Bremer Freimarkt – Impressionen zwischen Retro und Moderne

Bremen hat mehr zu bieten als man denkt. Neben Stadtmusikanten, Dom und Schnoor gibt es ja noch die „Fünfte Jahreszeit“. Zwei Wochen Freimarkt im Oktober, seit fast 1000 Jahren. Ischa Freimaak! Anfangs um den Dom herum und seit gut 80 Jahren auf der Bremer Bürgerweide. In diesem Jahr ist es zum neunhundertneunundsiebzigsten Mal soweit. Auch wenn der Name kostenlosen Spaß suggeriert, ist natürlich nur der Eintritt zum Festplatz frei. Dieser hat seinen Ursprung im Mittelalter, als Kaufleute ihre Waren zum „Freimarkt“ mal ohne Einmischung der Zünfte feilbieten durften. Zu jener Zeit war er noch ein reiner Warenmarkt, erst viel später wurde er zum Volksfest. Im Laufe der letzten hundertfünfzig Jahre wurden dann Gaukler, Quacksalber und Spielleute immer mehr durch Wurstbuden und Karusselle ersetzt.

Bremer Freimarkt

Bremer Freimarkt

Retro-Freimarkt in den 80ern

Ich erinnere mich noch gut an den Freimarkt in den Achtzigern. Neu war die „Geisterschlucht“. Eine große Geisterbahn mit sprechendem XXL-Affen davor. Die blutigen Folterbänke und abgehackten Gummiköpfe mussten laut Anordnung später mit Tüchern abgedeckt werden. Waren den Jugendschützern zu grausam. Noch einen Tick größer die „Fantastische Reise“ – eine geruhsame Fahrt an hängenden Gondeln durch eine Abenteuerwelt. Und Schaustellerfamilie Bruch brachte zwei Großachterbahnen nach Bremen: die „Himalaya-Bahn“ und den „Thriller“. Einmal mit und einmal ohne Loopings. Mir persönlich gefiel mehr die rote und laut ratternde Uralt-Achterbahn mit dem simplen Namen „Die Acht“.

Ich habe den Freimarkt wesentlich größer in Erinnerung. Damals war auch die Bürgerweide noch nicht so vollgepflastert. Dafür stand eine unansehnliche Eislaufhalle mitten drauf – eine der vielen Investitionsruinen im kleinsten Bundesland. Die ist zwar inzwischen abgerissen, dafür sind in Richtung Bürgerpark die Randzonen mit großen Messehallen und Kongresszentren bebaut.

Kleiner Freimarkt am Marktplatz

Kleiner Freimarkt am Marktplatz

Drei Phasen Jahrmarkt im Leben

Als Kind war der Jahrmarkt das Ereignis schlechthin. Schon Wochen vorher war ich gespannt, welche neuen Attraktionen diesmal mit dabei sind. Heute hat das Interesse nachgelassen. Auch sehe ich wenig  Sinn mehr darin, für fünf Euro zwei Minuten durch die Luft gewirbelt zu werden. Es sind meist die Erinnerungen, die zu einem Besuch verleiten.

Ich denke, es gibt in der Regel drei Phasen für den Jahrmarkt. Die Kindheit ist die erste Phase. Man ist heiß auf Achterbahn, Kettenkarussell und Zuckerwatte. Die Sensorik spielt die Hauptrolle, man will entdecken, erspüren und in neue Welten eintauchen. Die zweite Phase ist die Jugend. Hier erforscht und überschreitet man in der Gruppe gerne Grenzen. Versucht angetrunken die höchsten, schnellsten und wildesten Fahrgeschäfte ohne Kotzen zu meistern. Die dritte Phase beginnt dann kurz vor dem dreißigsten Lebensjahr und dauert gewöhnlich bis zur Rente. Man geht nur noch zum Essen und Trinken hin. Oder der Erinnerung wegen. Oder einfach, um andere Leute zu beobachten.

Lustig wird es immer, wenn Firmen mit ihren Mitarbeitern gemeinsam hingehen und geschlossen auftreten müssen. Man sieht sie oft dort stehen, wo Wein und Bier ausgeschenkt werden. Kleine Grüppchen an trüben Gestalten, die nach ein paar Gläsern den Humor entdecken und der erstbesten Kollegin an den Hintern grapschen.

Freimarkt 2014

Es überraschte mich, dass 2014 etliche Fahrgeschäfte aus den Achtzigern wieder auferstanden waren. Retro auf dem Freimarkt! Eigentlich ist man jedes Jahr „höher und schneller“ gewohnt. Mit alten Karussellen kann man doch niemanden mehr anlocken, oder? Einzige Ausnahme bleibt der „Breakdance No. 2“ (1987), der noch immer als Publikumsmagnet gilt. Wie dem auch sei, die Dunkelachterbahn „Black Hole“ (1986), der „Hexentanz“ (1983), der Katastrophen-Simulator „Psycho“ (1984) und die Antik-Rutsche „Toboggan“ (1907) waren wieder mit dabei. Ebenso die Klassiker „Rotor“ (1969) und „Musikexpress“ (1977).

Neu ein 81 Meter hoher und sich drehender Aussichtsturm, um in Ruhe den Blick über den Markt zu genießen. Wer Herausforderungen mochte, wurde beim „Gladiator“ fündig: ein 62 Meter Überschlag, der sich um die eigene Achse dreht. Ansonsten dasselbe Spiel wie in jedem Jahr. Ziemlich voll, teuer und laut. Es hat trotzdem Spaß gemacht – sei es nun der Erinnerung oder der Sensorik wegen.

Links

Video: Radtour durch Bremen 1989 – mit Blick auf die Eislaufhalle
Video: Bremer Freimarkt 1987
Video: Bremer Freimarkt 1989
Video: Bremer Freimarkt 1992

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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3 Kommentare

  • Der Bremer
    07.11.2014, 12:34 Uhr.

    Vielen Dank für den tollen Beitrag und den Links zum Freimarkt!

  • Zen
    10.11.2014, 17:59 Uhr.

    Ist der Freimarkt so groß wie der Hamburger Dom?

    • Dirk
      Dirk
      15.11.2014, 9:20 Uhr.

      Sie sind ungefähr gleich groß, auch wenn beide gerne behaupten, das größte Volksfest im Norden zu sein 😉