Supermärkte – war kurz in der Vergangenheit einkaufen

Für die einen lästig, für andere euphorisierend. Durch und durch alltäglich und meist unvermeidlich: den Bedarf an Lebensmitteln irgendwo einzukaufen. Das war früher nicht viel anders, nur beschränkte sich das Angebot im Vergleich zu heute auf das Nötigste. Der Retro-Supermarkt von vor 30 Jahren war noch alles andere als „super“. Ich erinnere mich an die letzten „Tante-Emma“-Läden und enge Supermärkte mit nur einer Kasse. Klein, beschaulich und persönlich. Man kannte sich und wurde mit Namen begrüßt. Besonderes in Erinnerung das Rattern der Preisauszeichner und das laute Tippen an der Kasse. Barcodes waren Zukunftsmusik.

Wertkauf - Einkaufsrelikt auf großer Fläche

Wertkauf – Einkaufsrelikt auf großer Fläche


Neben den Mikromärkten gab es auch schon die Größeren. Sie nannten sich Comet, Extra oder Kafu – und ließen sich alle irgendwann in Rewe umtaufen. Dort war die Zukunft schon spürbar. Mehr Auswahl, weniger persönlich und die noch junge Idee, alles zu zentralisieren. So siedelten sich oft kleinere Geschäfte mit an, gewöhnlich Bäcker und Blumenläden. Heute ist diese Idee allgemein als Einkaufszentrum bekannt. Ein großer Supermarkt und drum herum alles, was man noch so braucht: Asia-Bistros, Handy-Shops und Erotik-Fachmärkte.

Discounter hingegen sind mir aus der Kindheit kaum in Erinnerung. Ich weiß, dass es einen Laden der Albrecht-Brüder gab, den wir ab und zu aufgesucht haben. Er wurde inzwischen zu einer Wohnung umgebaut. Besonders groß kann er somit nicht gewesen sein. Ich habe ihn als kahlen Raum mit vielen Paletten und aufgerissenen Kartons in Erinnerung. Auf das Nötigste reduziert und minimal. Als Kind mag man das nicht. Aber der Pudding war lecker.

Wertkauf* – es geht immer größer

Wertkauf war eine Supermarktkette, die von 1958 bis 1997 bestand – und zum Relikt meiner Kindheit wurde. Nach amerikanischem Vorbild wurden diese für damalige Verhältnisse gigantischen Märkte meist vom Stadtkern entfernt errichtet und waren eigentlich nur per Auto gut zu erreichen. Das war mir als Kind aber egal, ich musste ja nicht fahren. Was mich faszinierte, war die enorme Weite im Markt. Das lag wohl besonders daran, dass die Größe des Gebäudes überproportional zum Angebot war. Heute wirkt in Geschäften meist alles zusammengedrängt und komprimiert. Bei Wertkauf war das anders: zwischen den Produkt-Aufstellern bestand immer viel Freiheit und die Breite der Gänge war für Einkaufswagen mehrspurig. Da ich schon damals gerne viel Freiraum um mich herum hatte, fühlte ich mich dort bestens aufgehoben. Diese Atmosphäre war sowas wie ein Katalysator, um die äußere Umgebung mit der inneren Welt zu verschmelzen. Ich war ja nicht zum Einkaufen dort.

Als Kind nimmt man Größe eh viel intensiver wahr, und der Markt in der Bremer Neustadt war ein 13.000 m² großer Mikrokosmos auf zwei Etagen. Dieses Maß wurde in Norddeutschland nur von einem übertroffen: dem nicht weit entfernten und mitten in der Pampa errichteten Dodenhof. Aber das war mehr Einkaufsstadt als Supermarkt. Gerüchte besagen, dass dieser inzwischen auf 120.000 m² angewachsene Moloch nun seine eigene Postleitzahl hat. Wem solche Rekorde beeindrucken, der wird auch an den Zahlen des derzeit größten Einkaufszentrums der Welt Gefallen finden, der South China Mall in Hongkong. Viel beeindruckender als die 660.000 Quadratmeter Verkaufsfläche finde ich persönlich die Leerstandsquote von 99%.

Zurück zu Wertkauf. Im Jahr 1997 übernahm die US-Supermarktkette Walmart alle Wertkauf-Märkte, aber bis auf das Logo (das kurioserweise dem blauen Wertkauflogo recht ähnlich war), änderte sich vorerst nicht viel. Das Etablieren amerikanischer Unternehmenskultur hingegen war ein Griff ins Klo. Überfreundliches und wie Scheißhausfliegen aufdringliches Personal, der „Einpack-Sklave“ an der Kasse und das Einmischen des Unternehmens in Beziehungen der Mitarbeiter kamen weder beim Kunden noch beim Angestellten gut an. Nach vielen Jahren an Verlustgeschäft zog sich Walmart dann 2006 komplett aus Deutschland zurück. Man hatte leider nicht verstanden, dass Deutsche eben doch keine Amerikaner sind.

Und mein Wertkauf wechselte mal wieder den Besitzer. Diesmal schlug die Real-Handelskette zu. Lies vieles unverändert und machte die obere Etage für Kunden unzugänglich. Dort, wo früher Technik, Spielwaren und Gartenmöbel residierten. Die Rolltreppen nach oben wurden pragmatisch mit Gelumpe vollgestellt. Alles wirkt heute lieblos und heruntergekommen. Offensichtlich bestand für Renovierungsarbeiten kein Budget oder Interesse. Dennoch statte ich diesem Markt regelmäßig einen Besuch ab. Natürlich nicht zum Einkaufen. Die Weite ist geblieben und vermittelt in kurzzeitig aufflackernden Momenten das Gefühl von damals wieder. Eine kleine Pilgerfahrt für einen nostalgischen Moment.

Der Comet-Supermarkt in Bremen Findorff war einer der letzten Franchiser [Copyright: retropie.de]

Der Comet-Supermarkt in Bremen Findorff war einer der letzten Franchiser

Schöne neue Einkaufswelt

Legen wir die Retro-Gedanken kurz beiseite und betrachten eine Wahrheit, die schon lange kein Geheimnis mehr ist. Der Kunde im modernen Supermarkt ist eine Marionette, die das kopfnickend ausführt, was sich Unternehmen mit Unterstützung von Marketing, Psychologie und Hirnforschung gerne wünschen: einen maximal vollen Einkaufswagen. Der wirkliche Bedarf ist dabei Nebensache. Alles wurde so gestaltet, um optimal den Kaufreiz zu stimulieren: Form und Größe des Einkaufswagens, Laufwege, Hintergrundmusik bis hin zu Spiegel-, Dampf- und Dufteffekten bei Frischwaren. Alles basiert auf dem simplen ökonomischen Prinzip des Profits. Eine hohe Binnennachfrage sichert bekanntlich Wachstum, Wohlstand und Arbeitsplätze. Der Preis, den man als Verbraucher zahlt, ist das schummrige Gefühl, es mit Taschenspielern und Gauklern zu tun zu haben. Oder man denkt einfach nicht darüber nach und kauft.

Andererseits hat diese trügerische Traumwelt aus Licht und Farbe ja auch was Positives. Eine kontemplative Aura erfüllt viele der erleseneren Märkte, von Hektik keine Spur. Der Einkauf wird zum meditativen Ritual und der Verstand am Eingang vorher abgegeben. Besonders auffällig der „Alnaturismus“ bei einigen Bio-Supermärkten. Hier lächeln große Plakate mit tiefentspannten und übergesund ausschauenden Menschen herab und verleiten zum Kauf vom Bio-Schokolade und Öko-Kloreiniger. Man bringt als Kunde gerne mehr Zeit mit, weckt zum Zahlen die Kassiererin, fachsimpelt über Regenwald-Abholzung und zahlt den Dinkelvollkorngrieß mit VISA oder Mastercard.

Ganz anders heute die Discounter. Hier betritt man zu Stoßzeiten eine maschinenhafte Welt des Schnelleinkaufs. Das Personal ist auf Leistung gedrillt und funktioniert wie Schopenhauers Hornorchester. Jeder der Angestellten gibt seinen einen Ton exakt und im Takt ab. Das wurde ihnen indoktriniert. Schnelligkeit und günstige Preise sind die Disziplinen, mit denen man Supermarkt-Kunden abgreifen will. Das Zahlen an der Kasse wird für viele zum Sport. Noch bevor man das Portmonee geöffnet hat, hält man auch schon den Beleg und das Wechselgeld in der Hand. Nun aber einpacken. Der nächste Kunde drängelt und schiebt einen den Einkaufswagen in den Hintern.

Standing at the machine every day for all my life
I’m used to do it and I need it
It’s the only thing I want
It’s just a rush, push, cash

Yello – Bostich

Fazit

Würde ich lieber wieder in der Vergangenheit einkaufen gehen? Oder nehme ich das allumfassende Produktangebot, verbunden mit allen Seiteneffekten modernen Zeitgeists? Ich denke, man kann sich heute nicht beschweren. Die Auswahl an Produkt- und Preisklassen wächst ständig  und bietet für jeden etwas. Vielfalt bestimmt unsere Zeit und jeder kann sich seinen Gaukler aussuchen, der am besten passt. Das war vor 30 Jahren nicht der Fall.

Wenn man sich selber trainiert, bedachter und bewusster einzukaufen, verpuffen auch viele Marketing-Fallstricke der Supermärkte und die Hektik im Discounter prallt wirkungslos ab. Ob mir die Zukunft des Einkaufs auch gefallen wird, bleibt abzuwarten. Solange mir Kühl- und Kleiderschrank abends nicht erzählen, was sie tagsüber bei Rewe für mich bestellt haben, habe ich noch Hoffnung.

Links

Manipulation im Supermarkt
New South China Mall: Too big to fail
Einer der letzten Bremer Comet-Märkte geschlossen
Dodenhof bei Wikipedia

Autorenbild

Dirk

Als ein Kind der späten 1970er schreibt Dirk über all die Dinge, die sich in den letzten 30 Jahren für ihn verändert haben. Dabei kramt er nicht nur alte Computer- und Videospiele wieder hervor, sondern untersucht auch die alltäglichen Dinge des Lebens. Seine zentrale Frage beschäftigt sich damit, warum gewisse alltägliche Dinge der Kindheit und Jugend später einen besonderen Status erhalten.

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3 Kommentare

  • Zen
    10.11.2014, 18:02 Uhr.

    Der Abschnitt zu den Biomärkten und Discountern ist köstlich 😀

  • Yani
    07.06.2017, 18:04 Uhr.

    Hej Dirk,

    bin beim Recherchieren für einen Poetry-Slam – Beitrag auf Deine Seite gestoßen. Wollte eigentlich nur Comet googeln. Danke für Deinen Beitrag. Habe einige Parallelen zu meinem Text gefunden. Vielleicht liegt es daran, dass auch ich ein Kind der späten 70-er bin.

    Gruß an meinen Fellow – Zeitreisenden

    • Dirk
      Dirk
      07.06.2017, 19:33 Uhr.

      Freut mich, dass dir der Beitrag gefallen hat. Dann ein paar nette Grüße zurück!