Modetrends und Minimalismus – damals wie heute kaum vereinbar?

Mode und Trends gaben schon immer Rätsel auf. Bis zur späten Jugend beeinflussen sie die Kaufentscheidung, danach ist es zunehmend die Persönlichkeit, die Hose oder Hemd für einen aussucht. Eine natürliche Entwicklung. Was kümmert es auch, wenn Modeketten jede Saison neue Flausen kreieren und dem Esel die Karotte vor die Nase halten? Man muss den Zirkus ja nicht mitmachen, kauft was gefällt und achtet eher auf Qualität als Staffage. Doch spätestens wenn eine neue Herrenjeans fällig wird und man verärgert feststellt, dass in den Läden nur noch Modeelend angeboten wird, das einen als Volltrottel herumlaufen lässt, kommt man ins Grübeln. Und fragt sich, was gerade schief läuft. Dass früher vieles anders, aber nicht unbedingt alles besser war, zeigt diese Reise in Sachen Modetrends der Achtziger, Minimalismus und der mühsamen Suche nach einem überzeugenden Kleidungsstück.

Wie Modetrends seit damals aus Männern Volltrottel machen

Modetrends gaben schon immer gerne Rätsel auf

Der Begriff Mode entstammt ursprünglich vom lateinischen „modus“ (Art, Weise) und bezeichnet grob gesagt Bräuche und Sitten, die in einem Kulturkreis zu einem Zeitpunkt vorherrschen und den allgemeinen Geschmack widerspiegeln. Mode ist somit eine Momentaufnahme und primär nicht nur auf Kleidung beschränkt, sondern kann sich natürlich auch auf Musik, Erziehungsmethoden oder die derzeit angesagten Vornamen bei Babys beziehen.

Der Begriff Trend wurde im 20. Jahrhundert vom englischen „trend“ (Tendenz) entlehnt. Im Vergleich zur Mode kennzeichnet er nicht einen aktuellen Zustand, sondern eine Tendenz, in welche Richtung sich ein Zustand demnächst entwickeln könnte. Der Trend ist somit keine Momentaufnahme, sondern viel mehr eine Prognose mit unsicherer Komponente. Aus Trends müssen nicht zwangsläufig Moden werden – auch wenn das bei Kleidung in der Regel der Fall ist. So bezeichnet das Determinativkompositum Modetrend eigentlich die Mode, die im kommenden Quartal für volle Kassen sorgt. Auch wenn es gern synonym für den Fummel verwendet wird, der momentan gerade angesagt ist.

Und über Modetrends haben sich schon die älteren Generationen köstlich amüsiert. Vom Prinzip her war es damals ja nicht viel anders als heute. Kollektive Bedürfnisse der Zugehörigkeit und Abgrenzung lassen sich durch Kleidung natürlich optimal ausleben. Und wenn dann noch Beeinflussung hinzukommt, entsteht schnell ein Modephänomen, das rückblickend irgendwann lieber verdrängt wird. So wie die Schlaghosen und Klotzschuhe der Siebziger. Nur die Keimzelle der Beeinflussung ist heute eine ganz andere. Dazu nun ein kurzer Abstecher in die Modewelt der grellen Achtziger.

Modewelt der Achtziger – Musik beeinflusste Farbe und Form

Die Achtziger waren ein Jahrzehnt der Gegensätze. Unterschiedlichste Musikströmungen und Lebenseinstellungen prallten aufeinandern, die auch alle die Mode irgendwie beeinflusst haben. Man sah schmächtige Typen in übergroßen Schulterpolster-Anzügen, die Aerobic-Welle ließ die Leute mit Stirnband zu Diskomusik herumhampeln und neben Pastellfarben mischten besonders grelle Neonfarben die Mode auf. Dreckige Turnschuhe zum Anzug, weiße Tennissocken, Vokuhila-Schnitt und fertig war der Inbegriff schlechten Geschmacks.

Als Kontrast zum Mainstream der verwahrloste Look mit zerrissener Hose, Punkfrisur, Aufnähern und Stinkefinger-Pose. Und nicht zu vergessen die von New Wave inspirierten Ästhetiker mit tiefschwarzer Kleidung, hochtoupierter Mähne und der Auflehnung gegen das Herkömmliche. Auch wenn die Achtziger vieles waren, langweilig waren sie nie. Und man könnte ganze Bibliotheken über Zeitgeist und Mode dieses turbulenten Jahrzehnts füllen.

Was rückblickend besonders auffällt, war der starke Einfluss der Musikwelt auf die Kleidung. Vom Prinzip her konnte man bei vielen Leuten auf der Straße sofort erkennen, welche Musikströmung hinter dem betreffenden Outfit stand. Ebenso war noch eine starke Präsenz von Subkulturen spürbar. Seit dem neuen Jahrtausend erblickt man solche immer seltener und fragt sich, ob Mainstream die Subkultur heutiger Jugend ist.

Musiker der Achtziger in typischer Mode: Modern Talking, Arabesque, Depeche Mode, Run DMC, Nena, Nina Hagen, Hall & Oates

Wenn man mal von Subkulturen und den Einflüssen der Musik absieht, und auch von Entgleisungen wie Pudelfrisuren oder Karottenjeans mit Rallystreifen, dann erinnere ich mich, dass Kleidung damals auch langlebiger war und nicht bei ersten Abnutzungserscheinungen gleich durch Neues ersetzt wurde. Und das hatte keine wirtschaftlichen Gründe. Die Jeans wurde beispielsweise bis in die frühen Neunziger noch so lange getragen, bis an Knien und Gesäß die ersten Löcher ausfransten. Dieser getragene und abgenutzte Stil gab der Hose etwas Individuelles und wertete sie sogar auf. Und eine neue wurde erst dann fällig, wenn die alte schon so weit kaputt war, dass man Gefahr lief, als Sittenstrolch verhaftet zu werden.  

Dieser inzwischen als „Ripped Jeans“ bezeichnete Stil hat seit einigen Jahren wieder den Weg in die Mode gefunden. Mit dem kleinen Unterschied, dass die Löcher heute werksmäßig bereits mit dabei sind. Einerseits praktisch, muss man die Hose nicht erst monatelang tragen. Andererseits sieht man den meisten Hosen diese nachträglich einfabrizierten Löcher auch sofort an, was im Endeffekt die gegenteilige Wirkung der Rebellenjeans von damals hervorruft. Das ist ähnlich als wenn ich mir einen Jeep mit aufgeklebten Schmutzflecken kaufe.

Dass Kleidung damals noch kein Wegwerfprodukt war und für viele einen anderen Wert hatte, mag auch am kleineren Angebot gelegen haben. In den Innenstädten gab es gerade mal eine Handvoll Läden, von denen sich die Hälfte auf beige Rentnerkleidung fixiert hatte. Moderne Shoppingcenter mit etlichen Klamottenläden waren in den Achtzigern noch Neuland. Und Online-Anbieter existierten natürlich auch noch nicht. Heute wird man mit Sale-Plakaten förmlich zugeschissen. Und erkennt, dass ein übersättigter Markt auch seine Schattenseiten hat. Besonders wenn man zu denen gehört, die das Oxymoron „weniger ist mehr“ zu schätzen gelernt haben.

Minimalismus, Individualität und Kleidung – recht schwieriges Unterfangen

Als Minimalist hat man es grundsätzlich nicht leicht, basiert unser Wirtschafts- und Wertesystem spätestens seit den fetten Fünfzigern auf möglichst ungezügeltem Konsum. Dabei ist Minimalismus hier keinesfalls mit Konsumverzicht gleichzusetzen. Der Schnorrer am Bahnhof, der außer Hundefutter und Bierdosen kaum etwas erwirbt, ist auf gewisse Weise auch Minimalist. Für mich persönlich bedeutet es aber etwas anderes, nämlich beim Konsum sich auf solche Erzeugnisse zu beschränken, die einen klaren Sinn und eine Funktion haben, ihren Preis gerecht sind und ohne überflüssiges Beiwerk einherkommen. Was im Endeffekt auch immer zu Konsumverzicht führt.

Hat man sich auf so eine Sichtweise einmal eingelassen, stellt man fest, dass überzeugende Produkte eher die Ausnahme als die Regel darstellen. Irgendwo hakt’s immer. Und das betrifft natürlich auch die Kleidung. Der Industriedesigner Raymond Loewy hat es vor fünfzig Jahren bereits ganz gut auf den Punkt gebracht, stellte er an Industrieprodukte für den Alltag die Forderung einer Symbiose aus Einfachheit, Funktio­nalität und Qualität.

Die Formen erwecken alle möglichen unbewussten Assoziationen — und je einfacher die Form, desto angenehmer die hervorgerufene Empfindung.

Raymond Loewy (Industriedesigner)

Klamotten sind zwar auch Alltagsprodukte, haben aber im Vergleich zu Möbeln, Verkehrsmitteln und den üblichen Staubfängern noch eine weitere Komponente, nämlich das Individuelle. Eine Uniform will man im Alltag schließlich nicht tragen. Und beim Thema Individualität wird es hakelig – sind die Zeiten längst passé, wo der Schneider einen das Gewand für ein paar Goldmünzen zusammengenäht hat. Das erledigen heute die Nähstuben der Welt in Bangladesch, die Textilien milliardenfach für ein paar Cent fabrizieren.

So gesehen ist das Individuelle futsch, da man sich sicher sein kann, dass Hose, Schuhe oder Hemd von irgendwelchen Deppen irgendwo anders auf der Welt in diesem Moment auch gerade getragen werden. Individualität lässt sich heute im weitesten Sinne nur noch durch Kombination von Kleidungsstücken erreichen – sofern man nicht seinen privaten Maßschneider beschäftigt oder wie damals Öff! Öff! das anzog, was der Wald gerade so hergab. Aber das ist auch okay, mit diesem Semiindividualismus bei Kleidung kann ich mich anfreunden. Dafür weniger mit den meisten Produkten, die angeboten werden.

Minimalistischer Klamottenkauf – leichter gesagt als getan

Mir fallen immer etliche Sachen ein, die ich lieber tun würde als durch diverse Klamottenläden zu pilgern und neue Anziehsachen zu kaufen. Aber auch lästige Dinge müssen ab und zu sein. Also auf in die Shoppingcenter, wo ich mir den Ort mit jenen teile, die offensichtlich ihre Freude am Einkauf haben. An mehreren Einkaufstüten pro Hand immer gut erkennbar. Für das eine Kleidungsstück, das ich im Bestfall erwerbe, brauche ich hingegen keine Tüte. Freut sich immerhin die Umwelt.

Und so geht es damit los, zuerst den üblichen Wust an bizarren Produkten auszusondern, die als hingeklatschtes Etwas aus wahllosen Farben, Formen und Zierrat einherkommen. Ob das nun die mit Wirrwarr überladenen Sneaker sind, die schon als modernes Kunstwerk durchgehen, oder das T-Shirt, mit dem man dank aufgedrucktem Stuss eine Zweitkarriere als Pfingstochse startet – es ist nicht leicht, Produkte zu finden, die mit wenigen Farben, einfachen Formen und unaufdringlichen Applikationen einherkommen.

Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann.

Antoine de Saint-Exupéry (Schriftsteller)

Und hat man so ein Kleidungsstück einmal gefunden, dann spuckt einen das Material in die Suppe. Bei Winterjacken hält man schnell so ein Ding in der Hand, das mehr Plastik als der Körper gewisser Dschungelcamp-Kandidatinnen enthält. Und bei den Herrenjeans gibt es inzwischen kaum noch ein Exemplar, das nicht so mit Elasthan verunreinigt ist, dass man es eigentlich als Leggins verkaufen müsste. Und wenn neue Turnschuhe schon wie alte Autoreifen riechen, frage ich mich erst gar nicht, was da alles reingekippt wurde.

Nächster Knackpunkt ist die oft mangelhafte Gebrauchstauglichkeit. Bei Sneakern nützt mir auch eine angenehme Form mit wenigen Farben nichts, wenn die Sohle so konstruiert ist, dass sie nach wenigen Wochen durchgelatscht ist. Und ein Marken T-Shirt, das nach zweimaliger Wäsche nur noch halb so lang ist, taugt höchstens noch als Zünder für Brandflaschen.

Bleibt zuletzt der Blick aufs Preisschild. Steht die geforderte Patte in keinem Verhältnis zum Gegenwert, dann ist es mir auch egal, ob ein namhafter Designer irgendeiner Marke hinter der 150-Euro-Jeans steckt. Als wandelnde Litfaßsäule für Markenlogos wollte ich eh nicht herumlaufen – da gebe ich mein Geld lieber für Nadel und Faden aus und nähe die Löcher der alten Hose einfach wieder zu.

Fazit – wenn Überflüssiges dominiert und Einfaches  untergeht

Im Prinzip kann man ja froh sein, in einer Zeit zu leben, wo Anbieter und Produktauswahl so vielfältig wie nie zuvor sind. Und wenn man zu denen gehört, die nicht einfach kaufen, sondern lieber weniger Produkte um sich herum haben, die sich am eigentlichen Bedarf anstatt den Vorstellungen der Industrie orientieren, dann lernt man auch schnell, sich ein Bezugsnetz anzulegen, was wo optimal zu erwerben ist. Und man lernt auch, um gewisse Produkte einen großen Bogen zu machen, schätzt den „inversen Kaufrausch“ die Freude, mal nichts zu kaufen.

Dennoch bleibt der bittere Beigeschmack, auch in einer Zeit zu leben, wo das Überflüssige dominiert und das Einfache immer mehr untergeht. Wo krampfhaft in immer kürzeren Zyklen ein künstlicher Bedarf suggeriert wird, der den Konsum stets neu befeuert. So verwundert es auch nicht, dass sich Sachen wie Amazons sprechende Coladose auf dem Markt tummeln – als Inbegriff für Dinge, die wir nie wollten. Die wir in frühren Jahrzehnten als Zukunftssatire abgetan hätten. Nur ist die Satire inzwischen real.

Und Kleidung ist wie vieles andere zu Wegwerfartikeln geworden, die vielen kaum noch ans Herz wächst und in die Tonne wandert, sobald die großen Modeketten eine neue Kollektion ankündigen. Und bei Quantität leidet immer die Qualität. Vieles ist kaum durchdacht und entspringt dem Druck, schnell etwas Neues auf den Markt zu bringen. Und anstatt Energie in Innvovationen wie besonders haltbare und schmutzresistente Kleidung zu investieren, kommen stattdessen Dinge wie Jeanshosen mit Tunnelzug dabei heraus. Aber sei es drum, immerhin blieb uns bislang Marty McFly’s selbstanziehende Jacke verschont, die man sich 1985 in „Zurück in die Zukunft II“ als Zukunftssatire vorgestellt hat.

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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