auch zuwider. Nur weil ein Jahr dem Ende entgegen gegangen ist, und das auch erst seit der Kalenderreform von 1582, muss man nicht feiern als hätte man gerade das Diplom in der Tasche und zusätzlich im Lotto gewonnen. Wer sagt denn überhaupt, dass das neue Jahr wirklich so toll wird, um es himmelhoch jauchzend wie ein Manisch-Depressiver zu empfangen? Vielleicht wird es ja auch beschissen? Dann helfen keine Böller, um die kommenden bösen Geister zu vertreiben.

Nun, man muss nicht alle Bräuche intellektualisieren. Und die paar Euro für Feuerwerk zu sparen macht die Welt auch nicht problemfreier. Vielleicht sollte man diesen Tag einfach etwas bewusster erleben, sich ein paar Gedanken über das vergangene Jahr machen, den Alltag beiseite schieben und sich nicht darum scheren, was andere machen. Und wenn man damit fertig ist, kann man immer noch die Flasche öffnen und sich ein oder zwei Gläser gönnen.

Und so habe ich mich auch dieses Jahr wieder in Unkosten gestürzt und mit einer einzelnen Aldi-Böller-Batterie für drei Euro im rheinhessischen Hügelland den Himmel kurz zum Leuchten gebracht. „Rhein in Flammen“ war es zwar nicht, aber dafür war der Spuk auch nach wenigen Minuten wieder vorbei.

In diesem Sinne – Frohes Neues!

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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