Freimarktsumzug – Wiederbesuch nach 25 Jahren

Festliche Brauchtümer wie Umzüge und Prozessionen sind eigentlich nicht so mein Fall. In meinem rheinhessischen Exil habe ich nur ein einziges Mal den Mainzer Rosenmontagszug mitgemacht, der ja zum Pflichtprogramm der Ansässigen gehört. Dabei zählen Paraden, Aufmärsche und Prozessionen seit gut 1000 Jahren zu den deutschen Bräuchen und sind fest im Kulturgut verwurzelt. Beim Besuch meiner Heimatstadt im Oktober fiel mir auf, dass ich den Bremer Freimarktsumzug seit 1993 nicht mehr besucht hatte. Als Kind war ich regelmäßig dort. Um nicht ganz als Kulturbanause dazustehen, beschloss ich, dieses Jahr mal wieder hinzugehen und Eindrücke zu sammeln.

Freimarkt und Freimarktsumzug (2018)

Freimarkt und Freimarktsumzug (2018)

Zur Halbzeit der „Fünften Jahreszeit“ findet seit 1967 regelmäßig auf einem Samstag der Freimarktsumzug statt. Um die 130 Teilnehmer, als Spielmannszug oder auf dem Festwagen, ziehen dabei einen halben Tag lang durch die Bremer Innenstadt bis hin zum Hauptbahnhof, wo direkt die Bürgerweide samt Volksfest Freimarkt wartet. Die schönsten und kreativsten Festwagen werden am Ende von einer Jury prämiert, und danach heißt es, ausgelassen auf dem Freimarkt zu feiern.

So war es auch als Kind. Schon früh morgens ging es mit der Familie dorthin, und ich freute mich auf die vielen „Bonschen“ (Süßwaren), die von den Festwagen in die Zuschauermenge geworfen wurden. Auch das bunte Treiben verfolgte ich mit Interesse. Hab zwar nicht verstanden, warum das alles geschah, aber als Kind waren Gründe auch egal. Wichtig war, dass dieser Tag Freude bedeutete und es nach dem Umzug geradezu aufs Volksfest ging, wo in Achterbahn und Kettenkarussell der Spaß erst richtig begann.

2018: Rückkehr zum bremischen Brauchtum

So bin ich also in diesem Jahr nach langer Abstinenz wieder hin, neugierig, und um zu erfahren, was aus der Erinnerung geworden ist. Mir kam sofort alles bekannt vor: Gerüche, Geräusche, grelle Farben – wenngleich ich die bunte Show deutlich größer in Erinnerung hatte, was wohl dem kindlichen Blickwinkel von damals geschuldet ist. Laut Medien waren ca. 200.000 Zuschauer auf den Straßen. Das wäre knapp ein Drittel der Einwohnerzahl des kleinsten Bundeslandes. Aber sei es drum, es war schon recht voll, und es wurde fröhlich und ausgelassen gefeiert. Besonders die Kinder schienen ihren Spaß zu haben, was meine Erinnerung bestätigte.

Zwei Dinge sind mir noch aufgefallen, die ich seinerzeit anders oder gar nicht wahrgenommen habe. Einmal war es streckenweise brachial laut. Besonders wenn man nahe an einem Festwagen stand, schepperte schnell das Trommelfell. Vielleicht ist mein Gehör inzwischen auch zu alt für solche Sachen, oder aber der Lautstärkepegel fällt indessen dank moderner Technik tatsächlich höher aus. Eventuell ist das Volk auch so an städtischen Lärm gewöhnt, dass man heute einfach ein paar Dezibel drauflegen muss.

Wie dem auch sei, was mir noch kurios aufgefallen ist, war die immense Menge an Bierflaschen, die zu unchristlicher Zeit schon morgens auf den Straßen geöffnet war. Dachte immer, „kein Bier vor Vier“ gilt auch hier im Land der Dichter und Tränker? Zumal auch kein wirklicher Anlass für eine frühmorgendliche Dröhnung bestand – höchstens, um Helene Fischers Gassenhauer besser zu ertragen, die von den Festzügen in die Menge beschallt wurden.

Alles in allem war ich aber froh, wieder dabeigewesen zu sein. Und auch der obligatorische Freimarktsbesuch im Anschluss gefiel. Der 983. Bremer Freimarkt hatte wie jedes Jahr neue Fahrgeschäfte und Attraktionen zu bieten. Darunter die erste VR-Abenteuerbahn „Dr. Archibald“ und das derzeit höchste mobile Kettenkarussell „Jules Verne Tower“. Weitaus interessanter fand ich die nostalgische Raupenbahn von 1926, die wieder vertreten war. Hier hatten sich unter grünem Verdeck schon die Großeltern in ihrer Jugend amüsiert.

Ebenfalls passend war das traditionelle Bremer Freimarktswetter, das pünktlich mit meiner Ankunft im Norden sich durchgesetzt hatte. Ich hatte eine Woche vorher im Süden schon befürchtet, dass ich mit T-Shirt und kurzer Hose in den Norden reisen muss. Kam glücklicherweise nicht so, und ich war froh, die Dinge in der Heimat so vorzufinden, wie ich sie in guter Erinnerung hatte.  

      

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Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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