Trance – Erinnerung an die Anfänge

Irgendetwas geschah um 1995. Ich kann nicht genau erklären, was es war, aber es änderte sich etwas mit dieser Musik. Und das leider nicht zum Positiven. Wenn man zu der Generation gehört, die die frühen Jahre elektronischer Clubmusik um 1992 mitbekommen hat, dann lässt sich das vielleicht nachvollziehen. Im Grunde gab es drei populäre Stilrichtungen: Techno, House und Trance. Die ganzen Subgenres waren noch in der Keimung und britische Hypes wie Happy Hardcore (Breakbeat) oder Jungle auf dem europäischen Festland noch wenig angekommen.

Abstract Records – Twisted Systems Vol. I (1994)

Abstract Records – Twisted Systems Vol. I (1994) [retropie.de]

Trance in den Anfangsjahren

Und dieses frühe Trance-Ding hatte etwas an sich. Eine enorme Kreativität voller Überraschungsmomente, die sich durch viele Tracks zog. Hypnotisierend, treibend, euphorisch – und das ohne Pillen. Sicher, aus heutiger Sicht war auch viel Trash dabei – Sachen, die man niemandem mehr vorspielen möchte. Dennoch bleiben viele Werke des klassischen Trance zeitlos, und die Liste der Klassiker ist so lang, dass man gar nicht weiß, wo man anfangen soll.

Wie dem auch sei, der Bruch war ab 1995 immer mehr zu spüren. Während sich Techno kontinuierlich weiter entwickelt hat, wurde aus Trance ein monotoner Einheitsbrei mit simpler Struktur. Schon nach wenigen Sekunden vorhersagbar, kommerziell, lieblos und langweilig. Ein wenig 303-Acid, Claps und Flächen hinzu und fertig war das Retorten-Stück.

Das war dann auch die Zeit, wo ich mich von diesem Genre langsam entfernte. Ab 1997 war ich dann ganz raus, fokussierte mich auf frischere Genres wie Trip-Hop, Drum ’n‘ Bass oder Big Beat. Trance war für mich ab diesem Zeitpunkt tot und begraben.

Die alte Garde heute

Heute gut zwanzig Jahre später. Die frühen Musikrichtungen von damals gibt es noch immer. Techno ist sich relativ treu geblieben, wurde etwas salonfähig, hat dafür allerdings ein wenig vom alten Schmutz verloren. House als ältester Vertreter hat sich in seiner reinen Form ebenfalls kaum verändert. Bleibt somit noch der Dritte im Bunde.

Und ja, Trance gibt es heute auch noch. Wobei eigentlich nur der Name gleich geblieben ist. Was heutzutage als Trance bezeichnet wird, sind wuchtige Beats, kitschige Vocals und weichgespülte Synth-Flächen. Sogar noch schlimmer als der Einheitsbrei des ausgehenden jahrtausends. Zuckersüße Kirmesmusik, bei der Zwölfjährige ihre ersten Küsse austauschen und sich der Himmel zum Pitch-Bend-Singsang rosarot färbt. Für die „Generation Clearasil“ bestimmt reizvoll, für meine Generation ein akustisches Brechmittel.

Ja, früher war’s besser!

Da wir das nun geklärt hätten, kommen wir wieder zurück zu den Anfängen. Das, was als Golden Era des Trance bezeichnet wird. Wo noch niemand das Genre mit Adjektiven wie uplifting, melodic oder epic verunstaltet hat. Trance in Reinform.

Passend dazu die Retrogressive Sessions SE2 – diese widmet sich dem klassischen Trance und versucht in gut 75 Minuten, mit einer leichten Prise Psytrance, das Flair von damals wieder zum Leben zu erwecken. Oder anders ausgedrückt: From a Time when Trance was Fine

Microwave Prince – Eternal Light [Le Petit Prince 1995]
Union Jack – Two Full Moons and a Trout [Platipus 1993]
Art of Trance – Cambodia (Clanger Mix) [Platipus 1993]
Der Dritte Raum – Aeolus [Harthouse 1995]
Caunos – Herzsprung [Le Petit Prince 1994]
Speedy J – Fusion Live [Harthouse 1995]
Magoo Project – Lowgo [Important 1995]
Prana – Primal Orbit (Tribal Trance Mix) [Matsuri 1996]
Lazonby – Sacred Circles [Container 1994]
Yum Yum – Hypermania [Hyper Hype 1995]
Jam & Spoon – Right in the Night (Kid Paul Mix) [MFS 1993]
Plastikman – Krakpot [Plus 8 1993]
Afrotrance – Spiritual Energy [Harthouse 1994]
Technossomy – Elektron Bender (Willie Mix) [Platipus 1994]
The Infinity Project – Telepathy [Spirit Zone 1994]
Steve Mason – Shallow Grave (Carl Cox Mix) [Hyper Hype 1995]

Autorenbild

Paul Katz

Paul Katz schreibt über alles, was mit elektronischer Retro-Musik zu tun hat. Die Jugend in den frühen 90ern verbracht, kaufte er sich um 1994 zwei Turntables plus Mixer, allerlei Techno- und Trance-Vinyl, und experimentierte fleißig herum. Mangels Zeit und Erfolg hing er sein Hobby wenige Jahre später an den Nagel, verkaufte das gesamte Equipment und widmete sich dem Beats vorerst nur noch als Zuhörer. Bis ihn 2013 das Retropie-Fieber packte ...

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3 Kommentare

  • eclectronix
    10.10.2014, 8:20 Uhr.

    jaa, das ist ein Mix mit Klassikern. sauberes Teil !

  • dj.elezzo
    10.10.2014, 19:45 Uhr.

    ABSOLUT! Kann dem nur zustimmen, das war noch Mucke 😛

  • Lars
    16.04.2016, 11:38 Uhr.

    Als Kind der 90iger mit ausreichend grosser Acid Techno/Trance Vinyl Sammlung kann ich dir mit dem ersten Satz nur Recht geben. Etwas hatte sich geändert und man kann das an meiner Vinyl Sammlung sehen. 75% meiner Platten sind von 93+94, der Rest ist 92,95-02. Ich kann dir in dem Zusammenhang das Buch von Marcel Feiges „Deep into Techno“ empfehlen. Er zeigt, dass ab 94/95 kommerzielle Interessen die deutsche Szene trieben.