Radfahren damals und heute – ein Drahtesel als Sportgerät und Fortbewegungsmittel

Radfahren liegt im Trend. Ob nun Corona oder das kaputte Klima mit dazu beigetragen haben: Man schmunzelt schon über die vielen Neuradler auf den Radwanderwegen, die ausschauen, als wären sie ihr Leben lang nur Auto gefahren – in bunter Montur, auf nagelneuen, überstaffierten Fahrrädern. Einerseits erfreulich, dass eine auf Muskelkraft und Mechanik basierende Fort­bewegungsmethode im von Bequemlichkeit angetriebenem Land vermehrt Beachtung findet. Andererseits, so viel Mechanik spielt beim modernen, mit Elektronik überladenem Fahrrad gar nicht mehr die Hauptrolle. Aber das ist beim Auto ja ähnlich. Wo man früher den Schraubenschlüssel brauchte, muss nun die Werkstatt mit Software und Laptop her. Als jemand, der seit 40 Jahren mit dem Fahrrad unterwegs ist, hat so ein traditionelles Zweirad noch eine ganz eigene Bedeutung. Und die pendelt zwischen Sportgerät, Fortbewegungsmittel sowie einem Vehikel, an dem man rumschrauben kann – damals wie heute.

Mein inzwischen fast 25 Jahre altes „Bike“ der Marke Eigenbau.

Mein inzwischen fast 25 Jahre altes „Bike“ der Marke Eigenbau.

Vor 40 Jahren – als Radfahren mein Bewegungsmotor wurde

Sport ist ’ne feine Sache. Nicht nur, weil das Bier danach besser schmeckt, sondern auch, um sich selber zu pflegen. Das wusste auch unser Alpennachbar Rainhard Fendrich und trällerte vor 40 Jahren: „Es lebe der Spoat, der ist g’sund und macht uns hoat!“ Zwar ist diese Aussage nur begrenzt gültig, da jeder unterschiedlich auf Bewegung reagiert – dennoch gilt die Faustregel, dass so ein Körper, den man ja viele Jahre mit sich herumschleppt, auch gepflegt werden will. Und dazu gehört nicht nur Wasser und Seife, sondern schlicht auch Bewegung. Körperlich als auch mental. Ein individuelles Bewegungskonzept ist dazu sinvoll, und das kann nur jeder für sich selber herauszufinden.

Ich hatte das Glück, dass sich Eltern und Großeltern bereits früh darum kümmerten, dass mir die nötige Dosis an Bewegung nicht abhanden kommt. Mit vier Jahren saß ich zum ersten Mal auf dem Fahrrad. Ein grünes Kinderrad von „Mustang“, mit dem ich das Fahren ohne Stützräder lernen sollte. Das klappte eigentlich ganz gut. Ich konnte anfangs zwar nur im Kreis fahren, aber ich fuhr. Die Bremse hatte ich allerdings noch nicht drauf und ließ mich zum Anhalten einfach umfallen. Schnell lernte ich das Fahren, war vom Ve­lo­zi­ped angefixt und brauste mit Polizeihelm durch den Kleingarten. Daneben gab es noch meinen wöchent­lichen Schwimmunterricht, der mir das bronzene und später auch das goldene Abzeichen brachte. Radfahren und Schwimmen, das war genau mein Ding.

Zwar kein Ford, aber mein erstes „Mustang“ Kinderfahrrad (1980)

Zwar kein Ford, aber mein erstes „Mustang“ Kinderfahrrad (1980)

Mit der Einschulung kam der Sportunterricht und die Enttäuschung, dass Sport auch ziemlich unattraktiv sein kann. Dieser bestand in der Grundschule überwiegend aus Bockspringen und endlosem Teamgeplänkel wie Völkerball. Pädagogisch sicherlich wertvoll, den Kids spielerisch Teamfähigkeit und soziale Kompetenz beizubringen. Dumm nur, dass man als ausgeprägter Individualist mit solchen Dingen nicht viel anfangen kann. Ich brauchte mehr den Zweikampf statt ein Team – wollte nicht der Depp sein, der für seine Mannschaft am Spielfeldrand Schaum­stoffbälle wirft. Das führte schnell dazu, dass mich niemand in der Mannschaft haben wollte. Ich stand ja eh nur rum und demonstrierte Unlust.

In der dritten Klasse rutschte ich auch noch in eine lausige Freizeitkarriere unseres Stadtteil-Fußballvereins. Lustigerweise brachte ich nach einem Vereinsfest sogar mal einen Pokal mit heim. Meine Eltern dachten erst, den hätte ich irgendwo geklaut. Wäre da nicht mein Name eingraviert gewesen. Verständlich, die Blamage bei den Spielen wollten Sie sich nicht länger antun: „Ist das Ihr Sohn, der da in der Abwehr pennt?“ Typische Antwort: „Nö, den kenn‘ ich nicht!“ Für meine Mannschaftsleistung hätte ich auch keinen Blumentopf gewonnen. Schießen hingegen konnte ich gut, und den Pokal gab es für den Elfer-Wettbewerb, wo ich einen Ball nach den anderen ins Eck nagelte.

Erfreulicherweise gab es neben der gefloppten Laufbahn als Nachwuchs-Eusébio ja noch mein BMX-Rad „Blue Mile“, das Weihnachten 1985 vorm Tannenbaum stand und mir lange Jahre sportliche Erfüllung bot. Fliegen wie in „E.T. – Der Außer­irdische“ (1982) konnte ich damit zwar nicht, schaffte aber Weitsprünge von bis zu drei Metern, fuhr auf dem Hinterrad und probierte Tricks in der Halfpipe. Das wahre Highlight waren für mich aber Wettrennen im Gelände, wonach ich oft ausschaute, als wäre ich in eine Schlammgrube gefallen.

Ähnlich chaotisch sah meine Arbeitsecke aus, wenn ich am Rad rumschraubte und unbekümmert alles hinter mir ließ. Opa pflegte zu sagen: „Wie de Katte achtern Scheet!“ – wie die Katze nach’m Schiss. Und Radputzen hatte für mich einen ähnlichen Stellenwert wie Aufräumen. Ich nahm lieber die Graffiti-Sprühdose und lackierte den Rahmen (sowie den Steinboden) mal eben über. Da am Rad natürlich alles fehlte, was für eine Straßenzulassung nötig war, kam es schon mal vor, dass ein gelangweilter Fahrradpolizist mich anhalten wollte. Statt meinen Personalien bekam er den Stinkefinger gezeigt und musste erfahren, dass so ein kleines BMX-Rad überraschend schnell und wendig sein kann.

BMX-Rad „Blue Mile“ (Quelle-Katalog, 1986)

BMX-Rad „Blue Mile“ (Quelle-Katalog, 1986). So blitzblank wie im Katalog sah mein „Blue Mile“ nur unterm Tannenbaum aus. Dafür hielt es über fünf Jahre und überstand so einige Stürze und Zusammenstöße.

So war Sport für mich schon immer eine reine Einmannshow, die ich getreu dem Motto „Ich bin nur für mich selbst verantwortlich“ praktizierte. Bis auf Radfahren und Schwimmen gab es auch kaum andere Sportarten von Interesse für mich. Ein paar Jahre war ich ganz passabel im Tischtennis. Und nachdem ich auf dem Jahrmarkt an der Schießbude alles abgeräumt hatte, bekam ich vom Opa zum vierzehnten Geburtstag ein Luftgewehr, ballerte als Junior-Ranger im Schrebergarten auf selbstgebaute Schießscheiben (solange man sowas als Sport bezeichnen kann). Schießen konnte ich ja gut, aber die Luft war bald raus. Lag auch daran, dass ich das Gewehr selten pflegte und es irgendwann den Geist aufgab. Immerhin habe ich die gute Flinte nie mit der Farbsprühdose entwürdigt.

Vor 20 Jahren – ein Bike fachgerecht zusammengeschustert

Räder hatte ich viele im Leben. Neben dem BMX gab es ein Rennrad, mehrere Mountainbikes, ein altes Herren- sowie ein Trekkingrad. Die zehnte Eierschaukel war ein Erwerb vom Flohmarkt. Für runtergehandelte 90 DM nahm ich 1997 ein 26-Zoll-MTB in knallgrüner Hammerschlag-Optik mit. Eine Augenweide war es nicht gerade, und die meisten Komponenten billiger Plastikschrott. Die „grüne Pest“ wollte ich alsbald wieder loswerden. Ein paar Jahre später kam es anders. Da ich schon in der Kindheit gerne am Rad schraubte, entschied ich mich als junger Erwachsener, zu den Wurzeln zurückzukehren.

Anfang des neuen Jahrtausends legte ich los. Bis auf den Rahmen, der durch klare Linienführung überzeugte, wanderte alles andere zum Sperrmüll. Der Rahmen wurde abgeschliffen und schwarz lackiert. Um die Ecke gab es einen kleinen, alternativen Fahrradladen, wo man immer gut beraten wurde und auch seltene Komponenten fand. Als Inspiration für mein individuelles Fahrrad hatte ich seit der Kindheit einen schwarzen Ford Mustang von 1969 im Kopf – ein Stück Zeitlosigkeit in Schwarz und Chrom –, nur mit zwei statt vier Rädern.

Also hin zum Laden und gleich einen Triathlonlenker entdeckt. Im Gegensatz zu den gängigen Modellen bestand dieser aus einer einzigen Stange, quasi aus einem Guss, und der Typ im Geschäft erzählte was von Exot und dass er selber nicht mehr so genau wüsste, woher der ursprünglich stammte. Zum neuen Lenker nahm ich eine RST-Gila Federgabel mit und brauchte fürs Glück auf zwei Rädern neben Laufrädern und einigen Kleinkram nur noch eine geeignete Kurbel. Die üblichen MTB-Kurbeln mit den alpentauglichen drei Kettenblättern waren mir ein Dorn im Auge und im norddeutschen Tiefland ähnlich sinnvoll wie die Heizdecke in Dubai. Ich wollte eine Rennradkurbel mit zwei Kettenblättern für maximalen Tretwiderstand. Die hohlgeschmiedete Shimano 105 (Modell FC 5500) sollte es sein. Nach mehreren Tagen Montage, Schweiß und ölverschmierten Händen war das Rad dann fertig.

Noch immer kein Ford, aber seit über 20 Jahren wertgeschätzt. Mein Eigenbau-Drahtesel mit Pedalantrieb statt V8-Motor. (Bingen, 2018)

Noch immer kein Ford, aber seit über 20 Jahren wertgeschätzt. Mein Eigenbau-Drahtesel mit Pedalantrieb statt V8-Motor. (Bingen, 2018)

„Pimp My Ride“ ist nun gut 20 Jahre her, und dieses Rad hat sich seitdem kaum verändert, auch wenn es als Youngtimer inzwischen (grob geschätzt) um die 30.000 Kilometer auf dem Rahmen hat. Jedes Jahr wird es im Frühling in alle Einzelteile zerlegt und über mehrere Tage gereinigt, geölt und justiert. An Ersatzteilen kommen höchstens neue Bremszüge und alle Jubeljahre ein neues Paar Reifen hinzu. Auf gerader Strecke, bei optimalen Windverhältnissen, schafft dieses Geschoss noch immer an die 52 km/h, was für ein kleines 26-Zoll-MTB mit nudeldicken Reifen beeindruckend ist.

Es ist aber nicht nur die Geschwindigkeit, die mich dieses Rad wertschätzen lässt. Einmal hat Selbstmontiertes von Natur aus einen ganz anderen Wert als etwas Konfektioniertes. Daneben ist es aber auch die Vertrautheit, die sich über viele Jahre aufgebaut hat: Wenn sich mal etwas anders anfühlt oder -hört, kann ich ziemlich genau einschätzen, wo der Schuh drückt und den Fehler mit einfachem Werkzeug schnell beheben. Und zuletzt ist da ja noch das butterweiche Fahrgefühl, besonders wenn alles frisch geölt und justiert wurde.

Ähnlich wie beim damaligen BMX hat auch dieses Gefährt offiziell keine Straßen­zulassung. Da ich aber nur tagsüber fahre (was verkehrsrechtlich natürlich kein gültiges Argument ist), werde ich einen Teufel tun und irgendwelche albernen Reflektoren in die Speichen klemmen. Das wäre ähnlich, als wenn man einen Wackeldackel in die Heckscheibe eines 1969er Ford Mustangs stellt. Gut, der Vergleich hinkt ein wenig, aber in den über zwanzig Jahren auf diesem Rad bin ich auch nur einmal mit Blaulicht und Sirene verfolgt worden. Das lag aber mehr daran, dass ich freihändig (mit Cheeseburger in der Hand) am fahrenden Polizeiauto vorbeigeschossen bin. Denn Schießen konnte ich ja schon immer gut.

Heute, wo die „Kommerzialisierung der Bewegung“ dominiert

So vergingen die Jahre. Die Lust an der Bewegung, ob mit Rad oder im Wasser, ist mir dabei nie abhanden gekommen. Aber im Vergleich zur Kindheit und Jugend ist es heute mit der Leichtigkeit nicht mehr so einfach. Spätestens ab Vierzig merkt man, dass der Stoffwechsel sich rapide verlangsamt. Da, wo man als junger Erwachsener nach durchzechter Nacht früh morgens arbeiten ging, braucht man heute nach zwei Weizen einen Tag Urlaub. Ist man an regelmäßige Bewegung gewöhnt, fällt einen der Umstieg aufs Alter wahrscheinlich nicht ganz so schwer, als wenn es einen nach Jahrzehnten des Autosesselfurzens kalt erwischt – und der Hausarzt mit erhobenem Zeigefinger Bewegung verschreibt: „Probieren Sie doch mal, mit dem Rad zum Bäcker zu fahren!“

Und hier kommt die Kommerzialisierung gesellschaftlicher Bereiche ins Spiel. Und damit verbunden die Entdeckung der Zielgruppe „Gutsituierte Radanfänger mittleren Alters“. So wundert es nicht, dass auch hier suggeriert wird, nur mit teurem Equipment und passender Staffage seien Erfolge möglich. Ein Prinzip, das funktioniert – schaut man sich die Pfingstochsen an, die sich als erstes sportliche Kostüme und Räder im Wert außerhalb des Monatslohns eines Fabrikarbeiters zulegen. Skurrile Szenen auf den Radwegen sind dann vorprogrammiert, wenn der emeritierte Autoposer auf seinem neuen Cannondale-Rennrad von der flotten Mutti mit Citybike überholt wird.

Gerade als Anfänger einer Disziplin ist es immer sinnvoll, wenn man die Erdung nicht verliert und sich vieles noch im Rahmen der Einfachheit bewegt. Nicht nur, um Peinlichkeiten zu vermeiden, sondern auch, um ein besseres Gefühl dafür zu bekommen, was man da eigentlich macht. Alles andere wäre Satire. Und die ist im TV deutlich besser aufgehoben, wenn ein „Professor Boerne“ auf dem Bechstein-Flügel seine allerersten Akkorde einübt.

Nebenbei bemerkt, erinnert mich sowas auch gern an „Rocky III – Das Auge des Tigers“ (1982) und dem Training vor Rockys erstem Kampf gegen Clubber Lang (gespielt vom legendären Mr. T). Während Rocky durch seine Erfolge ausschweifend und kommod wurde, sein possenhaftes Training (mit Stehgeigern im Hintergrund) einer Kirmesveranstaltung glich, brachte sich Clubber Lang auf einem alten, verranzten Dachboden mit einfachsten Trainingsmethoden, Schmerz und Schweiß in Form. Mit dem Resultat, dass Rocky ordentlich eins auf die Nuss bekam und Sterne sah.

Das erste Training in Rocky III: Während Rocky (Sylvester Stallone) statt Training lieber Schmierentheater praktiziert, hat Clubber Lang (Mr. T) das „Auge des Tigers“ noch nicht verloren und bringt sich ohne Show und Beiwerk in Form.

Flüchtig betrachtet scheint die Schätzung der Einfachheit unserer Zeit in vielen Dingen abhandengekommen zu sein. Das mag einerseits an der überall lauernden Werbepropaganda liegen, aber auch daran, dass seit gut 70 Jahren faktisch Wohlstand herrscht und tatsächliche Krisen für uns Deutsche nicht mehr kollektiv, sondern nur noch individuell erfahrbar sind. Unsere Vorkriegsgeneration wurde noch in einem ganz anderen Feuer geschmiedet. Vom Opa hörte ich „Son Schiet bruk ik nech!“, gerade wenn es um technische Spielereien ging. Als Kind schob ich diesen Rigorismus aufs Alter. Dabei hat gerade diese Generation wie kaum eine andere gelernt, mit einfachen Mitteln, und aus dem, was überhaupt vorhanden war, das Beste zu machen. Und dadurch ein feines Gespür entwickelt, welche Dinge sinnvoll sind und was man besser auf der Mistkuhle entsorgt.

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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