Progressive House – Aufstieg und Fall in drei Dekaden

In den Neunzigern hatte ich mit House nicht viel am Hut. Das änderte sich ein wenig, als 1994 aus Großbritannien ein neues Subgenre namens Progressive House zu uns hinüberkam. Bekannt wurde der Begriff um 1992, als Dom Phillips für Mixmag seine Eindrücke dieser neuen Form des House beschrieb: „Progressive House we’ll call it. It’s simple, it’s funky, it’s driving, and it could only be British”. Für neue Hypes waren die Engländer ja bekannt. Aber progressiv, also kontinuierlich ansteigend, konnte man die ersten Vertreter dieser Gattung noch nicht so richtig bezeichnen – dazu war meiner Meinung nach noch zu viel House und Dance mit drin. Erst später wurde Progressive House dem Namen wirklich gerecht. Nahm dürstend Elemente der Trance- und Techno-Bewegung auf, wurde dramaturgischer. Die Tracks bauten sich langsam und treibend auf, steigerten sich mit Flächen und dezent eingesetzten Vocals hin zur Ekstase.

Hard Hands (1992-2000) - UK Progressive House Label

Hard Hands (1992-2000) – UK Progressive House Label

Zurück zu den Anfängen. Guerilla Records, Hard Hands und Hooj Choons gehörten zu den Labels, die Progressive House damals gepusht haben. „Gat Decor – Passion (1992), „Herbal Infusion – The Hunter (1992) und „Atlas – Compass Error (1993) sind Beispiele an frühen Tracks, wo man bereits gut erkennen konnte, wohin die Reise musikalisch gehen wird. Compass Error ist nebenbei bemerkt einer der drei Tracks, die das Gänsehaut erregende Vocal-Sample „Oh, Mara“ (1988) der bulgarischen Folksängerin Yanka Rupkina reingemischt haben. Dasselbe Sample ist auch bei „Leftfield – Song of Life“ (1992) und „Fluke – Oh Yeah“ (1993) zu hören.

Sasha & Digweed in the mix

Die beiden DJs John Digweed und Sasha brachten 1994 das Mix-Album Renaissance – The Mix Collection heraus, das Progressive House ein weiteres Stück nach vorne brachte. Auf drei CDs tummelten sich jene Stücke, die die beiden DJs im Renaissance-Club in Mansfield meist aufgelegt hatten. 1994 erschien auch von Underworld der Klassiker Dark & Long (auch bekannt aus dem Film „Trainspotting“). Zu dieser Zeit war Progressive House noch „Very British“, und auf der Insel so etwas wie eine Gegenkultur zu Rave und Happy Hardcore. In den letzten Jahren des alten Jahrtausends wurde es dann ruhiger um Progressive House. Das lag einerseits an neuen Genres wie Bigbeat oder Techstep, aber auch an wieder erstarkten bekannten Styles. Musikalisch gesehen war der Unterschied zwischen Progressive House und Progressive Trance zu jener Zeit nur noch marginal.

Zehn Tracks der Neunziger, die man mal gehört haben sollte

  1. Natural Born Grooves – Groovebird [NBG 1995]
  2. Leftfield – Song of Life (Extended Mix) [Hard Hands 1992]
  3. Yum Yum – 3 Minutes Warning [Sperm 1994]
  4. Opal – The Snake [OOR 1993]
  5. Tenth Chapter – Prologue (1st Addition Mix) [Guerilla 1994]
  6. Underworld – Dark And Long (Dark Train) [Junior Boy’s Own, 1994]
  7. Quivver – Saxy Lady (Parks & Wilson Remix) [A&M 1994]
  8. Ocean Motion – The Original Breath [Urban Sound of Amsterdam 1994]
  9. Lemon Interrupt – Dirty [Junior Boy’s Own 1992]
  10. Blue Amazon – The Blessing [Jackpot 1995]

Die goldenen 2000er

Anders als bei Trance sehe ich das „goldene Zeitalter“ nicht in den Neunzigern, sondern irgendwo zwischen 2002 und 2008. Aber das ist mein persönlicher Eindruck. Zu dieser Zeit wurde alles globaler und Produzenten aus vielen Teilen der Welt zeigten, dass noch viel Potenzial drin ist. Auch wenn ich die Anfangsjahre mit einem Ohr natürlich mitbekommen habe, wurde ich erst durch die Mixserie „Deep Transmissions“ von d-phrag (bulgarischer DJ und Producer) richtig aufmerksam. Dieser begann 2003 bei Frisky Radio seine Karriere. Und die Shows „Deep Transmissions“ und „Immersed“ hatten es in sich: tief, treibend, dramaturgisch und mit dezent eingesetzten Tribal-Elementen perfekt verziert. An weiteren Talenten jener Zeit fallen mir Fady Ferraye, Snake Sedrick, Paul Kwitek, Cristian Paduraru, Timetourist und Luke Porter ein.

Zehn Tracks  der 2000er, die man mal gehört haben sollte

  1. Snake Sedrick – Across The Sahara [Sauna Recs. 2003]
  2. Tilt – Seduction Of Orpheus (Tilt’s Mythology Mix) [Hooj Choons 2000]
  3. Mannel – A Tündérek Hagja [No Smoking Recs. 2006]
  4. Omikron – 54 Hours [Pure Substance Digital 2008]
  5. Âme – Rej [Sonar Kollektiv 2005]
  6. Medway – Release (Andy Moor Remix) [Hooj Choons 2001]
  7. Digital Project – Changing My Style (Dub Mix) [Presslab Limited 2006]
  8. Monodrive – Deeper Sight (Isotope Remix) [Existence 2007]
  9. Bipath – Paranoize (Flip Path Mix) [Saw 2005]
  10. Carlos Fauvrelle – Riliz The Pressure (Jaimy Remix) [Meriduá 2006]

Abkehr

Ab 2008 entfernt sich die Musik von mir. Es gab immer seltener Mixsets, die ich mehrmals oder gar zu Ende hörte. Einmal störte mich der Singsang, der offensichtlich zum zentralen Element wurde, und weiterhin die simplen und langweiligen Melodien, die sich vom Pop ungefragt eingeschlichen hatten. Progressive House war weicher, kommerzieller und poppiger geworden. Fast schon Fahrstuhlmusik. Passte bestens zu einem Glas Wein in der Lounge oder zu einem Geschäftsessen mit Schlipsträgern. Aber nicht mehr, um abzuschalten und sich dem Sound hinzugeben. Ich war raus.

2014: Progressive House is Dead?

Fakt ist, Progressive House ist heutzutage längst kein Hype mehr, eher ein Nischenprodukt. Man muss schon genauer suchen, um aktuelle Sets zu finden – oder noch einen Club, wo Progressive House aufgelegt wird. Derzeit dominieren Minimal, Tech-House und Deep-House die Clubs. Selbst Dubstep-Pionier Skream legt heute überwiegend Deep-House auf. Seb Wheeler vergleicht auf Mixmag Tech-House mit Japanischem Staudenknöterich – eine Pflanze, die sich rasch ausbreitet und man nur schwerlich wieder los wird. Offensichtlich sind nicht alle mit der aktuellen Entwicklung zufrieden.

It’s not that tech-house is inherently bad or evil; millions of people genuinely do like it. It’s just that the march towards homogeneity, towards standardisation with once-experimental producers starting to make slick, vacuous music. Dance music should thrive on difference – anything else is worse than evil – it’s boring.

Seb Wheeler

Heute ist also alles nur noch langweiliger oder kommerzieller Mist? Nein, das sicher nicht. Ich höre auch in aktuelle Tracks und Sets rein, kann mich sogar gut mit Minimal anfreunden. Meine Club-Zeit ist längst vorbei, daher bin ich zwar nicht immer auf dem allerneuesten Stand, bekomme aber trotzdem genug mit. Zugegeben, vieles langweilt einen das Barthaar lang – beizeiten ist aber immer mal wieder ein Track mit dabei, der einen richtig mitnimmt.

Autorenbild

Paul Katz

Paul Katz schreibt über alles, was mit elektronischer Musik von gestern zu tun hat. Die Jugend in den frühen Neunzigern verbracht, kaufte er sich damals zwei Turntables plus Mixer, allerlei Techno- und Trance-Vinyl und experimentierte fleißig herum. Mangels Zeit und Erfolg hing er sein Hobby wenige Jahre später an den Nagel, verkaufte das gesamte Equipment und widmete sich den Beats vorerst nur als Zuhörer. Bis ihn 2013 das Retropie-Fieber packte ...

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