Weihnachtsmärkte – Vorglühen zwischen Erinnerung, Punsch und Kitsch

Was wäre die Adventszeit ohne Weihnachtsmarkt? Zählt man nicht gerade zu den Weihnachtshassern, würde einem sicherlich etwas fehlen. Weihnachtsmärkte gehören einfach dazu, gar nicht mehr wegzudenken. Aber warum eigentlich? Glühwein, Currywurst und überteuerten Nippes findet man woanders auch. Was aber zieht die Massen jedes Jahr wieder in ein überfülltes Gewirr aus Holzbuden, Lichtern und angetrunkenen Stimmen?

Weihnachtsmarkt

Weihnachtsmarkt

Vielleicht die Erinnerung an eine heile Welt …? Genau wie Weihnachten gaukeln Weihnachtsmärkte vielen Erwachsenen ein Stück verlorenes Paradies vor. Längst vergangene Zeiten, wo kindliche Unbefangenheit noch nicht mit Alltag, Sorge und Stress substituiert wurde. Eine unbeschwerte Zeit voller Vorfreude, die am 24. Dezember stets ihren Höhepunkt fand – bis man aus dem Alter raus musste und die Erinnerung blieb.

Weihnachtszeit altmodisch?

Ja, dieses Weihnachten ist und bleibt im Abendland die heilige Zeit des Jahres, egal ob man gläubiger Christ ist oder nicht. Das war natürlich auch in meiner Kindheit so. Christliche Themen spielten aber nie eine große Rolle. Die Geschichte des Weihnachtsfests habe ich zu Schulzeiten zwar vernommen – da war wohl was mit Jesus –, in den Bann gezogen haben mich andere Dinge. Nicht nur der obligatorische Wunschzettel, Vorfreude und die erhofften Geschenke. Auch viele andere Phänomene, die diese Zeit ab November gekennzeichnet haben. Kälte, Schnee und frühe Dunkelheit. Dazu als Kontrast die Innenstädte mit den grellen Lichtern, Wärmequellen und abenteuerlichen Gerüchen. Und natürlich der Weihnachtsmarkt mit der großen Weihnachtskrippe. Auch wenn ich keine Ahnung hatte, wen oder was diese Figuren eigentlich darstellen sollten.

Weihnachtsmarkt Mainz 2014

Weihnachtsmarkt Mainz 2014

Schaut man sich die Weihnachtszeit im Geiste unserer Dichter und Denker an, lässt sich dieser Abschnitt gut als Zeit der stillen Einkehr beschreiben. Viele unserer bekannten Schreiber, von Eichendorff, Rilke bis hin zu Hesse, porträtierten in Ihren Werken die Weihnachtszeit gern als Phase der Kontemplation und Rückschau.

In Weihnachtszeiten reis‘ ich gern
Und bin dem Kinderjubel fern
Und geh‘ in Wald und Schnee allein.
Und manchmal, doch nicht jedes Jahr,
Trifft meine gute Stunde ein,
Dass ich von allem, was da war,
Auf einen Augenblick gesunde
Und irgendwo im Wald für eine Stunde
Der Kindheit Duft erfühle tief im Sinn
Und wieder Knabe bin …

Hermann Hesse

Eine Zeit, wo man über das zurückliegende Jahr nachdenkt, die üblichen Verstrickungen und Zerstreuungen kurzzeitig ablegt und Kraft für das kommende Jahr sammelt. Eine Zeit, wo man sich auch den Mitmenschen wieder vermehrt widmet, nicht nur das eigene Wohl verfolgt. Analog dazu die christliche Besinnlichkeit. Weihnachten als Fest der Liebe mit Momenten der Stille, Andacht und Vergebung.

Weihnachtsmarkt Wiesbaden 2014

Weihnachtsmarkt Wiesbaden 2014

Weihnachtszeit modern?

Seltsam nur, dass sich dieses Weltbild mit unserer Adventszeit und den Weihnachtsmärkten heute irgendwie gar nicht mehr verträgt. Weihnachten wurde schon vor Jahrzehnten zum profanen Wirtschaftsfaktor. Je teurer das Geschenk, umso weniger plagt das schlechte Gewissen. Im Einzelhandel suggerieren Lautsprecher bereits im Oktober, möglichst früh an die Geschenke für „die Lieben“ zu denken. Der moderne Weihnachtsmann ist ein Schlipsträger … Im Dezember kommt es zu Stoßzeiten dann knüppeldick. Kaufwütige Zombies durchstreifen die Innenstädte, um nach dem Kaufrausch auf dem Weihnachtsmarkt eine bizarre Art des Ausgleichs zu finden. Mit vollen Einkaufstüten kämpft sich die Horde durch den dritten Kreis der Hölle, es wird gerempelt, geflucht und gefressen. Mit dem Schnapspegel steigt rasch die Lautstärke, und schief gegrunzte Weihnachtslieder setzen der pervertierten Besinnlichkeit endgültig die Krone auf.

Weihnachtsmarkt Bremen 2014

Weihnachtsmarkt Bremen 2014

Von der einstigen Magie oder dem ursprünglichen Weihnachtsgedanken scheint dann nicht mehr viel übrig geblieben. Glücklicherweise existiert neben diesem verzerrten Bild auch noch ein anderes. Zu Randzeiten ist man auf dem Weihnachtsmarkt deutlich besser aufgehoben. Dann ist es erkennbar ruhiger und weniger überfüllt. Und die Gefahr, dass sich der Geruch von gerösteten Mandeln mit dem süßlichen Gestank von Glühwein-Kotze vermengt, entsprechend geringer. Wenn dann auch noch das Wetter halbwegs mitspielt und man innerlich nicht mit anderen Dingen zerstreut ist, entdeckt man mit etwas Glück auch wieder die Momente von damals. Und es gehört eigentlich so wenig dazu. Man muss sich dem Moment nur hingeben und sich fallen lassen.

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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