Silvester im Wandel der Zeit – Rückschau für Böller, Party und Suff

Es gibt Feste und Bräuche, denen man sich schlecht entziehen kann. Wer Fastnacht und Karneval nicht mag, bleibt einfach Rosenmontag daheim und lässt die Glotze aus. Bei Silvester wird das schon schwieriger. Dass der Name auf Papst Silvester I. († 31. Dezember 335 in Rom) zurückzuführen ist, wissen wahrscheinlich die Wenigsten. Ist auch nicht so wichtig. Immerhin ist es der letzte Tag im Jahr unseres gregorianischen Kalenders (auch nach einem Papst benannt) und der Tag, der bei uns traditionell lautstark und feuchtfröhlich gefeiert wird. Zeit, diesem kuriosen Brauch eine kleine Retrospektive zu widmen.

Silvester - alle Jahre wieder

Silvester – alle Jahre wieder

„Einen Schinken Chinaböller, bitte!“

In der Kindheit war Silvester nicht weniger als das Highlight schlechthin. Zwar in der Hitliste nicht ganz oben wie Weihnachten, es gab ja auch keine Geschenke, aber dennoch bedrohlich weit vorn. Als Kind mag man eh alles, was laut, bunt und grell ist und nach Schwefel stinkt. Auch durfte man an diesem Tag endlich mal bis nach Mitternacht aufbleiben. Dass die freilaufenden Erwachsenen Silvester oft nach Schnaps gestunken haben, interessierte die Kinderseele nur am Rande. Chinaböller, Kanonenschläge, Knallfrösche, Leuchtraketen und Bengalisches Feuer. Das hatte was! Für die Jungs galt: je lauter je besser. Die Mädchen haben sich mehr mit Wunderkerzen und Knallerbsen vergnügt.

Und auch bei vielen Erwachsenen beginnen bei Feuerwerk die Augen noch heute zu leuchten. Dieses Spiel aus sich wechselnden hellen Farben scheint tief in uns etwas auszulösen. Carl Gustav Jung würde wahrscheinlich von Archetypen sprechen, und damit hätte er wahrscheinlich auch recht. Solche Urbilder finden sich in vielen Bräuchen auf der ganzen Welt wieder. Aber zurück zu den Böllern der Kindheit. Wenn ich mich recht erinnere, habe ich nach Silvester immer ein paar dicke Knaller gebunkert, die ich dann gedankenlos auseinander genommen und in den folgenden Wochen als selbst fabrizierte Kracher in Mülltonnen gezündet habe. Kindlicher Leichtsinn, keinesfalls nachmachen!

Willkommen in der Erwachsenenwelt

Die frühen Jugendsünden des „Bomben-Bauens“ waren dann irgendwann vorbei und der Reiz an Knallerei nahm langsam aber stetig ab. Mit dem Näherkommen der Volljährigkeit rückte dann „Volksdroge Fusel“ in den Vordergrund und man verbrachte Silvester in kleineren Grüppchen in Diskos oder bei zu lauter Musik in irgendwelchen Wohnungen. Ein großer Vorrat an Hochprozentigem gehörte natürlich dazu. Hat die Gesellschaft uns ja schön vorgelebt. Ich erinnere mich an ein Silvester, wo ich wohl 17 oder 18 war. Eigentlich erinnere ich mich nicht mehr, weiß aber noch, dass ich irgendwann aus irgendeinem Fenster irgendeiner Wohnung im dritten Stock gekotzt habe und ein lautes „Platsch“ vom Bürgersteig nach oben hallte.

Tempora mutantur, …?

Und wie die Zeiten so schnell vergingen, so veränderte man sich natürlich mit ihnen, wurde alt und irgendwie auch spießig. Heute ist mein Reiz an Feuerwerk fast komplett verflogen und man macht es eigentlich nur noch der Tradition wegen – nach dem Sinn zu suchen, warum man durch in China für ein paar Öcken hergestellte Knallkörper bei uns „böse Geister“ vertreibt? Geschenkt. Es ist Tradition und damit fertig. Und aus diesem Traditions-Bewusstsein heraus kauft man halt jedes Jahr wieder diese Dinger. In diesem Jahr habe ich mich in Unkosten gestürzt und bei Aldi für 2,99€ eine einzige Leucht-Batterie gekauft, mit der ich im rheinhessischen Hügelland den Himmel kurz zum Leuchten brachte. Nun ja, „Rhein in Flammen“ war es zwar nicht, aber immerhin habe ich mich brav der Tradition unterworfen und stand nicht als „Silvester-Spalter“ da.

Aber muss man Silvester so verbringen, auch wenn es Tradition ist und es alle so machen? Diese Fröhlichkeit auf Knopfdruck, nur weil ein Jahr dem Ende entgegen gegangen ist – und das auch erst seit der Kalenderreform 1582. Wer sagt, dass das neue Jahr wirklich so toll wird, dass man es lallend und jauchzend empfangen muss? Und wer glaubt wirklich an die bösen Geister, die sich mit Knallkörpern vertreiben lassen? Die rennen höchstens vor den Schnapsfahnen davon.

Nun, man muss nicht alle Bräuche intellektualisieren. Und die paar Euro für Feuerwerk sparen macht die Welt auch nicht problemfreier – auch wenn einige Spaßbremsen uns dies gerne suggerieren wollen. Aber vielleicht sollte man diesen Tag einfach etwas bewusster erleben, sich ein paar Gedanken über das vergangene Jahr machen, den Alltag beiseite schieben und sich nicht darum scheren, was andere so machen. Und wenn man damit fertig ist, kann man immer noch etwas tiefer ins Glas schauen und ein oder zwei Korken knallen lassen.

In diesem Sinne – Frohes Neues Jahr!

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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