Synth-Pop der Achtziger – Heimkehr in ein musikalisch affentittengeiles Jahrzehnt

Wenn man in diesen Zeiten versehentlich in das hineintritt, was als populäre Musik hier und dort vor sich hindudelt, fragt man sich schon, auf welchem Planeten man gerade gelandet ist. Ist das der musikalische Fortschritt, der in den letzten vierzig Jahren reifen sollte? Falls ja, ging etwas mächtig schief. Andererseits, die Charts sind ja schon lange nicht mehr der Maßstab für musikalische Originalität und Innovation. Eher ein Spiegelbild eines befremdlichen Zeitgeistes. Wie sonst ließe sich diese aufgedunsene Plastikmusik mit Deprifärbung erklären? … War das damals denn so viel anders? Ja, war es. Sicher, alberne Musik spielte auch das Radio der Achtziger zuhauf, da machen wir uns nichts vor. Nur verbargen sich damals unter dem Sammelbegriff Popmusik nicht nur leblose Wegwerfprodukte, sondern auch Originalität, Innovation und vor allem Coolness. Und es war Musik, die oft auch die nötige Portion Schmutz mitbrachte und den Hörer nicht mit Samthandschuhen in eine sedierte Ersatzwelt schickte. Und in diese Zeit geht es nun zurück. In ein spannendes Jahrzehnt voller Subkultur. Als die Musikwelt nicht nur von Synthesizern einmal komplett umgekrempelt wurde.

Synth-Pop Musiker und Produzenten der Achtziger: Trevor Horn, Laura Branigan, Mark Hollis, Sandra und Paul Hardcastle.

Synth-Pop Musiker und Produzenten der Achtziger: Trevor Horn, Laura Branigan, Mark Hollis, Sandra und Paul Hardcastle.

Pop ist vermutlich das musikalische Genre, zu dem man entweder keine oder eine irgendwie umherfliegende Definition parat hat. War bei mir nicht anders. Man kann es sich einfach machen und Pop als anspruchslose Unterhaltungs­musik abhaken, die im Radio für kritiklose Zeitgenossen heruntergeleiert wird. So wie man Rock auch als gitarrenbegleitetes Gegröle von zotteligen Herumtreibern definieren könnte. Aber damit würde man sich nur als Kulturbanausen preisgeben – sind „populäre Musik“ und „Popmusik“ nicht zwingend bedeutungsgleich. Waren gewissermaßen bereits Minnesang und auch die Operetten des „Walzerkönigs“ Johann Strauss populäre Musik, so steht dieser Begriff heute mehr für ein Ensemble verschiedenartiger Genres, die von der Musik­industrie für ein maximal großes Publikum fabriziert werden. Und fabrizieren kann man wörtlich nehmen. Also das, was Böhmermann mal als „seelenlose Kommerzkacke“ bezeichnet hat. Popmusik hingegen hat die Wurzeln im afroamerikanischen Rhythm ’n‘ Blues der Fünfziger und war ursprünglich durch und durch rebellisch.

Pop war Rebellion – Rock ’n’ Roll als Meilenstein moderner Popkultur

Aus Rhythm ’n‘ Blues entstand etwas, das es im sozial aufgespaltenen Amerika der Fünfziger eigentlich nicht hätte geben dürfen: Schwarze Musik, die von weißen Musikern wie Jerry Lee Lewis oder Elvis Presleys für ein weißes Publikum gespielt wurde. Kurzum: Rock ’n‘ Roll („Wiegen und Wälzen“) – eigentlich ein Slang für den Beischlaf. Zeitgleich schafften schwarze Bands wie „The Chords“ und „The Orioles“ mit ihren Hits den Sprung in die Charts der Weißen. Ja, die gab es tatsächlich. Was aber nicht wirklich überrascht, waren zu jener Zeit auch Parkbänke und Toiletten strikt nach Rasse getrennt. Gesellschaftliche Verände­rung lag in der Luft. In einer Zeit, wo schon eine abweichende Haarlänge als provokant galt. Und Rock ’n‘ Roll als waschechte gesellschaftliche Bedrohung wahrgenommen wurde. Hier entstand zum ersten Mal unter Heranwachsenden das Phänomen jugendlicher Subkultur. Wo junge Amerikaner nicht länger bereit waren, die angestaubten politischen und gesellschaftlichen Ansichten der Eltern mit zu übernehmen. Ihren eigenen Sound hatten und natürlich auch Spaß haben wollten.

Was in den Fünfzigern noch beschaulich begann, wurde in den Sechzigern immer mehr zur offenen interkontinentalen Protestbewegung. Auch hier in Deutschland. Waren die Großeltern von der aus England übergeschwappten „Hottentottenmusik“ der „Beatles“ schon nicht gerade angetan, so war das nur eine kleine Kostprobe auf das, was später Bands wie die „Rolling Stones“ auf das Establishment loslassen sollten. Wenn da ein Fernseher durch die Fensterscheibe eines Hotelzimmers flog, war das neben den ganzen Sex- und Drogenexzessen noch eine der harmloseren Aktionen, die sich Mick Jagger und Keith Richards geleistet haben. Der nicht mehr swingende 4⁄4-Takt machte Beatmusik zum Soundtrack der Sechziger. Und kam bei langhaarigen Jugendlichen natürlich bestens an. Beim Rest galt das alles als anrüchig. Nicht nur, weil die Musiker nun in Straßenkleidung auftraten und keine Anzüge mehr trugen. Es war Revolutionszeit, und unruhige Jahre mit Studentenrevolten, Kommunen und „umherschweifenden Haschrebellen“ sollten folgen. So wurde Grenzüberschreitung nach Abgrenzung in den Fünfzigern zum wichtigsten Merkmal der Popkultur – also der Kultur, die einen im Alltag überall begegnet.

Galt Deutschland bis in die späten Sechziger als popkulturelles Entwicklungsland, das Neues lieber importierte oder nachahmte, so entstand in den Siebzigern mit dem gewöhnungsbedürftig klingenden Genre Krautrock auch hierzulande etwas eigenständige Popkultur. Bands wie „Kraftwerk“, „Can“, „Amon Düül“ und „Neu!“ formierten Rockmusik in eine betont künstlerische Richtung mit expressionistischen Ansätzen. Die erstmalig auch elektronische Klangerzeugung beinhaltete. Da dieser Sound auch in Großbritannien gut ankam, griff die britische Presse den erstmals 1971 in einer Werbeanzeige verwendeten Begriff „Kraut Rock“ auf und ein neues Genre war entstanden. Neben einigen Flashbacks psychedelischer Soundelemente der späten Sechziger und viel Experimentellem war auch das repetitive Arrangement ein wichtiger Bestandteil, so dass man durch die hypnotische Wiederholung einzelner Fragmente Krautrock legitim als Vorläufer späterer elektronischer Musikstile bezeichnen kann. Und man Krautrocks Handschrift insbesondere im „Big Beat“ der späten Neunziger noch heute findet.

In zehn Jahren wird jeder einen Synthesizer spielen.

Edgar Froese (Tangerine Dream), 1973

Unsere Popkultur der Siebziger wurde natürlich nicht durch die künstlerische Avantgarde und experimentellen Klangwelten bestimmt. Auch wenn Krautrock einen großen Einfluss auf kommende musikalische Genres hinterließ, so war es dennoch ein Nischenphänomen, das an vielen „Krauts“ unbemerkt vorbeigegangen ist. Weitaus populärer war der Schlager – leicht verdauliche Hits in deutscher Sprache, die möglichst viele Hörer ansprechen sollten. Hätten ABBA auf Deutsch gesungen, wären sie in der Hitparade wohl auch als Schlager angepriesen worden. Gleichzeitig entstand in England und New York mit Punk ein ungeschliffenes Gegengewicht zum Intellektuellen, der seichten Unterhaltungsmusik des Bürgertums und der Tatsache, dass Rock in den späten Siebzigern jegliche Rebellion verloren hatte. Der prototypische Punk war „Rock ’n’ Roll ohne Bullshit“ – die Ablehnung bürgerlicher Normen durch drei einfache Akkordfolgen. Ende der Siebziger war die Ideologie des Punk weiterhin lebendig, nur die Ausdrucksweise änderte sich langsam. Synthesizer kamen vermehrt zum Einsatz und Bands wie „The Cure“ oder „Tubeway Army“ erweiterten Punk zur New-Wave-Bewegung. Und Punkrocker Gary Numan setzte 1979 mit „Cars“ ein Synthesizergewitter in die Charts, das ein ordentlicher Vorgeschmack auf das war, was nun kommen sollte.

Drei Meilenstein-Bands der Popgeschichte. Links „The Chords“ (1954-1961), die mit ihrem Charterfolg „Sh-Boom“ schwarze Musik einem weißen Publiukum näherbrachten. Daneben die „Rolling Stones“ (seit 1962 aktiv), die nicht nur durch Skandale Rockgeschichte geschrieben haben. Rechts „Jefferson Airplane“ (1965-1973) mit Sängerin Grace Slick, die mit Psychedelic Rock die Kultur der Hippiebewegung musikalisch ausdrückten.

Die Achtziger – Synth-Pop in einem von Ambivalenz geprägten Jahrzehnt

Und dann kamen die knalligen Achtziger. Die in einigen Medien am liebsten auf „Neue Deutsche Welle“, Vokuhila und Neonfarben reduziert werden. Und durchaus vielschichtiger waren, als man voreilig vermuten würde. Heute, wo sich von außen betrachtet kultureller Stumpfsinn und sozialer Verfall die Klinke in die Hand geben, brennen sich die Achtziger gern als letzte Epoche einer heilen Welt in die Erinnerung ein. Einer Welt ohne Totalvernetzung und digitaler Dauerberieselung. Wo die Entfremdung des Lebens durch Alltags­technologie noch relativ am Anfang stand. Und wo mal wieder gesellschaftliche Veränderung in der Luft lag. Dabei ging es politisch nach den verpufften 68ern global erstmal strikt in eine neoliberale Richtung. Und so heil wie rückblickend schöngemalt waren die Achtziger auch nicht gerade, in hohem Maß sogar von gesellschaftlicher Angst geprägt. Angst vor Aufrüstung, dem Ozonloch, Aids, Waldsterben, hoher Arbeitslosigkeit, Wackersdorf. Und dank Tschernobyl (und einem Misstrauensvotum hierzulande) auch vor verstrahltem Kohl.

All das prägte die Achtziger wie kaum ein anderes Jahrzehnt mit Ambivalenz. Auf der einen Seite ein enormes Individualisierungs- und Fortschrittsbedürfnis, ein neues Modebewusstsein und gestiegenes Interesse an extravagantem Konsum. Gleichzeitig war Altbackenes noch überaus gefragt. Man stelle sich vor, dass 1983 noch 40% der jungen Erstwähler CDU gewählt haben (heute sind es knapp 10%). Und ein Heile-Welt-Phantasma wie die „Schwarzwaldklinik“ lockte bis zu 28 Millionen Zuschauer vor den Fernseher. All das vermischte sich mit der beständigen Angst, irgendein Wahnsinniger in Ost oder West könnte jederzeit den roten Knopf drücken und alles pulverisieren. Gegensätze durchzogen die Gesellschaft, insbesondere bei der Jugendkultur, die damals vielfältiger kaum sein konnte. Konformistisch geprägte Subkulturen wie Teds und Popper standen anarchistischen Punks und rebellischen Ökos gegenüber. Dann waren da noch Skins und Mods, weiß geschminkte Dark-Waver in schwarzen Pikes (mit Sarg-Schnallen) und Kiffer im mit Edding bekritzelten Bundeswehr Parka – alle mit eigenem Kulturpaket aus Ideologie, Mode und Musik.

Vielleicht war es dieses seltsame Sammelbecken aus Ängsten und Euphorien, reaktionären und progressiven Begierden, das innerhalb einer gegensätzlichen Gesellschafts­struktur in Westeuropa und den USA diesen unverwechsel­baren Sound formte, der das Jahrzehnt nun begleiten sollte. So hatte sich Pop vom intellektuellen Anspruch der Siebziger entfernt, wurde leicht verständlich, ein wenig romantisch und vollauf elektronisch. Synthesizer waren inzwischen für fast jedermann erschwinglich und Synth-Pop wurde zum Hype. Immer mehr Bands begannen damit, die neue Klangerzeugung zu integrieren, ohne dabei aber komplett auf traditionelle Instrumente zu verzichten. Stilprägend wurden Geräte wie die Roland „Jupiter“-Serie, der „Minimoog“, der „Prophet-5“ und der Yamaha „DX7“. Dazu kamen Drum­computer, die damals noch alles andere als natürlich klangen. Und nicht zu vergessen der prägnante und knackige Synth-Bass, der durch Geräte wie dem „Juno-60“ von Roland erzeugt werden konnte.

Der Roland Jupiter-4 (1978-1981). Das erste Modell kostete damals um die 4.000 Mark und hatte seinen eigenen und eigenwilligen Klang. Was auch daran lag, dass die Kiste stets verstimmt war und die Noten immer anders klangen, wenn man sie mehrmals hintereinander spielte. Er war beliebt bei Musikern und Bands wie Tears For Fears, Yaz, Duran Duran, Human League, Gary Numan und Front 242.

Pioniere des Synth-Pop – viele Facetten ein und desselben Phänomens

Wenngleich sich Pop der Achtziger kulturell ganz gut einsortieren lässt, so wird es musikalisch schon schwieriger. Den prototypischen Pop-Sound gab es ja nie. Und damit auch keinen Künstler, der alle Pop-Facetten abgedeckt hätte. Auch wenn Liz Taylor für Michael Jackson das Label „King of Pop“ prägte, so war sein früher Sound doch immer sehr nah an Soul, Disco und Funk dran. Andere Pop-Künstler wie z. B. „The Fixx“ oder „Talk Talk“ gingen andere Wege und ließen sich von Rock und New Wave inspirieren. Bands wie „The Human League“ und „Yazoo“ setzten dagegen voll auf elektronische Drums, Leads und Bässe. Und wiederum andere wie die „Buggles“ konnte man in keine Schublade so richtig stecken, fanden sich unter ihren Werken auch komplexe Kompositionen, die man bei Popmusik nie vermutet hätte. So könnte man beim Synth-Pop der Achtziger annähernd unendlich viele Künstler mit ihren Geschichten, Einflüssen und Talenten herausheben.

Angefangen bei der Ausnameband Talk Talk, die nie wirklich Bock auf Mainstream hatte und die Charts im Grunde tief verachtet hat. Und dennoch mit dem 1986 erschienen Album „The Colour Of Spring“ extrem erfolgreich war. Davor musste die Band allerdings durch etliche kommerzielle Flops durch. Im Gegensatz zu vielen anderen Synth-Pop-Bands, die leicht verdauliche Texte mit einfachen Akkorden angereichert haben, setzte Songschreiber und Sänger Mark Hollis (1955-2019) auf intellektuell fordernde Themen, die neben Synthesizer-Klängen auch mit traditionellen Instrumenten wie akustischen Gitarren, Orgeln, Trompeten und Piano-Akkorden untermauert wurden. Hollis ließ sich vom Erfolg des Albums nicht blenden und zog weiterhin sein Ding durch, pflegte mit seinen Segelohren und dem eigenwilligen Kleidungsstil auch nicht wirklich sein öffentliches Image. Und wenn bei einem Konzert Stofftiere und BHs auf die Bühne flogen, war ihm das wahrscheinlich auch ziemlich egal. So zog er 1987 in eine verlassene Kirche in Suffolk, um am nächsten Album „Spirit Of Eden“ zu arbeiten – das als Gesamtkunstwerk mit vielen Jazz-Elementen noch heute hoch geschätzt wird. Aber damals natürlich ein Tritt in den Arsch seines kommerzorientierten Plattenlabels war.

Den Vogel hat Schlagzeuger und Schauspieler George Kranz im Jahr 1983 abgeschossen, gelang ihn mit seinem experimentellen „Din Daa Daa (Trommeltanz)“ der Sprung auf Platz Eins der US-Dance-Charts. Das von Christoph Franke (Tangerine  Dream) produzierte Stück besteht im Prinzip aus mehreren „Din Daa Daa“- und „Dum Didu Dum“-Sprachfetzen, die George Kranz „vorsingt“ und anschließend mit dem Schlagzeug nachspielt. Dazu ein paar Synth-Leads, knackige Snares und fertig war der geilste Scheiß, der 1984 auf den Straßen von New York zusammen mit Electro gerockt hat. Und es sogar als Soundtrack in den Breakdance-Film „Breakin‘ 2: Electric Boogaloo“ (1984) schaffte. Viele Amis waren sich damals sicher, so ein ausgeflippter und rhythmisch ansprechender Track konnte nur von einem Schwarzen produziert sein. Aber sicherlich nicht von einem blassen „Kraut“ mit Strubbelfrisur.

Der nächste Weiße, der sich mit tiefschwarzen Kompositionen einen Namen machte, ist der Brite Paul Hardcastle – vielen wahrscheinlich noch durch die 1985 erfolgreiche Single „19“ (die mit den Vietnamkrieg-Samples) im Gedächtnis hängengeblieben. Ab den späten Achtzigern widmete er sich fast vollständig dem Synth-Jazz. Angefangen hat er allerdings um 1984 mit einer beispiellosen Mischung aus Electro, Synth-Pop und Future-Jazz, die gleichzeitig tanzbar, komplex und noch heute ziemlich funky ist. Um 1984 hat er in London sein eigenes Plattenlabel „Total Control Records“ gegründet, auf dem er auch seinen ersten musikalischen Volltreffer „Guilty“ veröffentlicht hat. Sucht man zeitlose Musik, die den Sound um 1985 trifft, so ist man mit seinen beiden Studioalben „Rainforest“ und „Paul Hardcastle“ bestens beraten. Von Paul Hardcastle stammt übrigens auch der brachiale Monster-Remix des Funkhits „D-Train – You’re The One For Me“. Als „Labour of Love Mix“ – natürlich in britischer Schreibweise – 1985 veröffentlicht.

Ein weiterer nennenswerter Wegbereiter ist Trevor Horn. Vielen bekannt durch die Band „Buggles“, die 1979 den leicht nervigen Hit „Video Killed The Radio Star“ raushaute, der 1981 dann auch als allererstes Musikvideo auf MTV lief. Trevor Horn ist neben Geoff Downes der mit der markanten Hornbrille, wobei die Brille natürlich nicht nach ihm benannt ist. So hat es schon eine gewisse Komik, dass die beiden ausgerechnet mit einem eher mäßigen Gassenhauer weltweit bekannt wurden – aber die wirklich zeitlosen Stücke ihrer Alben „The Age Of Plastic“ (1979) und „Adventures In Modern Recording“ (1981) kaum jemand kennt. Nach den Buggles tat er das, was einem Genie schon immer am besten stand. Nämlich sich in den Hintergrund zu verdrücken und von dort aus zu agieren. So hat er in den folgenden Jahren nicht nur für ABC – „The Lexicon Of Love“ (1982) – und Yes – „Owner Of A Lonely Heart“ (1983) – produziert, sondern auch das Album „Slave To The Rhythm“ (1985) von Grace Jones. Und noch vieles mehr für weitere Künstler, die mit ihren Werken alle aus der Masse irgendwie herausgestochen sind.

Pioniere, die dem Phänomen Synth-Pop der Achtziger ihre ganz eigene Note aufgedrückt haben. Links Talk Talk (Paul Webb, Simon Brenner, Lee Harris, Mark Hollis.), daneben George Kranz, Paul Hardcastle und rechts Trevor Horn und Geoff Downes (Buggles).

Fazit – Das musikalische Erbe der ambivalenten Achtziger

Tja, die Achtziger sind nun lange aus und vorbei. Und auch wenn man nostalgisch einen ganzen Sack an Dingen vermisst, so will man auch gewisse Sachen von damals nicht wirklich zurückhaben. Wenn ich mir vorstelle, im Restaurant bläst mir heute noch der erste Dussel am Nebentisch seinen Tabakdunst herüber, oder ich stehe schon am Samstagmittag wie im Taka-Tuka-Land vor verschlossener Ladentür, dann ist mir die Gegenwart ganz recht. Musikalisch scheint im Massengeschmack im Vergleich zu damals allerdings etwas Essenzielles verlorengegangen zu sein. Und momentan schaut es nicht danach aus, als wenn sich irgendwann mal wieder Innovation und Coolness mit in die Charts verirren. Aber wer weiß schon, welch „populäre Musik“ einen in zwanzig Jahren quält? Will ich mir besser nicht vorstellen. Oder wie eine meiner vielen Ex-Freundinnen stets sagte: »Es geht immer schlimmer!« Auch wenn sie damit vorwiegend mich meinte.

So habe ich die Achtziger glücklicherweise in Farbe und voller Länge miterlebt. Aber einen Großteil der damals veröffentlichten Musik erst viel später richtig schätzen gelernt. Pop war für mich lange Zeit eben auch jene „Kommerzkacke“, um die man besser einen weiten Bogen macht. Und das, obwohl ich mit Popmusik aufgewachsen war, selber Platten von Michael Jackson, Jan Hammer und Depeche Mode besaß. Der Schatten der albernen Seite des Pop vernebelte vermutlich noch lange meine Sicht auf die anderen musikalischen Schöpfungen, die dieses außergewöhnliche Jahrzehnt ebenfalls hervorgebracht hatte. Ein Jahrzehnt, das mit „ein bisschen Frieden“ tränenreich begann und mit dem Mauerfall euphorisch endete – der dann ausgerechnet von David Hasselhoff musikalisch begleitet werden musste. Ähnlich, als wenn man Modern Talking in die USA abgeschoben hätte, um dort die Challenger-Katastrophe mit „Don’t Worry“ zu betrauern. 

Pop-Platten, die alle auf ihre Art die Achtziger geprägt haben, von mir aufwändig remastert wurden und es in den diesjährigen Special-Mix geschafft haben: M.A.R.R.S. - Pump Up The Volume, O.K. – Okay!, Front 242 - Sample D., Yaz - Situation, Sandra - Maria Magdalena, Danny Elfman - Gratitude, Talk Talk - Give It Up, Hall & Oates - Adult Education, Buggles - On TV, Ray Parker - Ghostbusters, Ofra Haza - Im Nin'Alu, Animotion - Obsession, Laura Branigan - Self Control und Murray Head - One Night In Bangkok.

In the Mix – „Paul Presents Remember Pop“

Der zugehörige Mix geht diesmal in eine etwas andere Richtung, ist um einiges länger und würdigt mein wiederentdecktes Pop-Spektrum zwischen 1981 und 1988. So findet sich dort einmal mein für diesen Mix produzierter Remix zum „Tears For Fears“-Klassiker „Head Over Heels“ wieder, der Teil meiner kommenden „Anachronistic E.P.“ ist. Aber natürlich auch viele Synth-Pop-Klänge sowie Einflüsse von EBM, New Beat, Electro, Industrial, Funk und Rock – eben alles, was damals unter dem Oberbegriff „Pop“ ein musikalisch affentittengeiles Jahrzehnt geprägt hat. Wo die Übergänge zwischen Mainstream und Underground noch fließend und die Differenzierung ziemlich nebensächlich war. Und nun genug der langen Vorrede, es geht satte 94 Minuten „in the mix“!

  1. Talk Talk – Give It Up [Parlophone 1986]
  2. Hall & Oates – Adult Education [RCA 1983]
  3. Ofra Haza – Im Nin’Alu (Played In Full Mix) [Globe Style 1988]
  4. Tears For Fears – Head Over Heels (P.K. Struck-In-Time Mix) [Self Release 2021]
  5. Front 242 – Sample D. [Mask Music 1983]
  6. Michael Jackson – Speed Demon [Epic 1987]
  7. Alphaville – The Nelson Highrise (Sector One: The Elevator) [WEA 1984]
  8. Newcleus – Automan [Sunnyview 1984]
  9. Duran Duran – Notorious [EMI 1986]
  10. Sandra – Maria Magdalena [Virgin 1985]
  11. Laura Branigan – Self Control [Atlantic 1984]
  12. Peter Godwin – Emotional Disguise [Polydor 1982]
  13. Buggles – On TV [Carrere 1981]
  14. Murray Head – One Night In Bangkok [RCA 1984]
  15. Art of Noise – Close (To The Edit) [ZTT 1984]
  16. Telex – The Voice [WEA 1984]
  17. Danny Elfman – Gratitude [MCA 1984]
  18. Ray Parker – Ghostbusters [Arista 1984]
  19. M.A.R.R.S. – Pump Up The Volume (UK Mix) [4AD 1987]
  20. Paul Hardcastle – Guilty [Chrysalis 1985]
  21. Animotion – Obsession [Mercury 1984]
  22. Information Society – What’s On Your Mind (Pure Energy) [Tommy Boy 1988]
  23. O.K. – Okay! (Instrumental Version) [Westside Music 1987]
  24. Off – Electrica Salsa (Salsa Inferno) [ZYX 1987]
  25. Yaz – Situation [Sire 1982]
  26. ABC – Fear of the World (Julian Mendelsohn Mix) [Mercury 1985]
  27. D-Train – You’re The One For Me (Labour Of Love Mix) [Prelude 1985]
  28. George Kranz – Din Daa Da (Trommeltanz) [4th & Broadway 1983]
  29. Yes – Owner of a Lonely Heart [ATCO 1983]

Autorenbild

Autor: Paul Katz

Paul Katz schreibt über alles, was mit elektronischer Musik von gestern zu tun hat. Die Jugend in den frühen Neunzigern verbracht, kaufte er sich zwei Turntables plus Mixer, allerlei Techno- und Trance-Vinyl und experimentierte fleißig herum. Mangels Zeit und vor allem Erfolg hing er sein Hobby wenige Jahre später an den Nagel, verkaufte das gesamte Equipment und widmete sich den Beats vorerst nur noch als Zuhörer. Bis ihn 2013 das Retro-Fieber packte und er heute wieder aktiv mixt und produziert.

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