Sound of Techno – Metamorphose durch 30 Jahre

„Alle Klänge und Geräusche sind Musik“ – war bereits vor mehr als fünfzig Jahren das Credo des Komponisten Karlheinz Stockhausen, und wurde spätestens in den Siebzigern durch Kraftwerk, den „Beatles der elektronischen Tanzmusik“, salonfähig. Die Idee, Technologie mit Komposition zu verknüpfen, existiert also schon recht lange und brachte in den Achtzigern Stilrichtungen wie Synth-Pop, EBM, Electro und House hervor. Und das, was sich in den frühen Neunzigern unter dem Sammelbegriff Techno durchgesetzt hat, hatte seine Wurzeln in allen genannten Stilarten. Heute, ein Vierteljahrhundert später, gibt es dieses Genre noch immer. Blicken wir zurück und vergleichen, was aus dem Sound von damals geworden ist.

Sound of Techno - Metamorphose durch 30 Jahre

Sound of Techno – Metamorphose durch 30 Jahre

Wer erinnert sich nicht an die Peinlichkeiten der frühen Neunziger, als die Medien „Tekkno“ entdeckten. Der „Raver“ wurde auf die von Wiedervereinigung und Manta-Witzen geplagte Bevölkerung losgelassen. So schockten in den Nachrichten neben Jammer-Ossis und Besser-Wessis auch noch amphetaminisierte Heranwachsende, die mit umgeschnallter Gasmaske und Staubsauger zu monotonem Lärm wild herumhüpften. So wurde es plakativ dargestellt, auch wenn Rave und Techno eigentlich zwei unterschiedliche paar Schuhe waren. Und es dauerte nicht lange, bis Müllfahrerwesten, weiße Handschuhe und Trillerpfeifen in der Szene zu Synonymen des Deppen-Techno wurden. Und als die Bevölkerung 1992 mit dem Dance-Trash-Hit „Das Boot“ von U96 endlich im Bilde war, was es mit diesem ominösen Begriff „Techno“ so auf sich hat, hatte das eigentliche Genre schon gut zehn Jahre auf dem Buckel.

„Techno heißt das akustische Chaos. Mit Musik hat das ganze nicht viel zu tun, eher mit einer Art Rauschzustand." – SWR-Bericht 1992

„Techno heißt das akustische Chaos. Mit Musik hat das ganze nicht viel zu tun, eher mit einer Art Rauschzustand.“ – SWR-Bericht 1992

Detroit – Motor Techno City

Auch wenn viele Techno gern als reinrassig-deutsche Erfindung verkaufen möchten, die Ursprünge sind eigentlich tiefschwarz und liegen im Südosten von Michigan. Der „Sound of Detroit“ zählt nicht ohne Grund zu den frühesten Vertretern des klassischen Techno. Pioniere wie Juan Atkins, Derrick May, Blake Baxter und Eddie Flashin’ Fowlkes erschufen bereits in den jungen Achtzigern einen Sound, der stark von europäischen Synth-Bands wie Kraftwerk geprägt war. Dieser eklektische Mix aus Electro, Synth-Flächen und TB-303 erinnert heute mehr an melancholischen Wave als an die hämmernden, minimalen Strukturen, die man gewöhnlich mit Techno verknüpft. Diese düstere Färbung hatte viele ihrer Ursachen im krisengeplagten Detroit der Achtziger – dem schrottreif an die Wand gefahrenen Motown –, mit hoher Arbeitslosigkeit, Rassendiskriminierung und der damals höchsten Mordrate der Vereinigten Staaten.

Wenige Jahre später waren es bekannte Größen wie Jeff Mills und Mike Banks, die Underground Resistance gründeten. Genau, das waren diese vermummten Schwarzen in Militärklamotten, die man leicht mit Public Enemy verwechselte. Und deren Tracks oft mit politischen Messages unterlegt waren. Mike Banks beschrieb es so: „UR ist aus der Kraft von Public Enemy und aus der Liebe für die deutsche Präzision von Kraftwerk entstanden.“ Und so klangen sie auch. An der legendären „Sonic EP“ von 1990 erkennt man deutlich den Einfluss von Kraftwerk, und auch wohin die Reise des Techno in den darauf folgenden Jahren gehen sollte.

Zwischen 1990 und 1992 war selbst Robert Hood, der „Godfather of Minimal Techno“, Mitglied von UR. Neben Jeff Mills war er es, der mit seinen minimalen und doch komplexen Strukturen den größten Einfluss auf die Entwicklung des späteren Techno-Sounds nahm.

Handvoll Detroit-Tracks, die man gehört haben sollte
  1. Robert Hood – Minus (1994)
  2. Underground Resistance – Predator (1990)
  3. Jeff Mills – Changes of Life (1993)
  4. Eddie Flashin Fowlkes – The Breaks (1992)
  5. Mike Banks – Planet X (1992)
  6. Blake Baxter – Vision Of Truth (1991)
  7. Juan Atkins – Sundog (1991)

Sound of Frankfurt – Hauptstadt des Trance

Was die deutschen Keimzellen betraf, spielten eigentlich nur zwei Städte die Hauptrolle. In Frankfurt am Main ging es mit elektronischer Musik früh los. Andreas Tomalla, besser bekannt als Talla 2XLC, prägte bereits 1982 den Begriff „Techno“, um elektronische Musik im Plattenladen zu kategorisieren. 1984 gründete er dann die Veranstaltung Technoclub, wo neben EBM und New Beat auch House gespielt wurde. Ende der Achtziger entwickelte sich dann ein Techno-Stil, der seine Ursprünge in diesem reichhaltigen Synthesizer-Sound der vorangegangenen Jahre hatte. Sven Väths Electro-Pop-Band OFF hatte 1986 mit „Electrica Salsa“ internationalen Erfolg, und Torsten Fenslau als Mitbegründer der legendären hr3 Clubnight produzierte auf seinem Abfahrt-Label wegbereitende Klassiker wie „Die Schwarze Zone“ (LDC) und „Die Kybernauten“ (Klangwerk).

In den frühen Neunzigern war es dann Planet Core Productions (PCP), das härteren Techno und Acid herausbrachte. Mir fiel eine Frankfurt Trax-Compilation um 1992 in die Hände, mit der man gut die Nachbarn ärgern konnte. Hartes Sound-Geknüppel, aber der typische Frankfurt-Sound entwickelte sich ab 1992 immer mehr in eine ganz andere Richtung. DJ Dag und Jam El Mar hatten mit Dance 2 Trance großen Erfolg, und auch Sven Väth fokussierte sich fortan auf Trance. Labels wie Eye Q, Frankfurt Beat Productions, 23 Frankfurt und Trigger Frankfurt machten die Mainmetropole heimlich zur Hauptstadt des Hardtrance. Einzig Harthouse und das Kultlabel Force Inc. Music Works brachten Tracks heraus, die nicht ganz so melodisch waren und man eher dem Techno zuordnen konnte.

Handvoll FFM-Tracks, die man gehört haben sollte
  1. Omniscience – R.I.A.A. Curve (1992)
  2. Mescalinum United ‎– Into Mekong Center (1989)
  3. Exit 100 ‎– Liquid (1991)
  4. Sven Väth – Vaeth 1 (1991)
  5. Alien Christ ‎– The Art Of Shredding (1992)

Tresor, Bunker und E-Werk – Berliner Brutstätten

Zur wirklichen deutschen Techno-Hauptstadt avancierte sich nach dem Mauerfall Berlin und brachte einen Sound heraus, der perfekt zu den rohen Party-Locations passte, die im Untergrund anfangs noch illegal veranstaltet  wurden. Legendäre Clubs wie Tresor (1991-2005), Bunker (1992-1997) und E-Werk (1993-1997) waren im Gegensatz zu vielen modernen Clubs komplett dekorationslose und düstere Gewölbe. Kein Chichi und keine Cocktail schlürfenden Püppchen an der Bar. Der harte und kompromisslose Sound des Tresor wechselte sich mit Detroit-Techno ab, und viele bekannte Künstler aus Michigan fanden dort eine Plattform. Nicht umsonst heißt die zweite Tresor-Compilation „Berlin Detroit – A Techno Alliance“. Neben dem hauseigenen Tresor-Label prägten Labels wie MFS, Basic Channel, V-Records und Planet Records Berlin den Sound der Stadt.

Handvoll Berlin-Tracks, die man gehört haben sollte
  1. 3 Phase – Der Klang der Familie (1992)
  2. Scion ‎– Emerge 0 (1995)
  3. Tanith – Return And Revenge Of The Gatorade (1992)
  4. Maurizio – Domina (1993)
  5. System 01 – Paralysed Force (1990)
  6. Effective Force – Beyond Judgement (1991)
  7. Cyrus ‎– Enforcement (1993)

Technoproduktion früher – analog und schmutzig

Techno war damals noch kein globales Ding und breitete sich von wenigen Hochburgen in Europa und den USA aus. Und für die Produktion eines Techno-Tracks brauchte man deutlich mehr Equipment und Platz als heute. Ein typisches Analog-Setup bestand aus Sequenzer, Drumcomputer (Roland TR-808 oder TR-909), einem TB-303 Bass-Synth und natürlich Mischpult, Sampler, Effektgeräte, DAT-Recorder und haufenweise Kabel. Die TB-303 wurde dabei schnell zum Kultgerät. Eigentlich schon 1982 von Roland auf den Markt gebracht, entdeckte man später, dass der synthetisierte Bass sich durch Verwendung des Cutoff-Filters (Tiefpass) bei gleichzeitiger Erhöhung der Resonanz sich zum typischen Sound veredeln lässt, der als Acid bekannt wurde.

Mijk van Dijk im Studio, Technocity Berlin (Doku von 1993)

Mijk van Dijk im Studio, „Technocity Berlin“ (Doku von 1993)

Und dieser analoge Charme bestimmte auch den Sound. Techno hatte die gewisse Portion Schmutz, die meist durch analoge Übersteuerung entstand. Die Geschwindigkeit pendelte je nach Subgenre irgendwo zwischen 120 und 150 BPM, und die Härte der Bassdrum variierte zwischen Dampfhammer (Hardcore-Techno) und leisem Anklopfen (Dub-Techno). Doch egal, ob hartes Acid-Geknatter oder auf das Essenzielle reduzierte Minimal Techno – allen Tracks war damals wie heute das repetitive Arrangement gemein. Die Wiederholung einzelner Fragmente, mit leichten Änderungen, was bereits in der Antike unsere Vorfahren in Ekstase versetzt hat.

Durch die facettenreiche Produktions-Technologie mit unzähligen unterschiedlichen analogen Geräten, und wahrscheinlich auch, weil noch vieles noch Neuland war und zum Experimentieren einlud, kann man das damalige Frequenzspektrum von Techno als ziemlich breit bezeichnen. Einige Tracks legten ihren Fokus auf tiefere Frequenzen, andere auf höhere. Dafür waren die Einflüsse aus anderen Stilrichtungen eher überschaubar. Heute scheint es genau umgekehrt.

Die Gegenwart – „Techno, die Dorfnutte“

Nach dieser Geschichtskunde geht es ohne Umwege direkt zur Gegenwart. Techno ist global, mobil und verlangt auch kein analoges Equipment mehr, das ganze Räume füllt. Theoretisch reicht ein Laptop mit entsprechender Software, in wenigen Jahren wahrscheinlich ein Smartphone. Aber nicht nur die Produktionsumgebung hat sich reduziert, auch der Sound wurde beeinflusst und deutlich umgestaltet. Um es delikat auszudrücken: es kommt vor, als hätte sich Techno wie eine Dorfnutte mit allem gepaart, was unsere Musikkultur in den letzten hundert Jahren hervorgebracht hat. Die dabei entstandene Artenvielfalt ist beeindruckend. Verständlich, schließlich wird Techno als globales Phänomen überall auf der Welt produziert, und jeder kann seine persönliche Note, seine eigene Kultur, hinzufügen. Man kann sich daher berechtigt fragen, ob vieles, was heute als Techno in den Stores landet, noch als solches zu bezeichnen ist?

Hingegen der Breite an Stilen und Einflüssen ist Techno akustisch deutlich enger geworden. Die Geschwindigkeit hat sich überwiegend zwischen 126 und 128 BPM eingependelt, und nur gefühlt einer von zehn neu veröffentlichten Tracks bricht da aus. Auch das Frequenzspektrum der inzwischen fast überwiegend digital produzierten Stücke klingt einheitlicher und runder als damals. Die nötige Portion Schmutz vermisst man dafür oft. Was auch negativ auffällt: das generische Raster vieler Produktionen. Irgendwie scheint es Usus zu sein, die Fragmente eines Arrangements stets in 32 Takte einzuteilen. Das macht es dem DJ im Mix zwar leichter, allerdings wirkt dadurch vieles vorhersehbar, unorganisch und gekünstelt.

Auch die schier unendliche Anzahl an Labels ist beachtlich. Kein Wunder, Techno ist schon lange nichts mehr, was von wenigen Leuten an bestimmten Standorten produziert wird. Und wenn man bedenkt, dass für ein digitales Ein-Mann-Label eigentlich nur Rechner, Software und Beatport-Account vonnöten sind, wird vieles verständlich. Als Plattenladen hat man es heute eh nicht leicht. Denn auch wenn Vinyl seit Jahren eine Renaissance erlebt – digitale Veröffentlichungen haben Vorrang.

Beatport – mehr als 500 Techno-Releases pro Tag

Um ein Gefühl für die Dimensionen zu bekommen, die das globale Techno-Phänomen angenommen hat, schaut man sich die täglichen Releases auf Beatport zum Genre Techno an. An einigen Tagen sind es mehr als 700 Stück. Wenn man genauer hinschaut, erkennt man allerdings, dass es sich bei einem Großteil nur um eine Wiederveröffentlichung auf einem anderen Label oder um eine Compilation auf demselben Label handelt. Kurioser Nebeneffekt: ein und derselbe Track ist oftmals für 2,17€ (neue Compilation), 1,56€ (anderes Label, Release vor wenigen Monaten) und für 1,30€ zu erwerben (ursprüngliches Release vor wenigen Jahren). Aber selbst wenn man diese Dopplungen abzieht, bleibt die Anzahl an neuem Material noch immer gigantisch.

Fazit: Techno lebt!

Die gute Nachricht: Techno ist im Vergleich zu anderen elektronischen Musikrichtungen der Neunziger noch immer nicht tot. Und die entstandene Artenvielfalt versorgt heute quasi jeden Geschmack – von Minimal Techno bis hin zu melodischeren Produktionen. Die schlechte Nachricht: die unerschöpfliche Flut an neuem Material macht es vielen schwer. Einmal guten Produzenten, die mit ihren frischen Tracks in der Masse einfach untergehen. Und auch dem bedachten DJ, der sich durch einen Haufen an meist unpassendem Material wühlen muss, um neue Sets zu erstellen. Und letztlich auch dem Konsumenten, der durch die Unmenge an Material oft mit einfallslosen und austauschbaren Sets beglückt wird. Fragt sich nun, wohin die Reise gehen wird? Wird es neue Innovationen geben? Wird der Sound sich weiter umgestalten? Man darf gespannt sein.

In the mix: Paul Presents Twisted Mechanics

Wie üblich darf zum Lesestoff der passende Mix nicht fehlen. Neu ist, dass es diesmal kein Retro-Mix mit alten Detroit- und Berlin-Relikten ist, sondern ausschließlich hochaktuelle Tracks dominieren. Ich war anfangs etwas skeptisch, habe mich dann aber dazu entschlossen, auch mal moderne Produktionen zu würdigen. Einmal, um zu zeigen, dass auch der „Sound of 2016“ gutes Zeug hervorbringt. Und auch, um dem „Früher war ja eh alles besser!“ zu trotzen.

So habe ich keine Kosten und Mühen gescheut und nach langer Beatport-Suche die vielversprechendsten Kandidaten der letzten Wochen erworben. Heraus kam ein digitaler und progressiver Mix, teils hypnotisierend und teils funky, der modernen Techno mit Tech House verknüpft. Natürlich durfte Robert Hood nicht fehlen, der als „Techno-Opa“ noch heute hochwertige Sounds produziert. Na, wenn das nix ist.

Tracklist
  1. Oliver Deuerling – The Anunnaki (Antony Toga Remix) [Treibjagt]
  2. K.A.M.A. – Little Helper 223-6 [Little Helpers]
  3. Yariv Bernstein – Sashay [Boshke Beats]
  4. Robert Hood – Form [Dekmantel]
  5. Harrisburg – Sterberaum [Mutterkorn]
  6. Whitesquare – Nightrain [Etruria Beat]
  7. Bertaluchi – Beschleunigung [Ynot]
  8. Terror Smith – No Terror [Traquency]
  9. Martin Lacroix – Moflex [Prospect]
  10. Marco Giannone – Liane [Music Selection]
  11. Mushroom Cake – Dimensionality [dZb]
  12. Jacob Colon – Tribal Chant [Selektor]
  13. Alec Bruno – Mountain Walk [Speca]
  14. MTd – H2So4 (VSK Remix) [Nachtstrom Schallplatten]
  15. Two Suspects – Glitch (Human Element Remix) [Iboga]
  16. Lluis Ribalta – Outsider [Mazzinga]
Paul Presents Twisted Mechanics 001

Paul Presents Twisted Mechanics 001

Autorenbild

Paul Katz

Paul Katz schreibt über alles, was mit elektronischer Musik von gestern zu tun hat. Die Jugend in den frühen Neunzigern verbracht, kaufte er sich damals zwei Turntables plus Mixer, allerlei Techno- und Trance-Vinyl und experimentierte fleißig herum. Mangels Zeit und Erfolg hing er sein Hobby wenige Jahre später an den Nagel, verkaufte das gesamte Equipment und widmete sich den Beats vorerst nur als Zuhörer. Bis ihn 2013 das Retropie-Fieber packte ...

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Ein Kommentar

  • Lars
    10.05.2016, 16:34 Uhr.

    Wo du schon die zumeist digitalen Kompositionen der Neuzeit erwähnst. Ich bin seit den RMB Tagen ein Fan von Rolf Maier Bode. Er produziert in unregelmäßigen Abständen immer noch analoge elektronische Musik.